Auseinanderbrauen

Es drängt sich auf, radikale Gesellschaftskritik, die aufs Ganze geht, mit Verschwörungstheorien in Zusammenhang zu bringen. Die Gründe liegen auf der Hand. Beide bieten eine Version der Welt an, „wie sie eigentlich ist“, beide bilden ein relativ geschlossenes Weltbild oder eine ausgefeilte Theorie von der Welt, die vor Kritik einigermaßen gefeit ist, die Proponentinnen beider verkehren gerne unter Ihresgleichen und fühlen sich mitunter von anderen unverstanden. Das gilt nicht nur für kleine Polit-Sekten, sondern diese Merkmale kennzeichnen in gewisser Weise jede differenzierte und gründliche Gesellschaftstheorie, die sich nicht vom Unterschied zwischen dem gesellschaftlichen Wesen und seiner Erscheinung abbringen lässt.

Natürlich muss diese Nähe geleugnet werden. Aber die Gegenargumente klingen oft etwas matt oder sind nur schwache Relativierungen. Verschwörerinnen würden personalisieren – als wäre es so verschieden, ein paar Leute zur Wurzel des Übels zu erklären oder ein abstraktes Prinzip. Und wie schnell ist das Prinzip vergessen, wenn es ans Eingemachte geht. Weiters würden Verschwörerinnen projizieren und wären zur Selbstreflexion nicht fähig, eine Diagnose, die bei anderen immer leicht zu stellen ist, während die mangelnde Fähigkeit zur Introspektion bei einer selbst, schon dem Begriff nach, gar nicht bemerkt werden könnte.

Es gibt aber doch einen triftigen Einwand, der Verschwörungstheorien von einer bestimmten Art der Kritik deutlich abgrenzt, wenn er auch andere Spielarten umso mehr exponiert: Kritik im emphatischen Sinn, will die Welt gar nicht erklären, nicht sie im Geiste wiederholen. Sie geht auf das, was nicht sein soll, darin ist sie punktuell und sagt keineswegs, „wie es eigentlich ist“. Kritik geht nicht auf Eigentlichkeit, sondern gegen das Falsche. Darin ist sie ganz Partikular. Eine Stärke, die in Schwäche umschlägt, sowie das sture Starren aufs Einzelne den Blick fürs Ganze verkümmern lässt.

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Lustprinzip

Die nicht wenig verbreitete Auffassung, Widerstand und politische Aktion müssten lustvoll sein, hat auch ihr Infantiles. Es soll nicht sublimiert werden müssen. Aus dieser Sicht fällt überhaupt zu vieles verdächtig günstig ineinander: Was gut für mich ist, ist gut für die Welt; wenn es mir gut geht, kann ich mehr Verändern und dergleichen.

Wenn die aus der berechtigten Kritik der Lustfeindlichkeit erwachsene Rede vom Lustvollen der Politik ihren Platz haben sollte, dann müsste es sich doch letztlich eher um sublimierte Lust handeln: Lust am Denken, Lust an der Verweigerung.

Allerdings: Vielleicht kann Verweigerung in diesem Sinn nicht lustvoll sein. Denn schließlich verlangt Sublimierung den Subjekten stets ab, ihre Lust in anerkannte Bahnen zu lenken. Und darin ist sie ihrem Begriff nach bereits affirmativ. Psychoanalytisch betrachtet gibt es keinen Verzicht – die Lust wird immer nur aufgeschoben, in der Hoffnung, später um so mehr genießen zu können.

Autophilie

Zwischen autoritärem Denken und der Liebe zu Autos gibt es einen eigenartigen Zusammenhang. Die Verbindung muss unterirdisch verlaufen, denn äußerlich ist sie nicht zu erkennen. Sie verrät sich nur als eine Synchronizität, als ein auffallend häufiges gemeinsames Auftreten eben der Autoliebe und einem Hang zu geistiger Starrheit und Brutalität. Freilich kann hier nur von einer bestimmten Art der Verherrlichung des Automobils die Rede sein. Denn es gibt auch den freundlicheren, den eher magischen Bezug zu dem Vehikel, das dann gerne vermenschlicht, ja mit Namen getauft und angesprochen wird.

Aber die Faschistin bewundert anderes am Auto. Die Expressionistin Marie Holzer hat es als den Anarchist unter den Gefährten bezeichnet. Es ist der „Sieg der Kraft über die Pedanterie vorgeschriebener Grenzpfähle, ein Überschlagen, Überspringen langsamer Entwicklungsstadien, ein plötzliches Emporwachsen, ein herrisches Bejahen eines Gedankens, der uns emporträgt, der sich zum Bedürfnis aufgezwungen. Ein glänzender Rekord der Technik, die uns bewiesen, daß persönlicher Wille zum Gesetz werden kann, werden muß; daß Kraft, Stärke und Überzeugung über alles mühsam Zusammengetragene und mühsam Erworbene hinweggeht, hinwegsaust…“ Und der Futurist Filippo Tommaso Marinetti erklärt in seinem zutiefst antifeministischen und sexistischem futuristischen Gründungsmanifest: „Wir erklären, dass der Glanz der Welt sich um eine neue Schönheit bereichert hat: um die Schönheit der Schnelligkeit. Ein Rennautomobil, dessen Wagenkasten mit großen Rohren bepackt sind, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen, das auf Kartäschen zu laufen scheint, ist schöner als die ‚Nike von Samothrake‘.“

