Bild

Nasen

Zwei gemalte Nasen im Halbprofil auf türkisem Grund. Die Farbpalette ist kräftig, die Pinselstriche noch deutlich erkennbar.

Grafiktablett in Krita

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Deutung

In Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit findet sich eine Passage, in der eines der Bilder des fiktiven Malers Elstir ausführlich beschrieben wird: „Im Vordergrund des Strandes hatte der Maler die Augen daran gewöhnt, keine feste Grenze, keine unbedingte Scheidelinie zwischen Land und Meer zu erkennen. Männer, die Schiffe ins Meer schoben, schienen ebensogut auf der Flut wie auf dem Sande zu laufen, der, von Feuchtigkeit durchzogen, bereits die Schiffswände spiegelte, als ob er Wasser sei. Das Meer selbst stieg nicht gleichmäßig, sondern entsprechend den zufälligen Gegebenheiten des Strandes an, die durch die Perspektive noch mehr aufgelockert wurden, so daß ein Schiff auf hoher See halb verborgen hinter den Außenwerken des Arsenals mitten in der Stadt zu schwimmen schien; Frauen, die zwischen den Klippen beim Krabbenfang waren, sahen aus, da sie von Wasser umgeben waren und da im Vergleich zu der kreisförmigen Schranke der Felsen der Strand (an den beiden dem Lande zu gelegenen Seiten) so tief lag wie das Meer, als befänden sie sich in einer von Booten und Wellen überwölbten Grotte, die offen und doch sicher beschützt inmitten der durch ein Wunder zerteilten Wolken lag.“

So geht es noch weiter. Die Beschreibung des erfundenen Bildes, die sich nicht davor scheut, das Bild selbst genau zu malen, enthält Interpretation ohne zu interpretieren. Die Art der Beschreibung, die Wahl der Vergleiche und die Wortwahl selbst, legt Gedanken nahe, die über das Bild hinausreichen, die den Blick auf Landschaft selbst verändern. Wer diese Beschreibung gelesen hat, wird Landschaftsbilder nicht mehr mit den gleichen Augen sehen können. Es handelt sich um so etwas wie eine zeigende Ästhetik. Die Beschreibung ist dabei kein Beispiel und enthält nichts Erklärendes. Sie deutet nur wörtlich.

Pendu

Dinge sind auch nur Menschen. Jene erlösen hieße diese erlösen. Die selben Dinge in ein anderes Licht rücken. Das Verhältnis zu den Dingen prägt das Verhältnis zwischen den Menschen vor. Es ist fraglich, ob das Zertrümmern von Gegenständen an den versteinerten Verhältnissen rüttelt. Vielleicht bedürfte es eher einer bestimmten Art von Zärtlichkeit.

Entsprechend ist die Gewalt gegen Dinge virtuell die gegen Menschen. Es gibt einen Witz von Karl Farkas, in dem es so zu geht. Der Kabarettist beschreibt ein Bild vom Schlage der Bilder, die Dinge zeigen, die es gar nicht gibt – wie brennende Eisberge oder Maurer bei der Arbeit. Dieses Bild zeigt eine Landschaft, in der alle Farben verdreht wurden. Die Wiesen auf der Leinwand sind blau, der Himmel gelb, die Bäume rot und der Titel des Bildes lautet: im Grünen. Ich verstehe ja, so Farkas weiter, dass der Künstler das so gesehen hat und ich sehe auch ein, dass er es so gemalt hat, nur verstehe ich nicht, warum man es aufgehängt hat: vielleicht, weil man den Künstler nicht erwischen konnte?

Tâches II

Der Gedanke, es gebe einen Sadismus gegen Kunst, tönt gleichzeitig richtig und falsch. Falsch, weil es die Metapher vom Leben der Werke, vom Kunstwerk als lebendigem Gebilde überstrapazieren hieße, ihnen die Fähigkeit zum Schmerz zuzuschreiben. Zudem ist es zwar durchaus denkbar, jemand könne Aggressionen gegen Kunst hegen und es genießen, sie auszuleben – allerdings handelte es sich deshalb noch nicht unbedingt um Sadismus. Dazu fehlte das Vergnügen am Schmerz, an der Macht des Quälens und dergleichen.

