Lachspiel

Sich in die Augen sehen bis eine lacht und wer lacht hat verloren, ein Kinderspiel. Es ist wohl Einübung in Sublimierung, Genuss des Aufschubs. Das Prinzip des Spiels ist jenem dieses Textes, der mit der Pointe gleich am Anfang herausrückt, entgegengesetzt. Je mehr sich das Lachen versagt wird – und ja nicht für alle Zeit, sondern mit dem fast sicherem Wissen um langes erleichterndes Lachen, wenn jemand nicht mehr kann –, desto mehr steigern sich die Spannung und die Lust. Wer sich im Griff hat, wird belohnt: Die Grenze der Lust ist also eigentlich nur die eigene Fähigkeit, Lust aufzuschieben. Also wirklich Einübung in Sublimierung.

Manchmal kommt es allerdings vor, dass die Spannung seltsam abflaut. Jemand hat sich so im Griff, dass sie nicht mehr Gefahr läuft, zu lachen. Vielleicht denkt sie an etwas anderes, hat mentale Techniken entwickelt, sich vom Geschehen zu dissoziieren. Aber dann ist es auch aus mit der Lust und mit der Spannung. Die Partnerin, so sie folgen konnte, verliert ihren Drang genauso. Dann ist es ein Gegenübersitzen, das mitunter lange anhalten kann.

Es ist allerdings nicht ungewöhnlich, dass die Technik plötzlich versagt, sich nach langer Zeit wieder eine Spannung aufbaut, die sich aufschaukelt und die wiederum abfallen kann oder plötzlich durchbrechen. Es ergibt sich ein Rhythmus wie Ebbe und Flut. Also doch nicht nur Sublimierung und unter Umständen keine richtige Pointe.

Das Memling Museum in Brügge II

Es wäre aber falsch, die kulturellen Leistungen der Memlinge auf das Synchronspringen und die Gestaltung von Ausstellungen zu reduzieren. Viele Memlinge haben sich im Laufe der ereignisreichen Geschichte der Stadt auf unterschiedlichsten Gebieten hervorgetan. Der heutige Brüggener Schachverein, um nur ein Beispiel zu nennen, wäre nicht was er ist, ohne den Beitrag der Großmeisterin Oceloria Hilleming. Sie konnte, so berichten Quellen aus der Zeit, gegen 31 andere Spielerinnen und Spieler gleichzeitig Blindschach spielen und dabei über 90% der Partien gewinnen. Das wäre an sich zwar bemerkenswert aber nicht einzigartig, allerdings spielte sie wirklich blind: Die ersten zehn Züge riefen ihr die oftmals aus dem Ausland angereisten Kontrahentinnen und Herausforderer noch ihre Züge zu, aber dann spielte sie gegen sie, indem sie ihre Züge erriet, also ohne zu wissen, wie sie gespielt hatten. Natürlich versuchten alle zunächst ungewöhnliche und absurde Kombinationen zu spielen, um sie zu übertölpeln. Aber noch den skurillsten und abenteurlichsten Zug, hatte sie erwartet und die passende Antwort parat. Als diese gedanklichen Haken sich als unwirksam erwiesen, versuchten die Meisten zu überraschen, indem sie die allervorhersehbarsten Züge wählten. Allein Meisterin Hilleming sah das Vorhersehbare ebensogut wie das Unvohersehbare vorher und ihr war nicht beizukommen.

Eines Tages kam jemand auf die Idee, die Züge nach einem bestimmten System einfach auszuwürfeln. Im Grunde ein genialer Einfall: Wie sollte Hilleming erraten, was der Würfel entschieden hatte? Die Strategie ging insofern auf, als Oceloria, welche die List sofort von jener gefinkelten Spielerin erwartet hatte, nicht mehr über die Aktionen der Rivalin im Bilde war. Allerdings waren die gewürfelten Züge so schwach, dass die Brüggener Großmeisterin keine Schwierigkeiten hatte, das Spiel durch gezielte Aggression schon in wenigen Runden zu beenden. Es sponnen sich, wenig überraschend, zahlreiche Legenden um diese illustre Gestalt, deren Portrait noch heute die Kellerräumlichkeiten des Schachvereins ziert. Manche schrieben ihr oder sogar allen Memlingen telepathische Fähigkeiten zu, andere hielten sie für eine Betrügerin. Ersteres fällt natürlich unter Aberglauben und wäre an letzterem etwas daran, hätte sie es zumindest geschickt genug angestellt, nie erwischt worden zu sein.