Dieser Anarchismus hat nichts von Herrschaftsfreiheit, eher schon ist er der Inbegriff der Herrschaft: der Herrschaft der Maschinen, dessen, was über die Menschen hinweggeht, des Sichhinwegsetzens, des ungestümen und kopflosen Voranrollens. Marinetti vergleicht das Auto mit Tieren, mit Schlangen, lebendig und gefährlich aber ohne Vernunft. Das ist es, was am Auto bewundert wird – es verkörpert den toten Fortschritt, den zermalmenden Fortschritt der Maschinen, der ohne gesellschaftlichem keiner ist. Diese Bewunderung ist gespiegelte Menschenverachtung. Sie zieht die Technik, in der es ein Weiterkommen gibt – sei es auch, oder eher gerade, ein blindes, kopfloses; zumindest ist es ein Voran – der Gesellschaft der Menschen vor, die versteinert ist. Die Liebe zum Auto ist eine versteckte Identifikation mit dem Bestehenden schlechthin, welche die Unerträglichkeit erträglich machen soll, dass doch zu ändern wäre, was nicht aufhört, die Menschen zu verstümmeln.

Medaille

Wer Kunst kaufen oder auch nur gut finden will, wird sich in Zeiten innerer wie äußerer Unsicherheit, eher für konkrete Kunst entscheiden. Für Kunst mit Wirkung, die mit solider handwerklicher Fähigkeit hergestellt wurde. Für die aufwendig gemalten Bilder eines Neo Rauchs oder die effektvollen Gemälde Francis Bacons, für den vagen aber jedenfalls manifesten Geschichtsbezug der Werke Anselm Kiefers oder gleich für die Skulpturen Damien Hirsts, die gleichsam das Naturding selbst, eindrucksvoll präsentiert, ins Museum stellen.

Der Abstraktion wird eigentlich nicht so recht getraut, schon gar nicht der unprätentiösen. Wer weiß, vielleicht ist gar nichts dahinter? Mag sein und sie ist doch nur das, als was sie den meisten ohnehin erscheint: Ein großer Witz eines großen Kindes. Jedenfalls nichts Handfestes; die Abstraktion ist das Finanzwesen der Kunstwelt, die abstrakte Seite des Kapitals, die gedanklich der Konkretion als der „Realkunst“ gegenübergestellt wird. Das steckt auch darin, wenn sie regelmäßig in Verdacht gerät, bloße Verzierung, bloßes Ornament für Anwaltskanzleien und Banken zu sein und übrigens auch wirklich gerne dort hängt.

Der Impuls zum Konkretismus in der Kunst ist also dem Angst-Wunsch verwandt, der im Kapitalismus viele – wenn die Nacht sehr dunkel ist – befällt: Nach einem Stück Grund, nach einem Haus, nach etwas, dem zu trauen ist.

Was an der Abstraktion dagegen reizt, ist ihre Verheißung von sozialem Aufstieg, sie weist aufs Höhere: ein Umstand, der sie offenbar als zur Ikea-Massenware geeignet auszeichnet.

Somnambulie

Es verhält sich weniger so, dass die Gedanken einfach schon von der Maschinerie vorgegeben wären. Eher fügt der Gedanke sich aus eigenem Antrieb, mehr oder minder bewusst, in die Apparatur, um sie bedienen zu können. Freilich ist das Zurechtkommen mit den zur Natur verfestigten Verhältnisse überlebensnotwendig: wer nicht lernt, ihnen gemäß zu denken, bleibt auf der Strecke. Die Freiwilligkeit stellt sich als scheinhafte heraus, sie ist bloß der Schatten der Unfreiheit. Nur durch die falsche Freiheit hindurch wird das Bewusstsein vollends von Verdinglichung ergriffen. Deshalb setzt sich diese auch dort, wo Freiheit noch eher verwirklicht scheint, umso unerbittlicher durch. Lukács spricht in Geschichte und Klassenbewusstsein davon, dass die „Bewußtseinsprobleme der Lohnarbeit sich in der herrschenden Klasse verfeinert, vergeistigt, aber eben darum gesteigert wiederholen.“

Während der Körperarbeiterin primär ein technischer, von ihrer geistigen und emotionalen Identität leichter abtrennbarer Teil, als fremdes Ding gegenübertritt, gerät der Geistesarbeiterin ihre ganze Persönlichkeit zum Arbeitsvermögen, das sich am Markt als Arbeitskraft verhökern lässt. Persönlichkeitsbildung wird zur Möglichkeit den Wert der eigenen Arbeit, den eigenen Wert zu erhöhen. Indem aber die Verdinglichung so umfassend ist, wird sie paradoxerweise nicht mehr als solche kenntlich: eher scheint es, als wäre die Privilegierte ihr entgangen. Sie glaubt den Traum verwirklicht, tun zu können, was sie will. Im Denken taucht dieses Phänomen in der Vorstellung auf, Beruf und Interesse könnten in eins fallen; welch’ glückliche Koinzidenz, sich für das zu interessieren, was der Markt verlangt. Das Hobby wird zum Beruf gemacht, dem es ohnedies schon immer glich. Berufung wird Beruf. Die Arbeit erfüllt. Indem vom Individuum vermöge solcher Erfüllung nichts übriggeblieben ist, scheint sich Individualität zu verwirklichen, für einige doch – auch jetzt schon – möglich zu sein: Somnambulie.