Bild

Karamell

Emilie trug einen Bisammantel, eine Pelzmütze aus demselben dunkelgrauen Fell, Lederhandschuhe und knopfgroße perlenfarbene Ohrclips, die an Sektpralinen erinnerten.
„Die Mütze muss ich tragen, sonst hole ich mir den Tod. Aber für die Dauerwelle ist sie Gift. Greif mal, wie weich mein Pelz sich anfühlt.“
Theresa hatte einfach einen Parker über ihr blau-weiß kariertes Baumwollkleid gezogen, das sie auch zuhause trug. Ihre Krampfadern schimmerten dunkelblau durch ihre fleischfarbenen Strümpfe. Sie trug immer selbstgetrickte Wollmützen, weil ihr die Haare ausgingen und es ihr ohne am Wirbel in der Mitte zog.
„Danke Mili, dass du mitkommst. Allein traue ich mich nicht.“ Theresa kicherte wie ein kleines Mädchen, das im Begriff war, etwas Verbotenes zu tun.
„Warum sie wieder einen Lidl bauen müssen.“ Emilie schüttelte demonstrativ den Kopf. „Das hat hier gerade noch gefehlt. An jeder Ecke gibt es einen Supermarkt. Was man hier bräuchte, wäre ein elegantes Café oder eine Boutique. Und ich meine nicht diese Ramschläden oder die Türkengeschäfte. Ein Etablissment, das bräuchte es hier.“
„Ach, ich fühl mich eigentlich ganz wohl hier. Es gibt ja die Konditorei auf der Hernalser. Gehen wir morgen Cremeschnitten essen?“
„Weißt du. Ich wohne hier schon seit zwanzig Jahren. Meine Maklerin hat geschworen, in zehn Jahren wäre die Gegend nicht wiederzuerkennen.“ Sie zeigte auf den Rohbau. Blitzblaue Fensterrahmen lugten bereits hinter dem Baugerüst hervor. „Hat sie das gemeint? Wieso keine Parfumerie oder ein Schmuckgeschäft?“
Auf dem Gerüst standen zwei Arbeiter mit gelben Schutzhelmen. Theresa winkte hinauf, aber keiner der beiden reagierte. „Entschuldigen Sie!“ Ihre Stimme brach und ging im Verkehr unter.
„Lass mich Resi“, sagte Emilie. „Sie da!“ Sie Schlug mit der behandschuhten Faust gegen das Gerüst.
Einer der Männer, er befand sich einige Stockwerke höher, aber direkt über ihnen, blickte zu den beiden Damen hinunter.
„Ja, Sie junger Mann!“ Diesmal hielt Theresas Stimme. „Kann ich Sie um etwas bitten?“
Der Mann hielt die Hohle Hand an sein Ohr und beugte sich vor.
„Ich muss sie etwas Fragen.“
Er winkte ab und kletterte das Gerüst hinunter.
„Er kommt“, sagte Emilie aufgeregt.
Theresa kicherte wieder wie vorher.
Der Mann musterte die Beiden, sein Blick wanderte über Emilies Mantel und Theresas Beine, von denen er sich schnell wieder löste. „Kann ich behilflich sein?“
Theresa sah zuerst Emilie an und dann den Mann. „Das können Sie. Sehr freundlich, dass sie fragen. Heutzutage ist das nicht selbstverständlich. Vielen Dank, dass sie zu uns herunter geklettert sind. Hoch ist das.“
„Was kann ich für sie tun?“ Der Mann sah zu seinem Kollegen nach oben, der bemerkt hatte, dass er herunter geklettert war. Er sah von oben herunter und hob fragend die Schultern. „Ich komm gleich wieder“, plärrte der Mann hinauf.
„Es ist so“, sagte Theresa. „Ich wohne gleich da drüben. Sehen sie das blaue Haus, das mit der Schneiderei, gegenüber der Post?“
Der Arbeiter nahm seinen Helm ab und sah in die bedeutete Richtung. „Schön.“
„Sieht ja ziemlich gefährlich aus, ihre Arbeit.“ Theresa nahm die Mütze ab, weil er den Helm abgenommen hatte, aber setzte sie gleich wieder auf, weil der Winterwind ihr in die Haare blies.
„Was Resi sagen will ist, dass es laut ist“, kam Emilie der Freundin zur Hilfe. „Wenn sie arbeiten, hört man das bis dort hinüber.“
„Ich wohne im zweiten Stock“, ergänze Theresa. „Ich weiß, sie können nichts dafür. Aber kann man da nicht irgendetwas tun?“
Der Mann stöhnte. „Sehen Sie, es ist nun einmal eine Baustelle, leise kann man nicht bauen.“
„Nein, natürlich nicht.“ Theresa lachte laut und herzlich. „Es ist nur so: am Nachmittag mache ich ein Schläfchen, nicht lange, nur von drei bis vier. Da kommt dann die Karlich, schauen sie manchmal die Karlich?“
Der Mann schüttelte den Kopf. „Wie stellen Sie sich das vor?“ Er schaute zu seinem Kollegen. „Sie wollen, dass wir von drei bis vier leise sind“, brüllte er nach oben.
Der andere Arbeiter hielt wie vorher sein Kollege die hohle Hand an sein Ohr.
„Wir sollen leiser sein“, versuchte es der Arbeiter noch einmal.
Der andere winkte ab und verschwand hinten im Gebäude.
Theresa beugte sich zu dem Mann vor und steckte ihm ein Karamellbonbon in die Brusttasche. „Ich weiß, es ist schwer für sie. Ich verlange ja nicht, dass sie solange gar nicht Arbeiten. Aber vielleicht lässt es sich ja irgendwie so einrichten … wenn sie zum Beispiel die lauteren Arbeiten zu Mittag … und sich die leisen für drei aufheben könnten?“
Der Mann nahm das Bonbon aus seiner Tasche und drehte es in seiner Hand. Das Bonbon wirkte darin fehl am Platz, ein Kinderzuckerl in einer Männerpranke. „Ja. In Ordnung. So können wir es machen“, sagte er schließlich und kratzte sich am Kopf.
„Wirklich?“ Theresa warf sich ihm um den Hals. „Sie sind ein guter Mensch, ein guter Mensch sind Sie.“