Phantasie

Neuere Serien und Filme erzeugen zum Teil eine beeindruckende Intensität. Es gibt Szenen, die verstören und erschüttern. Sie lassen die Zuseherin tagelang nicht los, sie machen Angst und zwar augenblicklich und nachwirkend. Ein Teil des Publikums meidet deshalb manche Sendungen und Filme, ein anderer sucht gerade nach diesem Erlebnis, das intensiver erscheint, als die Wirkung der Ereignisse im eigenen Leben.

Sicher gab es diese Brutalität in gewisser Weise schon immer, aber nicht in dieser Alltäglichkeit. Die psychologische Wirkung eines Hitchcock-Films sticht als Ausnahme hervor wie die Harmlosigkeit von Krimiserien noch in den 90er-Jahren. Heute dagegen wird allerorts gefoltert und gequält, die Filme verstärken die Grausamkeit noch durch 3D-Effekte und aufwendige Computeranimation: Blut spritzt, Köpfe fliegen einer entgegen usw.

Die Konservativen haben seit je eine Verrohung der Jugend beklagt, die sich an Sex, Gewalt und dergleichen erfreue; vielleicht eine Projektion der eigenen Verängstigung sowie der Versuch, sich der eigenen Härte zu vergewissern: Ich vertrage es ja, aber die Kinder! Wohl auch eine Abwehr von Sadismus – Scham, Gewalt genießen zu können. Auch Prüderie – Scham, Sex genießen zu können.

Trotzdem ist schwer zu verstehen, wie das junge Mädchen im Kinosaal sich an fliegenden Werwolfgehirnen erfreuen kann, während sich die Erwachse Frau daneben verstört an die Armlehnen des bequemen Kinosessels klammert. Vielleicht ist es, entgegen dem Cliché, doch so, dass Kinder besser zwischen Spiel und Wirklichkeit unterscheiden können. Alles für voll nehmen ist schon ein Symptom verarmter Phantasie.

Darüber Hinaus

Die enge Verbindung von Form und Inhalt tritt im Text am deutlichsten hervor. Der Inhalt stiftet überhaupt erst Form, die Stimmigkeit des Gebildes. Im Text wird der Begriff mimetisch, auch dort, wo die Wörter nicht ins Lautliche kippen. Die Konstellation der Inhalte stiftet den Sinn und so gelangt der Begriff über sich hinaus. Vielleicht vermag paradoxerweise überhaupt nur der Begriff über das Begriffliche hinaus. Nur durch ihn durch wird er aufgehoben.

Dagegen mündet der Vorbehalt am Begriff oft in Ausweichmanövern. Das Definitive des Begriffs wird vermieden und sein schlechter Ersatz vermag nicht einmal, was er noch vollbrächte, geschweige denn ein Mehr. Daher ist sogar Skepsis gegen sprachliche Spielereien, vielleicht auch bornierte, nicht ohne sachliche Grundlage. Das vage, lautmalerische, um der Poesie Willen Poetische schwächt das begriffliche Moment der Sprache ab, entschärft sie und gelangt so nicht in die Sphäre des Jenseits – entgegen der Intention, verbleibt sie derart gerade im dumpf Begrifflichen.

Proteus

Der Meeresgott Proteus gab dem von Ed Key und David Konega entwickelten Computerspiel seinen Namen. Und eben vom Meere aus betritt die Spielerin eine Insel aus bunten Farben und seltsam kitschigen Klängen. Die Musik passt sich der Umgebung an und die pixeligen Tiere, welche die Insel bewohnen, reagieren auf die Anwesenheit der Besucherin.

Anders als in dem in gewisser Weise ähnlichen Spiel Minecraft, wird sich aber nicht gleich mit bloßen Händen auf den nächsten Baum gestürzt, um eine Axt zu bauen. Wenn Minecraft die Urform der Naturbeherrschung virtuell verwirklicht – der Mensch, der sich die Natur gemäß seiner Bedürfnisse zurechtstutzt – betritt die Spielerin in Proteus das Bildnis einer versöhnten Natur. Diese Natur ist ihr nicht feindlich gesinnt, noch der in der Wirklichkeit verheerende Schneesturm kann deshalb als schönes von seltsamen Klängen umrauschtes Naturereignis erscheinen.