Schwieriger ist es, das Richtige des Gedankens zu fassen, das es nicht erlauben will, einfach den Begriff Aggression, Widerwillen, Abneigung oder sogar Hass an Stelle des prekären Ausdrucks zu setzen. Vielleicht liegt der Schlüssel nicht in der Abneigung gegen Kunst, sondern in ihrer Verehrung. Wenn gesagt wird – und es wird oft gesagt – Kunst und Kultur verliehen der Gesellschaft erst ihren Wert, ohne sie wäre diese nichts, offenbart sich darin nicht nur die Rolle von Kunst als Platzhalter einer anderen Welt, die wirklich lebenswert wäre, sondern auch eine latente Feindschaft gegen die Menschen, auf die es in diesem Topos am wenigsten ankommt.

Vielleicht ist es dieser Menschenhass, der als Hass gegen Kunst durchbricht, sobald ihre Fassade unnahbaren Jenseits Risse zeigt. Die Verehrung schlägt um und entpuppt sich als Sadismus. Überhaupt ist es vielleicht legitim, dort von Sadismus zu sprechen, wo Schwäche Gewalt provoziert.

Tâches I

Unvorstellbar: jemand sagte, angesichts etwa Cézannes Mont Sainte-Victoire, da wäre ein seltsamer Fleck. Wohl ein Fehler Cézannes, der Fleck sehe komisch aus, vielleicht stattdessen eine andere Farbe verwenden oder den Fleck überhaupt weglassen. Der Fleck wirke irgendwie aufgeklatscht, als wäre er nicht auf dem Berg, sondern auf die Leinwand geraten. Jedenfalls wäre das eigenartig, da hätte er sich etwas überlegen müssen.

Eine Ansage, die allerdings als Bemerkung an einer Kunstuniversität gegenüber dem Bild einer Kollegin keinerlei Aufsehen erregen würde. Wenn Cézannes einen Fleck malt, wird die Theorie so angepasst, dass der Fleck sie geradezu konstituiert, während sich die meisten gegenüber nicht-etablierten Kolleginnen herausnehmen, was ihnen nicht in den Kram passt oder nicht einleuchten will, als Makel des Werkes zu bemängeln.

Diese besondere autoritäre Überheblichkeit ist übrigens außerordentlich verlockend und es ist ihr schwer zu widerstehen. Die Notwendigkeit von Feedback oder prägnanter Kritik als Voraussetzung von Weiterentwicklung ist die recht durchsichtige Rationalisierung eines Sadismus gegen Kunstwerke schlechthin, der ausgelebt wird, sobald das Werk sich schwach zeigt, in statu nascendi oder als von Institutionen und großen Namen noch ungedecktes.

Feedback, mit dem künstlerisch etwas anzufangen wäre, das ins Innere des Gebildes vordränge, erkennte die scheinbaren Schwächen als Momente der potentiellen Stärke des Werkes.

Encore III

Aus dem Wiederholungstabu, dem Kraftverlust des sich bloß wiederholenden Denkens, ergibt sich eine Art Druck nach vorne: Ein Zwang zum Nächsten und Anderen. Ist die Wahrheit eines Gedankens – kaum gedacht und schon verglüht, einen Moment lang nur aufgeflammt – seinem Wesen nach flüchtig, kann es nie zur Ruhe kommen. Denken wird so, aufgrund seiner immanenten Dynamik, weiter gedrängt. Dieser Impuls müsste wahrgenommen werden, ohne seinem Gebot sogleich willfährig zu gehorchen. Vielleicht hieße Denken paradox gerade, sich der Bewegung des Denkens zu widersetzen. Auch hier liegt Wahrheit im Abgebrochenen und Abgelenkten, im Umweg und im Stocken.

Encore

Vielleicht kann kein Gedanke im vollen Wortsinn zweimal gedacht werden. Das nachträgliche des Denkens erzwingt die Einmaligkeit. Würde ein Gedanke noch einmal gedacht, handelte es sich nur um geistige Technik – sich auf die Schliche kommen kann man nur einmal. Die reflexive Einsicht wiederholt, wäre schon ihr Gegenteil: ein eingeübtes Muster, geeignet zur Beruhigung. Im Grunde muss jeder Gedanke der ihn Wiederholenden schon als falsch erscheinen. Und nur der dieser Falschheit überführte und verworfene, dessen Wahrheit wird errettet.