„So ein guter Mensch“, sagte Theresa zu Emilie, als sie die Straße zurückgingen. „Ist er nicht ein guter Mensch? Mili?“
„Zumindest einen Gourmet-Spar hätten sie bauen können, davon haben wir noch keinen.“

Foto: Baugerüst, auf dem zwei Arbeiter arbeiten.

Bild

Illuster

Clara zieht das abgegriffene Büchlein mit den bräunlichen Seiten aus der Lederhandtasche. Dürrenmatt, Romulus der Große. Irgendwie passt das Buch zur Party. So endet bei ihr die dritte Phase: sie liest bis sie sich aufrafft, nach Hause zu fahren. Clara kommt immer früh zu Wohnungspartys und geht als letzte. Sie liebt bei Festen den Anfang und das Ende, das Dazwischen nimmt sie in Kauf. Die meisten erleben überhaupt nur die Mitte. Sie müssen etwas daran finden.

In der ersten Phase ist noch niemand da. Clara wechselt ein paar Worte mit der Gastgeberin, die sie mag, weshalb sie überhaupt gekommen ist. Sie nimmt sich in Ruhe etwas zu trinken und setzt sich auf einen Lehnsessel. Die anderen Gäste treffen ein, ignorieren sie, sprechen mit denen, die sie schon kennen. Clara fragt sich, wieso sie nicht lieber lesen gegangen ist. Niemand ist hier, mit der zu sprechen sie Lust hätte. Ihr fällt ein, dass sich das beim dritten Glas ändert.
„Hallo Clara“, sagt Herbert. „Schöne Wohnung, oder? Der Balkon … warst du schon einmal hier?“
Interessiert keine Sau, denkt Clara. Aber er meint es gut. „Nein, noch nicht. Dabei wohnt sie glaube ich schon ein halbes Jahr hier.“
„Ja“, sagt Herbert, „glaube auch. Weißt du wer sonst noch hier wohnt?“
Sie weiß es aber es ist ihr zu anstrengend, auf die Leute zu zeigen, deren Namen sie nicht kennt. „Weiß nicht. Einer ist glaube ich nicht da.“
„Und was ist bei dir so los?“, fragt Herbert. „Wir haben uns sicher schon ewig nicht mehr gesehen.“ Er dehnt das ewig ewig aus.

Beim dritten Glas ist das Wohnzimmer voll. Phase zwei. Clara verlagert sich in die Küche. Dort ist es noch wie am Anfang der Party, nur weniger nüchtern. Die Küchenleute bleiben unter sich. Die Gespräche sind immer noch banal, aber es fällt Clara nicht mehr auf, weil sie betrunken ist. Die Themen werden läppischer.
„Findest du auch, dass Tobi aussieht wie der junge Siegfried Kracauer?“
Nein und es ist mir auch ziemlich egal, denkt Clara. „Wie aus dem Gesicht geschnitten“, sagt Clara. „Weißt du wie Paul Simon aussieht?“
„Nein.“
„Schade.“
Jetzt ist der Punkt erreicht, wo Clara weiter trinkt, weil das Trinken sie in Trinkstimmung versetzt hat. Sie mixt sich Vodka mit Orangensaft, eins zu eins, damit ihr niemand alles wegtrinkt. Clara ist gut gelaunt. Sie debattiert lebhaft über Themen, die sie schon lange nicht mehr interessieren und fragt sich, ob es ihren Gesprächspartnerinnen so geht wie ihr.
„Das ist gerade nicht, was Adorno meint“, sagt Mathilde.
Ich weiß es, wem sagst du das, bitte nicht wieder Adorno, denkt Clara. „Ja, ich verstehe auch nicht, wie die Leute immer darauf kommen. Als gäbe es die Ästhetik gar nicht. Dabei schreibt er, finde ich, recht verständlich. Also wenn man sich daran gewöhnt hat.“
Clara lässt sich betrunken zu ein paar Sätzen zu viel hinreißen. Sie schämt sich.
Phase drei, erlöse uns.

