Die Sonne hatte

das Gras ausgedörrt und die braunen Stengel stachen ihm in die Fußsohle, ritzten ihm die Hornhaut ein. Bremsen setzten sich ihm auf den Rücken, an die Schwarte an der Seite und bissen durch das T-Shirt. Dieses Jahr war es besonders schlimm. Oder kam es ihm nur so vor? Die Luft war trocken und heiß, voll vom Geruch der Föhrennadeln, die den Bodenbereich um den Tisch wie ein Leintuch bedeckten. Er setzte sich. Das war sein Platz, würde wohl für den Rest seines Lebens sein Platz bleiben. Das klang, als wäre das Leben eine Lasagne, die man jeden Tag wieder aufwärmt – und irgendwann gibt es eben nur noch einen Rest. Besser ihn aufessen, bevor er verschimmelt.
Jeden Tag ein Gedicht. Seit viertausendeinhundertzweiunddreißig Tagen. Er schrieb die Nummer links oben auf das Blatt. Meistens verbrauchte er mehr als ein Blatt und am Abend standen da fünf Zeilen oder zehn oder zwanzig. Für mehr war ein Tag zu kurz, es waren eben Ein-Tages-Gedichte. Er schrieb: Hört ihr die Limonen schrumpeln? Strich Limonen durch und schrieb darüber Zitronen. Strich die ersten zwei Worte durch und schrieb: Man hört hier – Man hört hier die Zitronen schrumpeln. Er lauschte in den Garten, auch wenn er keinen Zitronenbaum hatte, nur Oliven, und auch die hatte er noch nie gehört. Man hört hier die Zitronen schrumpeln / und wie die Nüsse sich in ihren Schalen drehen. Man hört den Kater durch die Wiese humpeln / und kann am Gartentor die Hornissen küssen sehen. Er strich zwei Worte aus dem letzten Vers: und kann am Gartentor Hornissen sehen.

Er wird kommen

Paul Klee hat übrigens immer wieder gedichtet. In seinen Tagebüchern notierte er Reime, die dann sozusagen ausgefüllt werden müssen.

„Gedichte epigrammatischer Natur mit den Reimen:

Gereimt / geleimt / große Pein / überflüssig zu sein.

Ich glaubte, es müßte mir wenigstens gelingen, mich selber lächerlich zu machen.

Weiter:

So ein leidend Haupt / gelber / glaubt / sich selber / tatbereit / Lächerlichkeit / erkoren / geboren / behaart / gepaart / betrogen / verlogen.“

Ob so ein gutes Gedicht gelingen kann, weiß ich nicht. Vielleicht schon; indem der Reim etwas vorgibt, ein Problem stellt, eine Art Dogma. Es handelte sich dann also um ein selbstauferlegtes Rätsel, das gelöst werden will. Trotzdem gefällt es mir besser, die Reime einfach schon als fertige unbewusste Kunst anzusehen, als Konzeptkunst. Die Anweisung zum Gedicht ist das Werk.

Yoko Ono - Gemälde für die Beerdingung

Klüger

Ruth Klüger hat ein Gedicht geschrieben, zu Jom Kippur. Es geht darin um den Tod ihres Bruders. Die letzte Strophe lautet: „Ich war doch vor Jahren dir Jahr um Jahr Schwester, / Der du dich abkehrst, starrsinnig erstarrt, / Wo dein Sterben dich einschließt wie Stacheldraht. / Sind wir Lebenden denn den Toten Gespenster?“

In weiter leben bemerkt sie dazu, die letzte Zeile sollte mühsam auszusprechen sein und unpoetisch klingen. Sie ist wirklich nicht poetisch und kaum über die Lippen zu bringen. Lebenden denn den. Wüsste ich nicht, dass es so sein soll, würde ich denken, die Worte seien ungeschickt gewählt. Diese Entscheidung für das Schiefe imponiert mir unbeschreiblich. Sie ist das Gegenteil von Angeberei: In Kauf nehmen, dumm dazustehen. Dazu gehört intellektuelle Sicherheit. Wieso ist das Einfachste das Schwerste?

Lesen

Würde ich heute ein Gedicht schreiben
und käme in Verlegenheit, es laut lesen zu müssen,
ich läse es ganz schlicht.

