Die Wissende

Eine nahm ihre Theorie zu ernst. Sie glaubte, was sie sich zurechtgezimmert hatte, wäre mehr, als der hilflose Versuch, sich auf die Dinge einen Reim zu machen. Wenn etwas geschah, hatte sie schon die Erklärung parat. Vor allem liebte sie die Psychoanalyse und wenn etwas geschehen war fing sie immer gleich an; von Es und Überich, unbewussten Todeswünschen und Kastrationsangst. Sie verstand es, die Theorie mit anderen geschickt zu verbinden, so dass ihre Erklärungen nicht nur sie selbst überzeugten. Meistens hatte sie auch recht.

Aber an manchen Tagen misstraute sie der Theorie plötzlich. Fragte sich, ob es nicht einfach Hirngespinste seien, ob nicht alles viel einfacher zu denken wäre oder viel komplizierter. Sie bekam dann Angst, fuhr sich mit der Hand nervös an den Hals. Beruhigen konnte sie nur die Lektüre neurologischer Populärwissenschaft. Dann war sie wieder sicher, dass die Psychoanalyse das Bessere sei. Sie nahm sich vor, es mit der Theorie lockerer zu sehen. Sich ihre Erklärungen zu spinnen ohne sich auf sie zu versteifen. Aber es wollte nicht gelingen. Entweder war sie von ihrer Theorie ganz eingenommen und krampfhaft überzeugt oder sie fiel ganz von ihr ab und ließ sie erschüttert zurück.

Unwetter

Es gibt bei Adorno zwei verwandte Figuren, die sich einiger Beliebtheit erfreuen. Die eine ist die der Verteidigung gegen die Liebhaber. Die Feindinnen seien nicht so schlimm, bzw. solche Banausen, dass sie keine Rolle spielten. Aber die Fans, die Kennerinnen, die Begeisterten hätten alles gerade falsch verstanden.

Die andere verwandte Figur ist jene, welche behauptet, die etwa von Neuer Musik Abgestoßenen würden die Musik noch mehr wahrnehmen als jene, welche sie wohlmeinend, aber gewissermaßen ohne richtig aufzupassen, auf ein Podest stellten, um sie zu verehren.

Die erste Figur als Auftrumpferei und Wettstreit um authentischere Anhängerinnenschaft abzutun, scheint nicht völlig verfehlt. Schließlich wird sie meist von jenen strapaziert, welche selbst große Stücke auf die Verteidigten halten, denen aber die Gesellschaft, in die sie sich damit begeben, nicht behagt.

An der zweiten ist mehr daran. Aber sie hat im Grunde dasselbe Problem. Wer sie bedient, räumt sich selbst eine Sonderstellung ein: Sie möge die Musik und habe dennoch verstanden. Jene, welche den Schock nicht nur notieren, sondern auch geschockt sind, werden zu Blitzableitern. Ihre Empörung verärgert nicht, sie beruhigt – wie das Prasseln des Regens und das Heulen des Windes jene beruhigen kann, die sich wohlfühlen in ihrem Haus.

Gelingen

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit meiner Tante, ich muss ungefähr zwölf Jahre alt gewesen sein. Die Erinnerung ist sehr dunkel und das Wenige, das ich erinnere, hat wohl nie in dieser Form stattgefunden. Jedenfalls war ich auf etwas stolz, auf irgendetwas, das ich gelernt hatte oder das ich gemacht hatte und habe ihr davon in großen Tönen erzählt. Aber anstatt eines Lobes, das ich mir wohl gewünscht hätte, bemerkte sie nur, man solle bescheiden sein.

Seitdem hat mich Bescheidenheit immer wieder beschäftigt. Ich weiß nicht, ob man bescheiden sein soll, vielleicht kann man es gar nicht. Es gibt eine Form der Bescheidenheit – man könnte sie falsche Bescheidenheit nennen aber womöglich ist es die einzige, die es gibt –, die mich besonders stört. Manchmal liest man oder hört man Sätze, die bescheiden klingen wollen und insgeheim prahlen. Paul Klee etwa beschreibt in seinen Aufzeichnungen Vierzeiler, die er als Jugendlicher geschrieben hatte als „schlechte und echte Kunst“. Die Beschreibung gibt nicht so sehr mit den Gedichten an als mit der Bescheidenheit. Ich glaube, das stört mich, nicht der Stolz, „echte Kunst“ geschaffen zu haben, der mit der Abqualifizierung der „schlechten“ erkauft wurde, sondern die zur Schau gestellte Bescheidenheit. Es ist eine angeberische Bescheidenheit.

