Manoeuvre

Es gibt Menschen, deren Dummheit ist ihre Klugheit: zu sagen, was sie sagen, würde ihnen genaueres Nachdenken verwehren. Ein Beispiel eines solchen Menschen ist der Autor des vorherigen Satzes. Ich habe ihn impulsiv in meinem Notizbuch niedergeschrieben und als Material für Samuel Estragon markiert. Dort saß er schon seit einiger Zeit. Reflexion, heißt es da, würde den Gedanken mitunter schwächen – vertiefen aber dämpfen.

Der Gedanke hält aber genauerer Prüfung nicht stand. Erstens ist er in dieser Formulierung, die nahelegt, dass man selbst nicht zu jenen mit dieser zweifelhaften Art der Klugheit begabten zählt, überheblich und arrogant. Zweitens enthält er eine gehörige Dosis Denkfeindschaft, die dumpfe Sehnsucht nach Forschem, Direktem und einfach Gestricktem. Er gerät zu der Fantasie, welche viele grüblerische Kinder in der Pubertät entwickeln, es wäre ein Segen, dumm zu sein. In ihr paart sich Größenwahn mit Unsicherheit. Als Fantasie ist daran nichts auszusetzen. Die Erwachsene bemerkt jedoch, das sie nicht um so viel klüger ist wie sie denkt und die Kluge stellt fest, dass ihr der Verlust der Freude des Denkens das Schlimmste wäre.

Passend schiene es jetzt, den wahren Kern des Gedankens zu retten und zu versuchen, das Dumme und Angeberische wegzulassen. Ich halte es im Grunde für unmöglich und sogar für verlogen. Überheblichkeit als Bescheidenheit zu tarnen ist schlimmer als diese. Der Gedanke ist ohne sein Dummheit nicht zu haben, sollte etwas Wahres daran sein, dann nur vermittels seiner Falschheit. Wahrscheinlich steckt eigentlich mehr in der ihn verwerfenden Bewegung als im Ausgangsgedanken selbst. Nur gilt auch hier: jene nicht ohne diesen.

Werbeanzeigen

Neutralisation

Identifikation mit Kunst ist mitunter eine Gestalt der Abwehr. Wer von einem Werk sagt, es gefalle ihr, deren Urteil ist gefällt. Wer entschieden hat, muss nicht mehr prüfen und wägen und denken. Das Urteil bildet den scheinbaren Abschluss der Reflexion, lässt sie meist aber gar nicht erst aufkommen und wäre noch dann mit Skepsis zu betrachten, ginge ihr ernste Beschäftigung voraus.

Indem gedanklich ein Ranking erstellt wird, nähern sich die Werke virtuell einander an, werden gleich gemacht, um vergleichbar zu werden. Ihnen wird ein Niveau oder dergleichen zugeschoben, das zu besitzen sie mit allen anderen Werken gemeinsam hätten, das bestimmt werden könne und dann erlaube, die Stücke zu ordnen. Findet sich kein verbindliches Kriterium, taugt dazu – und das ist kein Zufall – der Preis.

Das gegenteilige Verhalten wäre übrigens genauso falsch: die Werke einfach für das zu nehmen, was sie sind, ihnen vorurteilslos und mit neutraler Miene gegenüberzutreten. Ihre Wirkung einfach reaktionslos zur Kenntnis zu nehmen; auch das wäre Neutralisation anderer Art.

Kippbilder

Es ist eine der bemerkenswertesten und charakteristischen Eigenschaften jeder Kunst, dass sie in einer bestimmten Ansicht ein seltsames Kippbild darstellt. Jedes einzelne Werk und jeder Werkkomplex ergeben für sich betrachtet einen Sinnzusammenhang, mag er geschlossen, brüchig oder durchlässig sein. Jedenfalls absorbiert er die Frage nach dem Sinn der Kunst in ihr Inneres. Sie kommt nicht auf, weil die Frage nach diesem inneren Sinn der Gebilde im Moment der konzentrierten Beschäftigung um soviel drängender erscheint.

Doch kaum tritt die denkende Betrachterin aus der Sphäre der Kunstwerke aus, blickt auf sie wirklich nur von außen, kippen die Stücke um. Sie verrätseln sich zu einer durchaus banalen und durchsichtigen Fassade, welche die Frage geradezu aufdrängt: Was soll der Scheiß eigentlich? Was vorher als subtiles Spiel der kleinsten Nuancen und Aspekte der Werke aufgefasst werden konnte, muss jetzt als Projektion und Wichtigtuerei erscheinen.

Diese Kippbildhaftigkeit der Kunst ist das stärkste Indiz dafür, dass künstlerische Werke wirklich eine eigene Welt bevölkern.

Medaille

Wer Kunst kaufen oder auch nur gut finden will, wird sich in Zeiten innerer wie äußerer Unsicherheit, eher für konkrete Kunst entscheiden. Für Kunst mit Wirkung, die mit solider handwerklicher Fähigkeit hergestellt wurde. Für die aufwendig gemalten Bilder eines Neo Rauchs oder die effektvollen Gemälde Francis Bacons, für den vagen aber jedenfalls manifesten Geschichtsbezug der Werke Anselm Kiefers oder gleich für die Skulpturen Damien Hirsts, die gleichsam das Naturding selbst, eindrucksvoll präsentiert, ins Museum stellen.