So schlicht, wie ich es schreiben würde,
ausdruckslos und ohne dichter Metaphorik,
ohne Pathos und Effekt.

Ich spräche langsam und deutlich
und betonte angemessen,
nicht überschwer, sondern durchwegs konventionell.

(Nur so könnte ich es lesen.)

Darüber Hinaus

Die enge Verbindung von Form und Inhalt tritt im Text am deutlichsten hervor. Der Inhalt stiftet überhaupt erst Form, die Stimmigkeit des Gebildes. Im Text wird der Begriff mimetisch, auch dort, wo die Wörter nicht ins Lautliche kippen. Die Konstellation der Inhalte stiftet den Sinn und so gelangt der Begriff über sich hinaus. Vielleicht vermag paradoxerweise überhaupt nur der Begriff über das Begriffliche hinaus. Nur durch ihn durch wird er aufgehoben.

Dagegen mündet der Vorbehalt am Begriff oft in Ausweichmanövern. Das Definitive des Begriffs wird vermieden und sein schlechter Ersatz vermag nicht einmal, was er noch vollbrächte, geschweige denn ein Mehr. Daher ist sogar Skepsis gegen sprachliche Spielereien, vielleicht auch bornierte, nicht ohne sachliche Grundlage. Das vage, lautmalerische, um der Poesie Willen Poetische schwächt das begriffliche Moment der Sprache ab, entschärft sie und gelangt so nicht in die Sphäre des Jenseits – entgegen der Intention, verbleibt sie derart gerade im dumpf Begrifflichen.

Der Ratschenker

Der Ratschenker schenkt oft und gerne und immer ausgewählte Geschenke. Über jedes Geschenk denkt er lange nach und findet etwas, das genau auf den Beschenkten oder die Beschenkte passt. Entscheidend dabei ist, dass das Geschenk das Leben der Beglückten auf den richtigen Pfad lenkt. Sie wissen nicht, was sie wollen oder brauchen, er aber weiß es.

Menschen fällt oft gar nicht auf, was in ihrem Leben schief läuft, dem Ratschenker schon, bevor sie sich auch nur unwohl fühlen. Jedoch hütet er sich, die Unglücklichen davon etwas merken zu lassen. Dazu ist er zu höflich. Er will sich niemand aufdrängen, hört geduldig zu, lächelt viel und sagt wenig. Wenn er etwas sagt, dann eine Ermutigung oder ein paar freundliche Worte.

In Gedanken ist er längst beim nächsten Geburtstag, bei Weihnachten oder Ostern. Wenn Not am Mann ist, braucht er auch keinen besonderen Anlass. Er ist stolz, auch einfach so aus Freundlichkeit Geschenke zu überreichen. Aber dann nur eine Kleinigkeit, alles andere wäre anmaßend. Doch etwas Kleines ist oft wirksamer als das teuerste Hochzeitsgeschenk.

Oft reagieren die Beschenkten kühl auf die Geschenke des Ratschenkers. Er kann sich das nicht erklären, hat er die Gabe doch mit so großer Sorgfalt ausgewählt und immer nur das Beste der Undankbaren im Sinn. Dann wird er traurig und auch ein bisschen wütend. Er sagt aber nie etwas, sondern schreit in seiner Wohnung die Wand an oder schreibt lange Briefe, die er nicht abschickt. Er wird einfach bei nächster Gelegenheit ein noch besseres Geschenk finden.

Encore III

Aus dem Wiederholungstabu, dem Kraftverlust des sich bloß wiederholenden Denkens, ergibt sich eine Art Druck nach vorne: Ein Zwang zum Nächsten und Anderen. Ist die Wahrheit eines Gedankens – kaum gedacht und schon verglüht, einen Moment lang nur aufgeflammt – seinem Wesen nach flüchtig, kann es nie zur Ruhe kommen. Denken wird so, aufgrund seiner immanenten Dynamik, weiter gedrängt. Dieser Impuls müsste wahrgenommen werden, ohne seinem Gebot sogleich willfährig zu gehorchen. Vielleicht hieße Denken paradox gerade, sich der Bewegung des Denkens zu widersetzen. Auch hier liegt Wahrheit im Abgebrochenen und Abgelenkten, im Umweg und im Stocken.