Die Reihen lichten sich. Die Leute ödet die Party an, sie gehen auf die nächste oder in den Klub. Clara freut sich: es geht bald los. Die ersten fünf Stunden sind Warmup. Es leert sich weiter. Am Boden und auf den Sofas lungern nur noch die Sumpernden, die erst Heimgehen, wenn sie keine Wahl mehr haben: aus Faulheit, aus Trunksucht und aus Einsamkeit. Das ist die beste Phase.
Clara führt nachdenkliche Gespräche – banaler als die allerersten, aber die Stimmung, der Alkohol und das Selbstmitleid verleihen ihnen einen genialischen Glanz.
„Auf den besten Partys passiert nichts“, sagt Clara.
„Stimmt“, sagt Nina.
„Wenn du nicht gekommen wärst, Nina.“ Clara nimmt Nina in den Arm.
„Ja“, sagt Nina. „Du bist die einzige, die mich versteht.“
Wenn sie trinkt, wird sie immer anhänglich, denkt Clara und drückt Nina fest an sich.

Foto: Luster

Bild

Die Vase

Hölzerne Mantelständer mit bröckelndem Lack, vergilbte erbsengrüne Kaffeehaustapeten, Marmortische mit Gusseisenfuß. Er rührt klirrend in der Melange; drückt den flockenden Schaum unter die gräuliche Brühe.
„Nein, du redest dich wieder raus“, sagt er. „Du kannst immer alles so darstellen, dass du recht hast. Wir reden und am Ende glaube ich dir, dass du nichts dafür kannst.“ Er schleckt den Löffel ab.
„Was soll ich denn bitte tun?“, fragt sie. „Ich kann dir nur sagen, wie es war. Was verlangst du von mir? Soll ich etwas zugeben, das ich nicht getan habe?“
„Du hast es getan. Das war meine Vase, eine echte Jugendstil Vase, von meinem Großvater. Ich wette, die hat ein paar hundert Euro gebracht. Ich will das Geld, das mir zusteht.“
Sie sieht nach dem Kellner und bittet um Süßstoff. „Die Vase ist auf dem Sockel gestanden, wie du vorgeschlagen hast. Jemand ist mit dem Mantel hängengeblieben und … es tut mir ja auch leid. Wahrscheinlich habe ich sie dumm hingestellt.“ Sie drückt zweimal auf das blaue Plastik und zwei kleine Süßstoffpastillen fallen in ihren Verlängerten. „Was kann ich dir noch sagen. Brauchst du Geld, soll ich dir etwas borgen?“
„Ich will dein Geld nicht, ich will, dass du es zugibst, du sollst einmal nicht recht haben. Wo sind denn die Scherben? Ist sie in tausend winzige Splitter zerfallen, die der Wind verweht hat?“
„Am Ende haben wir aufgekehrt und alles auf den Müllplatz gebracht, Bauschutt, Sperrmüll. Ich hab’ ja nicht wissen können, dass ich mich verteidigen werde müssen. Ehrlich gesagt habe ich nicht gewusst, dass dir die Vase so wichtig ist.“
Er rührte wieder, seine Hand zitterte. „Die verdammte Vase. Ihr verarscht mich. Ihr lacht mich aus, verhöhnt mich hinter meinem Rücken.“ Er legt den Löffel auf den Tisch. Es bildet sich eine kleine braune Pfütze auf dem Stein. „Das habt ihr doch schon immer gemacht, du und die Anderen. Ihr tut, als wärt ihr meine Freunde und hinter meinem Rücken lacht ihr mich aus. Okay, ich habe nicht studiert. Vielleicht bin ich auch nicht so klug wie ihr, vielleicht kann man mir alles einreden. Ich arbeite hart, ich verdiene gutes Geld, ich habe verdammt noch mal Respekt verdient.“
Sie beugt sich plötzlich vor und sieht ihm direkt in die Augen. „Ich habe nie über dich gelacht. Ich bin deine Freundin, wir sind deine Freundinnen. Wenn du Hilfe brauchst helfen wir dir. Vergiss die dumme Vase.“
„Du hast sie also verkauft?“
„Soll ich sagen, dass ich sie verkauft habe? Bist du dann zufrieden?“
„Hast du?“
„Nein verdammt, ich habe sie nicht verkauft. Sie ist zerbrochen, das tut mir sehr, wirklich sehr leid“, sie lehnt sich wieder nach hinten. „Von mir aus bezahle ich sie dir, vielleicht zahlt die Versicherung etwas.“
„Schau“, sagt er, „das ist genau, was ich meine.“ Er stiert sekundenlang in den kalten Kaffee. „Jetzt hättest du mich fast gehabt. Und dann gehst du nach Hause und ihr lacht über mich. Der Trottel, da hat er schon erraten, was mit der Vase passiert ist und dann habe ich ihn eingekocht. Ha, was für ein Idiot.“
„Ich weiß nicht, was ich noch tun oder sagen soll. Du willst, dass ich etwas gestehe, das ich nicht getan habe. Da habe ich keine Chance. Wenn ich dich anlüge … ich könnte dir ja sagen, ich hätte die Vase doch verkauft und dir das Geld geben, dann würdest du mich trotzdem hassen. Du würdest mir wahrscheinlich nicht einmal glauben. Ich kann nichts tun, du lässt mir nicht die geringste Chance.“ Sie sackt zusammen.
Er schmunzelt, dann verdüstert sich seine Miene wieder. „Nein. Nicht dieses Mal. Du kannst das einfach zu gut. Ich bin es, der keine Chance hat. Du hast die Vase verkauft, ich weiß es und ich verzeihe dir nicht. Du hast recht, du kannst nichts mehr machen. Du hättest sie nicht verkaufen dürfen, ihr hättet nicht über mich lachen dürfen.“
Er stürzt den kalten Sud herunter. „Herr Ober, Zahlen.“

