Wie das Wort Unten singen

Es käme mir ganz falsch vor, es tief zu singen; tief aus der Brust, von unten her. Wie in den selbstgemachten Musikvideos auf Youtube, erschiene mir das, wo beim Wort Ballon ein Heißluftballon gezeigt wird, im Adobe-Himmel, beim Wort Liebe ein Paar, das sich hinter den Ohren krault, und beim Wort Angst ein dunkler Raum, dessen Tür sich langsam schließt.
Also müsste ich es hoch singen, schrill wie ein Stahlbohrer: „Unten!“ – Kontrast, Gegensatz und so weiter. Aber das folgte demselben Prinzip. Nur zeigte das Musik-Video dann eben beim Wort Stein ein Stück Watte und beim Wort Hass zwei Murmeltiere, die ihre Schnauzen aneinander reiben, beim Wort Auto eine verschimmelte Tomate.
Man müsste das Wort Unten in der Melodie verstecken, sodass niemand auf die Idee käme, es gäbe einen Zusammenhang zwischen Musik und Text. Dann dächte man allerdings: Da versucht jemand, das Problem zu verdecken, löscht es feig aus: Da weiß jemand nicht, wie das Wort Unten singen.

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Hip und Hop

„Nicht schlecht die Demo, hä? Meinst du da geht was?“
„Ich weiß nicht, ob ich wirklich die Richtige bin, um das zu beurteilen.“
„Wieso? Ich erwarte ja nicht … du hast es dir doch reingezogen. Geil oder?“
„Es wirkt professionell gemacht und die Texte funktionieren, soweit sich das sagen lässt. Ich kenne mich bei Rap halt wirklich schlecht aus.“
„Da musst du dich nicht auskennen. Wer labern kann, kann rappen.“
„Hast du es anderen auch vorgespielt?“
„Ja, ein paar Freundinnen.“
„Und?“
„Ja, auch so, naja. Es ist doch geil oder? Also ich find es geil.“
„Ich kann mich für diese Musik generell nicht begeistern. Aber wie gesagt, alles sauber gemacht, soweit ich das beurteilen kann.“
„…“
„Das eine Lied, das zweite glaube ich.“
„Tinderella.“
„Ja.“
„Was ist damit?“
„Ziemlich traurig. Wie bist du darauf gekommen?“
„Keine Ahnung. Eine Freundin hat mir erzählt, dass es ihr so geht. Alle sagen Tinder, Tinder, Tinder. So gut, weißt du?“
„Ist das deiner Freundin nicht unangenehm?“
„So ist das im Hiphop. Da ist man ehrlich. Wenn man Probleme hat, wenn andere Probleme haben, dann macht man einen geilen Track daraus.“
„Sind deine Texte alle wahr?“
„Ich bin übrigens nicht die Freundin. Ich weiß, das klingt jetzt so.“
„Es klingt ein bisschen so, stimmt.“
„He, ich scheiß auf Tinder. Ich brauch das nicht.“
„Tinderella, Tinderella, yo, yo.“
„Hör auf, das ist peinlich.“
„Wie war das? Wer labern kann, kann rappen.“
„Du bist die Ausnahme.“
„Diss mich nicht.“
„Nagut ich zeig dir was. Pass auf. Sprich mir nach: Ich steh am Mic und nicke heftig mit dem – Kopf.“
„Ich steh am Mic und nicke mit dem Kopf.“
„Heftig.“
„Was?“
„Nicke heftig mit dem – Kopf.“
„Ich steh am Mic und nicke heftig mit dem – Kopf …“
„Während mein Hawerer der Eisbong ihren Hut – stopft.“
„Während mein Hawerer der Eisbong ihren Hut stopft.“
„Hut – stopft.“
„Hut stopft. Habe ich doch gesagt.“
„Hut – Pause – stopft. Sonst geht es nicht.“
„Während mein Hawerer der Eisbong ihren Hut – stopft.“
„Ok, jetzt alles. Ich steh am Mic …“
„… und nicke mit dem – Kopf“
„Kopf.“
„Während mein Hawerer der Eisbong ihren Hut – stopft.“
„Stopft.“
„…“
„Schau. Sag ich ja.“
„Von wem ist das?“
„Von mir.“
„Geil.“

Foto: Stencil von einer Kassette auf ein Holzbrett gesprayed.

Unwetter

Es gibt bei Adorno zwei verwandte Figuren, die sich einiger Beliebtheit erfreuen. Die eine ist die der Verteidigung gegen die Liebhaber. Die Feindinnen seien nicht so schlimm, bzw. solche Banausen, dass sie keine Rolle spielten. Aber die Fans, die Kennerinnen, die Begeisterten hätten alles gerade falsch verstanden.

Die andere verwandte Figur ist jene, welche behauptet, die etwa von Neuer Musik Abgestoßenen würden die Musik noch mehr wahrnehmen als jene, welche sie wohlmeinend, aber gewissermaßen ohne richtig aufzupassen, auf ein Podest stellten, um sie zu verehren.