Echte Bescheidenheit hieße doch eigentlich, die eigenen Stärken gar nicht erst zu bemerken, also ein unrealistisches Verhältnis zu den eigenen Fähigkeiten zu haben. Das kommt mir wenig wünschenswert vor. Vielleicht ist Bescheidenheit also per se verlogen. Zugutehalten muss man ihr die Zurückhaltung, die sie verlangt, ein Stück Zivilisierung. Aber sie ist doch in erster Linie eine Spielverderberin, denn was ist falsch an der Freude des Gelingens, einem sicher kindlichen Vergnügen? Es zeigt sich schon: Ich werde weiter daran zu kauen haben.

Deutung

In Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit findet sich eine Passage, in der eines der Bilder des fiktiven Malers Elstir ausführlich beschrieben wird: „Im Vordergrund des Strandes hatte der Maler die Augen daran gewöhnt, keine feste Grenze, keine unbedingte Scheidelinie zwischen Land und Meer zu erkennen. Männer, die Schiffe ins Meer schoben, schienen ebensogut auf der Flut wie auf dem Sande zu laufen, der, von Feuchtigkeit durchzogen, bereits die Schiffswände spiegelte, als ob er Wasser sei. Das Meer selbst stieg nicht gleichmäßig, sondern entsprechend den zufälligen Gegebenheiten des Strandes an, die durch die Perspektive noch mehr aufgelockert wurden, so daß ein Schiff auf hoher See halb verborgen hinter den Außenwerken des Arsenals mitten in der Stadt zu schwimmen schien; Frauen, die zwischen den Klippen beim Krabbenfang waren, sahen aus, da sie von Wasser umgeben waren und da im Vergleich zu der kreisförmigen Schranke der Felsen der Strand (an den beiden dem Lande zu gelegenen Seiten) so tief lag wie das Meer, als befänden sie sich in einer von Booten und Wellen überwölbten Grotte, die offen und doch sicher beschützt inmitten der durch ein Wunder zerteilten Wolken lag.“

So geht es noch weiter. Die Beschreibung des erfundenen Bildes, die sich nicht davor scheut, das Bild selbst genau zu malen, enthält Interpretation ohne zu interpretieren. Die Art der Beschreibung, die Wahl der Vergleiche und die Wortwahl selbst, legt Gedanken nahe, die über das Bild hinausreichen, die den Blick auf Landschaft selbst verändern. Wer diese Beschreibung gelesen hat, wird Landschaftsbilder nicht mehr mit den gleichen Augen sehen können. Es handelt sich um so etwas wie eine zeigende Ästhetik. Die Beschreibung ist dabei kein Beispiel und enthält nichts Erklärendes. Sie deutet nur wörtlich.

Zu grob, um wahr zu sein

Es gibt keine einfachen Wahrheiten. Die rohe Wahrheit ist zu grob, um wahr zu sein. Es mag etwas daran sein, dass Wahrheit weh tut, aber sie ist nicht brutal. Im Allgemeinen wird allerdings das Brutale eher aufgenommen, manchen sagt schon die Brutalität selbst zu. Wahrheit lebt aber eher in der Raffinesse, im Widerstreben eines Gedankengangs, dem gewohnten Lauf zu folgen, im Umweg. Dem triftigen Gedanken ist es zuwider, dem ausgetrampelten und ausgeschilderten Weg zu folgen, er wendet sich angeekelt ab. Selbst da – oder gerade da? –, wo er am sichersten und schnellsten zum Ziel führte. Denken ist eigentlich überhaupt eher das Durchschlagen des Gestrüpps als das Entlanggehen des rechten Pfades. Darin ist es übrigens der Logik diametral entgegengestellt.

Allerdings muss ich zugeben, dass darin selbst etwas Gezwungenes liegt. Den Weg nicht gehen wollen, lieber die Widerstände niederringen, die sich abseits in den Weg stellen, das ist kein Bild der Versöhnung. Es wäre allerdings geschwollen, fast kitschig, von einem Dickicht zu fantasieren, dass die Denkende, begibt sie sich auf Abwege, auf magische Weise passieren lässt. Besser wäre es, das Durchforsten des Maquis‘ als Denkvorgang aufzufassen, gebe es den Weg ohne Widerstand frei, wäre es kein Denken.

Allerdings ergeben sich daraus einige Probleme. Originalität zum Kriterium von Wahrheit zu erheben – und das ist im Bisherigen gewissermaßen impliziert – verleiht dem Denken eine taktische Dimension. Zielt es auf Originalität (übrigens gilt derselbe Einwand gegenüber dem politische engagierten Denken), dann droht es, die Fühlung mit dem Gegenstand zu verlieren. Es geht ihm dann nicht mehr darum, etwas zu Durchdringen oder auf den Begriff zu bringen, sondern der Gedanke will originell sein, das Wesentliche wird sekundär. Es kann eigentlich nie ein Kriterium für Wahrheit geben. Alles, was danach aussieht, fällt nebenbei ab. Nicht jeder originelle Gedanke ist wahr, aber jeder wahre originell. Sicherlich ist das zu banal, um wahr zu sein.