Der Abstraktion wird eigentlich nicht so recht getraut, schon gar nicht der unprätentiösen. Wer weiß, vielleicht ist gar nichts dahinter? Mag sein und sie ist doch nur das, als was sie den meisten ohnehin erscheint: Ein großer Witz eines großen Kindes. Jedenfalls nichts Handfestes; die Abstraktion ist das Finanzwesen der Kunstwelt, die abstrakte Seite des Kapitals, die gedanklich der Konkretion als der „Realkunst“ gegenübergestellt wird. Das steckt auch darin, wenn sie regelmäßig in Verdacht gerät, bloße Verzierung, bloßes Ornament für Anwaltskanzleien und Banken zu sein und übrigens auch wirklich gerne dort hängt.

Der Impuls zum Konkretismus in der Kunst ist also dem Angst-Wunsch verwandt, der im Kapitalismus viele – wenn die Nacht sehr dunkel ist – befällt: Nach einem Stück Grund, nach einem Haus, nach etwas, dem zu trauen ist.

Was an der Abstraktion dagegen reizt, ist ihre Verheißung von sozialem Aufstieg, sie weist aufs Höhere: ein Umstand, der sie offenbar als zur Ikea-Massenware geeignet auszeichnet.

Wolkenfarben

In dem Film Das Mädchen mit dem Perlenohrring unterhält sich die Hauptfigur, eine Magd, die Vermeer beim Malen assistiert, mit dem Delfter Meister. Er fragt sie nach der Farbe der Wolken. Zuerst antwortet sie, sie seien weiß, nur um sich gleich darauf zu verbessern. Nein, nicht weiß; gelb wären sie und blau und grau, das seien „Colors of the Clouds“ – Wolkenfarben.

Es gibt hier zwei Arten Farben zu sehen. Entweder als Eigenschaft eines Dinges: ein stoffliches Ding ist mit Farbe überzogen. Dieses Farbsehen entdeckt Farbe nur am Gegenstand und ist insofern fest, still und statisch. Die zweite Art ist von anderer Weise: die Farbe selbst wird versachlicht, zur Wolkenfarbe gegenüber derer der Wolkenstoff zurücktritt; die Farbe gewinnt Kontur auf Kosten der Form. Walter Benjamin schreibt in einem seiner frühen Texte über Malerei, Die Farbe vom Kinde aus betrachtet: „Der Regenbogen ist ein kindliches Bild. In ihm ist die Farbe ganz Kontur, sie ist die Grenzbezeichnung für den kindlichen Menschen, nicht der schichthafte Überzug der Substanz, wie für den Erwachsenen.“

Vom kindlichen Menschen ist hier wohlgemerkt die Rede, nicht bloß vom Kind. Es geht hier um den Blick der Phantasie, auch um den der Malerei. Im Himmel nicht Wolken, sondern die Farben der Wolken sehen, nämlich dann nicht als statische, sondern, nochmal mit Benjamin, als „das Medium aller Veränderung“. Beim Kind, beim kindlichen Blick, ist das Sehen noch rein geschieden von den anderen Sinnen. Es sieht nicht dinghafte Substanz, sondern das Stoffliche bleibt dem Tasten vorbehalten.

Auch daran erhellt sich die Falschheit des Satzes „Schauen tut man mit den Augen“, der gerade das Sehen wie das Tasten austreiben soll. Wer schließlich nach ihm geht, nimmt alles sehend wahr, und das Sehen verkümmert ihr eben darum so gründlich.

Pop! Goes My Heart

Der Hinweis, man solle Pop-Kultur nicht so behandeln wie wahre, würdige, ernste Kunst, nicht über sie so nachdenken, als könne sie wahr oder falsch sein, enthält die Weisung, sich nicht allzu sehr den Kopf zu zerbrechen. Diese geforderte Kulturindustrie-Ästhetik, die dann im Grunde gar keine mehr ist, soll sich damit bescheiden auf Stereotypie, auf Rezeption, auf die Intentionen der Produzierenden, zu achten und nicht mehr nach dem der Kunst Wesentlichen fragen.

Falsch ist dieser Hinweis auch, weil darin so getan wird, als ob Kulturindustrie eine Eigenschaft einzelner Werke sei, als handle es sich dabei nicht um eine gesellschaftliche Tendenz, die jeden künstlerischen Versuch umfasst, ja schon erfasst hat, sogar noch in die Vergangenheit hinein ergreift. Die beschworene, alte, hohe Kunst ist nicht ernster mehr, als der neueste Hit spontan.

Jede Ästhetik, die auf Wahrheit geht, müsste zuerst darauf reflektieren. Jeder weiteren Überlegung wäre das Verzweifelte, das das Bewusstsein um diesen Umstand mit sich bringt, anzumerken.

Bovidae

Es gehört zum Innersten jeder künstlerischen Tätigkeit, dass Allgemeinheit darin nur insofern erscheint, als das darin eingegange Persönliche und Partikulare dem Drängen auf seine bedingungslose Kommunizierbarkeit widersteht. Das Allgemeine ist dort schon beseitigt, wo die persönliche Erfahrung bis ins Letzte dem Verständnis der Allgemeinheit ausgeliefert wurde. Es wagt sich im Gegenteil nur dort hervor, wo das ganz Private sich durch ästhetische Versorgung in Gesellschaft auffaltet.