Foto: Nahaufnahme eines Mundes aus Stein

Manoeuvre

Es gibt Menschen, deren Dummheit ist ihre Klugheit: zu sagen, was sie sagen, würde ihnen genaueres Nachdenken verwehren. Ein Beispiel eines solchen Menschen ist der Autor des vorherigen Satzes. Ich habe ihn impulsiv in meinem Notizbuch niedergeschrieben und als Material für Samuel Estragon markiert. Dort saß er schon seit einiger Zeit. Reflexion, heißt es da, würde den Gedanken mitunter schwächen – vertiefen aber dämpfen.

Der Gedanke hält aber genauerer Prüfung nicht stand. Erstens ist er in dieser Formulierung, die nahelegt, dass man selbst nicht zu jenen mit dieser zweifelhaften Art der Klugheit begabten zählt, überheblich und arrogant. Zweitens enthält er eine gehörige Dosis Denkfeindschaft, die dumpfe Sehnsucht nach Forschem, Direktem und einfach Gestricktem. Er gerät zu der Fantasie, welche viele grüblerische Kinder in der Pubertät entwickeln, es wäre ein Segen, dumm zu sein. In ihr paart sich Größenwahn mit Unsicherheit. Als Fantasie ist daran nichts auszusetzen. Die Erwachsene bemerkt jedoch, das sie nicht um so viel klüger ist wie sie denkt und die Kluge stellt fest, dass ihr der Verlust der Freude des Denkens das Schlimmste wäre.

Passend schiene es jetzt, den wahren Kern des Gedankens zu retten und zu versuchen, das Dumme und Angeberische wegzulassen. Ich halte es im Grunde für unmöglich und sogar für verlogen. Überheblichkeit als Bescheidenheit zu tarnen ist schlimmer als diese. Der Gedanke ist ohne sein Dummheit nicht zu haben, sollte etwas Wahres daran sein, dann nur vermittels seiner Falschheit. Wahrscheinlich steckt eigentlich mehr in der ihn verwerfenden Bewegung als im Ausgangsgedanken selbst. Nur gilt auch hier: jene nicht ohne diesen.

Schenken

Schenken setzt eigentlich so etwas wie eine Selbstausschaltung voraus. Wer ganz schenkt, die fühlt dem Begehren und den Wünschen der Beschenkten nach. Sie versucht das zu erraten, was die Andere am meisten ersehnt und muss sich ihr dazu in Gedanken gleich machen. Darin liegt wohl das heilende Potential des Schenkens. Die so Beglückte wird einmal nicht als Sache behandelt und so erlöst.

Aber darin liegt auch das Entnervende und Unerträgliche der Schenkerei, vor allem der aufoktroyierten. Denn wer sich das Beschriebene einmal ernstlich erlaubt, wird schnell merken, dass, was den Menschen fehlt, nicht zu schenken ist. Darüber hinaus wird das Einfühlen selbst zu einer Technik, die jenen, welche sie geschickt bemeistern, erlaubt, die unbeholfeneren oder widerwilligeren Schenkenden zu beschämen.