Recherche

Vor einiger Zeit habe ich einen knappen Artikel eines amerikanischen Schriftstellers über das Schreiben gelesen. Er gibt darin Tipps für angehende Autorinnen: etwa sei Schreiben eine mühsame Angelegenheit und man solle sich nicht davon entmutigen lassen. Das Ringen um Formulierungen sei Teil des Geschäfts und so weiter. Die Empfehlungen waren im großen und ganzen sympathisch, nicht überraschend aber solide. Ein Punkt hat mich allerdings stutzig gemacht und ich kaue daran noch jetzt, weshalb ich wohl diesen Text schreibe.

Der sympathische erfahrene Literat empfiehlt: es solle aus der Ich-Perspektive geschrieben werden, dass erleichtere das Finden einer eigenen Stimme. Nun bin ich eigentlich kein Anhänger der These, es ginge beim Schreiben darum, eine Stimme zu finden. Die Stimme scheint mir allzu oft nur ein Code dafür zu sein, eine Art Markenzeichen auszubilden, ein Erkennungsmerkmal, um sich hervorzutun. Aber unabhängig davon ist mein Verhältnis zum Ich im Geschriebenen ambivalent – obwohl ich die Verwendung des Ichs eigentlich eher verteidigen würde und beim Denken und Sprechen, auch in Vorträgen, die ganze Zeit von meiner eigenen Erfahrung ausgehe, vermeide ich das Ich meistens in Texten.

Aus meinem eigenen Erlebnis wird dann ein: es kommt zuweilen vor oder ein: manchmal… In theoretischen Texten soll das denkende Subjekt zugunsten einer allgemeinen Vernunft verschwinden. Nicht ich bin es, der denkt, sondern so oder so ist es nun einmal, die Vernunft hat es gezeigt. Dabei würde ich normalerweise, darin im Grunde universalistischer als der naive Universalismus, einfach die individuelle, bestimmte und partikulare Erfahrung reflektieren und meiner Reflexion eine Allgemeinheit unterstellen, die sie gerade erreicht, indem sie zunächst keine unmittelbare vorgaukelt.

Das alles gilt aber vor allem für theoretische Texte, in der Literatur geht es eher darum, sich darauf zu konzentrieren, das Bestimmte zu treffen und auszusprechen. Umso mehr hätte das Ich hier einen Platz. Es ist ja ohnehin so, dass auch das Ich schnell von sich abkommt, wenn es eine Geschichte erzählt, etwas berichtet, dass andere erlebt haben oder auch nur die eigene Umgebung und andere Menschen gründlicher beschreibt. Das findet sich in der russischen Erzählung, bei Leskow oder Gogol, das findet sich auch bei Thomas Mann oder Proust. Man merkt das Ich dann nicht, es ist einfach die Stimme.

Manoeuvre

Es gibt Menschen, deren Dummheit ist ihre Klugheit: zu sagen, was sie sagen, würde ihnen genaueres Nachdenken verwehren. Ein Beispiel eines solchen Menschen ist der Autor des vorherigen Satzes. Ich habe ihn impulsiv in meinem Notizbuch niedergeschrieben und als Material für Samuel Estragon markiert. Dort saß er schon seit einiger Zeit. Reflexion, heißt es da, würde den Gedanken mitunter schwächen – vertiefen aber dämpfen.

Der Gedanke hält aber genauerer Prüfung nicht stand. Erstens ist er in dieser Formulierung, die nahelegt, dass man selbst nicht zu jenen mit dieser zweifelhaften Art der Klugheit begabten zählt, überheblich und arrogant. Zweitens enthält er eine gehörige Dosis Denkfeindschaft, die dumpfe Sehnsucht nach Forschem, Direktem und einfach Gestricktem. Er gerät zu der Fantasie, welche viele grüblerische Kinder in der Pubertät entwickeln, es wäre ein Segen, dumm zu sein. In ihr paart sich Größenwahn mit Unsicherheit. Als Fantasie ist daran nichts auszusetzen. Die Erwachsene bemerkt jedoch, das sie nicht um so viel klüger ist wie sie denkt und die Kluge stellt fest, dass ihr der Verlust der Freude des Denkens das Schlimmste wäre.

Passend schiene es jetzt, den wahren Kern des Gedankens zu retten und zu versuchen, das Dumme und Angeberische wegzulassen. Ich halte es im Grunde für unmöglich und sogar für verlogen. Überheblichkeit als Bescheidenheit zu tarnen ist schlimmer als diese. Der Gedanke ist ohne sein Dummheit nicht zu haben, sollte etwas Wahres daran sein, dann nur vermittels seiner Falschheit. Wahrscheinlich steckt eigentlich mehr in der ihn verwerfenden Bewegung als im Ausgangsgedanken selbst. Nur gilt auch hier: jene nicht ohne diesen.