Epiphanie

In Museen tapsen Kinder gerne auf Bilder. Das Relief eines Ölgemäldes fordert Berührung heraus. Genau diese sind aber die Gegenstand gewordene Unberührbarkeit von Kunstwerken. Der geforderte Blick aus der Distanz entspricht der wissenschaftlichen Haltung, die die Fühlung mit dem Gegenstand aufgeben muss, um ihn zu identifizieren, identisch zu machen. Wie weit das geht zeigt der konservative Einwand noch gegen den Blitz, der schon zu viel des Eingriffs darzustellen scheint. Gleichzeitig entschleiert sich derart aber noch das Licht, der Bedinger der Möglichkeit der visuellen Erscheinung des Bildes, als auf den Gegenstand Einwirkendes, das den zurückhaltenden positivistischen Blick als trügerisch herausstellt. Kinder wissen noch (dumpf) um die Notwendigkeit des Eingriffs, darum, dass man nicht nur mit den Augen schaut.

Kunst und Wissenschaft

Der New Yorker Konzept-Künstler Lawrence Weiner beschreibt die Ausbildung in den Kunstakademien als Prozess der Initiation, des Eintretens in eine Struktur. Auf Kunstakademien wird gelehrt, wie mit dem Kulturbetrieb umzugehen sei, um an ihm teilnehmen zu dürfen. In Aussicht gestellt wird eben jene Freiheit, auf die vorerst verzichtet werden soll. „Wenn du dich in der Struktur behaglich eingerichtet hast, kannst du tun und lassen was du willst“, lautet das Versprechen. „It don’t work“, endet Weiner seine Beschreibung.

Genauso funktioniert auch der akademische Betrieb: „Wenn du dich an alle Spielregeln des wissenschaftlichen Arbeitens hältst, kommst du vielleicht eines Tages in die Lage, dir einen interessanten, selbstgedachten Gedanken erlauben zu dürfen“, erklingt die Formel, die jeden Rigorismus, jedes noch so versteinerte Denken rechtfertigt und zugleich jedes Aufbegehren dagegen sanktioniert.

Anselm Kiefer II (Danaë)

Zeus schwängert im griechischen Mythos die in einem Gefängnis eingeschlossene Danaë, indem er sich in einen Goldregen verwandelt. Danaë steht dementsprechend einerseits für die Keuschheit, da sie unbefleckt empfing und andererseits für die sündhafte Gier, die verführerische Macht des Geldes, dargestellt durch den Goldregen, der, gleich einer göttlichen Macht, jeden Widerstand zunichte macht.

Der Mythos wurde vielfach künstlerisch bearbeitet, zum Beispiel – um eine interessante Variante zu nennen – bei Klimt, dessen Darstellung die Assoziation der „Golden Shower“ nahelegt. Bei Kiefer geht es nicht so ironisch zu, wenn er seine im Louvre ausgestellte Skulptur mit dem Wort Danaë überschreibt, als Titel und als Teil der Skulptur.

Ein Stamm aus Holz, der aus einem Haufen Bücher aufragt und an dessen gebogener Spitze ein schwammartiges Kopfstück angebracht ist. Auf den Büchern verteilt, liegen lose Goldzähne, auch darunter noch. Eingebettet ist dies alles in eine Mulde in der Wand. Selbst ohne dem Hinweis auf Danaë wird deutlich, dass es sich um die Darstellung einer Dusche handeln muss.

Der Verweis auf die Vernichtung der Juden vermengt sich in diser Skulptur mit Symbolisierungen von Gier und Gold. Der kleine goldene Fleck auf dem Gasduschkopf, verspricht sogar noch spöttisch einen Schimmer Hoffnung. Dasselbe Gold wie das der goldenen Zähne.

Anselm Kiefer I

An Kiefer lässt sich zeigen, wieso es einfacher ist über Kunst zu schreiben, der sich Kommunismus unterstellen lässt. Auf den ersten Blick scheint zwar das Zerreißen einfacher und zugleich amüsanter. Wieso aber sich auf den deutschen Shootingstar stürzen, gegen den sich ohnehin vorallem in Deutschland und allmählich auch in den USA und in Frankreich (wo er dennoch sogar ein Plätzchen im Louvre okkupiert) Kritik rührt?

Vielleicht, weil seine Bilder tatsächlich selbst das Grauen ästhetisieren, noch Celans Lyrik zu einem beeindruckenden abbildenden Oeuvre verwerten und sich jetzt im Louvre – dank Kiefer – Touristinnen und Touristen vor einer plakativen Darstellung der Shoa(Bild oben) abfotografieren können. Oder weil seine Freude am Deutschtum, an Mythologie und deutscher Geschichte doch verdächtig macht und machen sollte.

So bruchlos fügt sich aber doch nicht alles: Schließlich bearbeitet er die deutsche Geschichte im Wissen um ihre bedrohliche Kontinuität. Er mahnt, die Mythen ernst zu nehmen, weil sie sonst auf die Menschen zurückschagen könnten und begreift die jüdische Kultur als Teil der Deutschen, welche also in Aussschwitz unwiederbringlich zerstört wurde.

Einfacher wäre es also, ließe sich aus seinem Werk einfach ein Aspekt, eine Paradoxie entwickeln, der über das Bestehende hinausweist oder dergleichen. Dass das genau nicht gelingen will, lässt aber das Werk nicht unberührt, sondern bricht immer wieder als ganz Falsches im Bemühten hervor. Fortsetzung