Die erste Figur als Auftrumpferei und Wettstreit um authentischere Anhängerinnenschaft abzutun, scheint nicht völlig verfehlt. Schließlich wird sie meist von jenen strapaziert, welche selbst große Stücke auf die Verteidigten halten, denen aber die Gesellschaft, in die sie sich damit begeben, nicht behagt.

An der zweiten ist mehr daran. Aber sie hat im Grunde dasselbe Problem. Wer sie bedient, räumt sich selbst eine Sonderstellung ein: Sie möge die Musik und habe dennoch verstanden. Jene, welche den Schock nicht nur notieren, sondern auch geschockt sind, werden zu Blitzableitern. Ihre Empörung verärgert nicht, sie beruhigt – wie das Prasseln des Regens und das Heulen des Windes jene beruhigen kann, die sich wohlfühlen in ihrem Haus.

Kippbilder

Es ist eine der bemerkenswertesten und charakteristischen Eigenschaften jeder Kunst, dass sie in einer bestimmten Ansicht ein seltsames Kippbild darstellt. Jedes einzelne Werk und jeder Werkkomplex ergeben für sich betrachtet einen Sinnzusammenhang, mag er geschlossen, brüchig oder durchlässig sein. Jedenfalls absorbiert er die Frage nach dem Sinn der Kunst in ihr Inneres. Sie kommt nicht auf, weil die Frage nach diesem inneren Sinn der Gebilde im Moment der konzentrierten Beschäftigung um soviel drängender erscheint.

Doch kaum tritt die denkende Betrachterin aus der Sphäre der Kunstwerke aus, blickt auf sie wirklich nur von außen, kippen die Stücke um. Sie verrätseln sich zu einer durchaus banalen und durchsichtigen Fassade, welche die Frage geradezu aufdrängt: Was soll der Scheiß eigentlich? Was vorher als subtiles Spiel der kleinsten Nuancen und Aspekte der Werke aufgefasst werden konnte, muss jetzt als Projektion und Wichtigtuerei erscheinen.

Diese Kippbildhaftigkeit der Kunst ist das stärkste Indiz dafür, dass künstlerische Werke wirklich eine eigene Welt bevölkern.

Dialektik der Musik

In seiner Autobiographie beschreibt Charlie Chaplin, der in ärmlichen Verhältnissen aufwuchs, wie er an manchen Samstag Abenden den Klängen einer auf der Straße vorbeiziehenden Ziehharmonika zu lauschen pflegte. Ihr fröhliches Lied wurde von den Stimmen der Menschen auf der Straße begleitet. „In meiner Betrübnis fühlte ich den lebendigen Schwung der Musik als brutale Gleichgültigkeit, doch wenn sie in der Ferne leiser wurde, bedauerte ich es, sie nicht mehr hören zu können.“ Das ist die Dialektik der Musik: Sie ist die zynische, kaum auszuhaltende Beschönigung des Bestehenden, ohne welche das Leben nicht zu ertragen wäre. Denn sie ist mehr als Trost; sie spricht von einer Welt, in der die Menschen nicht länger hungerten und litten und stürben.

Alte Theorie

Die Beschäftigung mit Theorie ist ein bisschen wie das Interpretieren alter Musik. Es wird altes Denken gedacht. Das behandelte theoretische Werk will in seiner eigenen gedanklichen Dynamik mitvollzogen werden. Es verlangt, sich seiner Bewegung denkend zu überlassen. Eine im Kern zutiefst private und einsame Angelegenheit. Auch lässt sich dieses Denken, im Unterschied zum Studium der alten Musik, im Nachhinein nicht als geleistet vorführen. Kein Konzert kann die getane Arbeit öffentlich präsentieren. Der müden Sekundärliteratur, den vorgelesenen Fachvorträgen, die das versuchen, merkt man die Belanglosigkeit an, mit der sie aus dem geleisteten Denken Profit schlagen wollen. Letztlich muss Denken über Theorie bei sich bleiben und es ist gerade das, was seine Allgemeinheit stiftet.

Dirigieren

Als Kind hatte ich beim Hören von Musik den intensiven Drang, das Gehörte zu dirigieren. Ich wusste wohl, dass meine Gesten eher Tanz waren, der sich bloß als Anweisung gerierte. Dennoch war ich dabei peinlich darauf bedacht, den Eindruck zu erwecken, die Musik würde sich nach meinem Fuchteln richten; auch imitierte ich die Gesten der Dirigentinnen, die ich im Fernsehen gesehen hatte.

Eine Geigerin, die bei uns in der Wohnung übte, musste mit Geduld ertragen, dass ich leidenschaftlich gerne, falsch und mit großem Enthusiasmus, den vermeintlichen Takt ihres Spiels auf dem Fußboden schlug. Ich selbst war von der Nützlichkeit meines Tuns übrigens überzeugt.

Wenn Helmuth Plessner recht hat und die Dirigentin die Sprecherin des Publikums ist – also die Bewegungen vollführt, welche die Hörenden sich versagen müssen –, dann sind die Menschen wohl beim Hören von Orchester-Musik innerlich zappelnde Kinder, denen verboten werden muss, den Takt falsch mit zu klatschen. Genauso soll es sich beim Neujahrs-Konzert in Wien dieses Jahr zugetragen haben.