Auch lassen sich auf der Insel Spuren von Kultivierung entdecken: eine Hütte, einige Statuen oder ein Turm. Diese seltenen Gebäude können aber nicht betreten werden, sie erfüllen keine Funktion. Die Natur, vor der die Hütte Schutz bieten könnte, gibt es nicht. Sie sind ein Zeichen der Versöhnung und des Friedens. Ein kurzes Gedicht Brechts, das den Titel Der Rauch trägt, lautet: „Das kleine Haus unter den Bäumen am See. / Vom Dach steigt Rauch. / Fehlt er / Wie trostlos dann wären / Haus, Bäume und See.“ In Proteus ist noch etwas dieser Trostlosigkeit spürbar. Denn über dem Schornstein der Hütte auf der Insel fehlt der Rauch.

Aus Ernst wird Spiel

Seltsam ist das Verhältnis von Spiel, Spaß und Freude zum Ernst. Diese Begriffskreise, die zwei Gegenpole bezeichnen, sind seltsam miteinander verwoben. Wenn, wie es in einer Redewendung heißt, aus Spiel ernst wird, dann wird hier ein Umschlag des Spiels in sein Gegenteil bezeichnet. Zu einem rechten Umschlag gehört aber immer, dass beide Aspekte schon vorhanden waren: es ist stets nur ein Tausch von Latenz und Dominanz. Ohne den nötigen Ernst, kein wirklicher Spaß. So lässt es Thomas Mann auch seinen Felix Krull bemerken, dessen Freude an der Darstellung den allergrößten Ernst zur Voraussetzung hat.

Fraglicher ist schon, ob auch das Umgekehrte gilt. Ob Ernst auch nur dann aufkommen kann, wenn sich – zumal beim Denken – ein Spielerisches bewahrt wird. Die Freude des Denkens darf wohl nicht als Preis gedacht werden, der den Disziplinierten herausspringt. Eher ist sie das, was Ernst überhaupt von Pedanterie unterscheidet – und damit Denken von geistiger Technik. Denken hat sein Glück an der Tätigkeit, nicht an seinem Ergebnis.

Allerdings liegt eine Gefahr darin, Denken in Zusammenhang mit Spiel zu bringen. Es droht dann, wenn schon nicht um seinen Ernst, so doch um seine Verbindlichkeit gebracht zu werden, zum Drauflos zu geraten, in der die Ernsthaftigkeit zwar noch dem selbstgefälligen Spiel, aber nicht mehr dem Gegenstand gilt, der doch letztlich das bleiben muss, dem Denken als sein Anderes gilt. Der Ernst des Spiels dagegen ist autistisch.

Spiel

„Die Aktualitäten einer anderen Zeit schlugen sich an anderen Zeichen nieder.“ – Walter Benjamin

Früher schmückten Zeitungen dort, wo heute Sudokus sich tummeln, Bilderrätsel. Im Rebus verschlingen sich Sprache und Bild. Das derart verwickelt Verrätselte will entworren werden. Es schöpft aus der bestimmten jeweiligen Gegenwart des Lebens der Dinge und der Sprache. Nur das Wissen um diese erlaubt das Rätselbild zu lösen. Dabei fällt das Geheimnisvolle, mit einem mal, oder peu à peu, von ihm ab und die seltsame Anordnung von einer Welt, die von Dingen und Zeichen und Wörtern gleichermaßen bevölkert ist, verliert ihr zuerst eigenartig Unerklärliches.

Das Sudoku dagegen verlangt vom Denken, sich an das der Maschinen anzugleichen. Keines, das einer Maschine nicht im Grunde angemessener wäre. Der Eifer, den die Menschen dabei ja wirklich an den Tag legen, rührt eher daher, dass eine bestimmte Sehnsucht befriedigt wird. Nicht die nach einem Zurechtrücken der Welt durch das Denken, wie im Rebus, sondern eine nach Aufgaben, die klar gestellt und gleichzeitig bewältigbar sind. Vielleicht zumindest auch die nach einer Welt, in der die Maschinen doch endlich dazu da sein werden, den Menschen das Denken zu ermöglichen. Da sie es aber nicht tun, wird ihnen ihr einzig menschlicher Zweck von den Menschen abgenommen; ganz so, als wären eines Tages alle Sudokus gelöst und so das Joch der Maschinenarbeit von den Menschen genommen.