Unwetter

Es gibt bei Adorno zwei verwandte Figuren, die sich einiger Beliebtheit erfreuen. Die eine ist die der Verteidigung gegen die Liebhaber. Die Feindinnen seien nicht so schlimm, bzw. solche Banausen, dass sie keine Rolle spielten. Aber die Fans, die Kennerinnen, die Begeisterten hätten alles gerade falsch verstanden.

Die andere verwandte Figur ist jene, welche behauptet, die etwa von Neuer Musik Abgestoßenen würden die Musik noch mehr wahrnehmen als jene, welche sie wohlmeinend, aber gewissermaßen ohne richtig aufzupassen, auf ein Podest stellten, um sie zu verehren.

Die erste Figur als Auftrumpferei und Wettstreit um authentischere Anhängerinnenschaft abzutun, scheint nicht völlig verfehlt. Schließlich wird sie meist von jenen strapaziert, welche selbst große Stücke auf die Verteidigten halten, denen aber die Gesellschaft, in die sie sich damit begeben, nicht behagt.

An der zweiten ist mehr daran. Aber sie hat im Grunde dasselbe Problem. Wer sie bedient, räumt sich selbst eine Sonderstellung ein: Sie möge die Musik und habe dennoch verstanden. Jene, welche den Schock nicht nur notieren, sondern auch geschockt sind, werden zu Blitzableitern. Ihre Empörung verärgert nicht, sie beruhigt – wie das Prasseln des Regens und das Heulen des Windes jene beruhigen kann, die sich wohlfühlen in ihrem Haus.

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Deutung

In Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit findet sich eine Passage, in der eines der Bilder des fiktiven Malers Elstir ausführlich beschrieben wird: „Im Vordergrund des Strandes hatte der Maler die Augen daran gewöhnt, keine feste Grenze, keine unbedingte Scheidelinie zwischen Land und Meer zu erkennen. Männer, die Schiffe ins Meer schoben, schienen ebensogut auf der Flut wie auf dem Sande zu laufen, der, von Feuchtigkeit durchzogen, bereits die Schiffswände spiegelte, als ob er Wasser sei. Das Meer selbst stieg nicht gleichmäßig, sondern entsprechend den zufälligen Gegebenheiten des Strandes an, die durch die Perspektive noch mehr aufgelockert wurden, so daß ein Schiff auf hoher See halb verborgen hinter den Außenwerken des Arsenals mitten in der Stadt zu schwimmen schien; Frauen, die zwischen den Klippen beim Krabbenfang waren, sahen aus, da sie von Wasser umgeben waren und da im Vergleich zu der kreisförmigen Schranke der Felsen der Strand (an den beiden dem Lande zu gelegenen Seiten) so tief lag wie das Meer, als befänden sie sich in einer von Booten und Wellen überwölbten Grotte, die offen und doch sicher beschützt inmitten der durch ein Wunder zerteilten Wolken lag.“

So geht es noch weiter. Die Beschreibung des erfundenen Bildes, die sich nicht davor scheut, das Bild selbst genau zu malen, enthält Interpretation ohne zu interpretieren. Die Art der Beschreibung, die Wahl der Vergleiche und die Wortwahl selbst, legt Gedanken nahe, die über das Bild hinausreichen, die den Blick auf Landschaft selbst verändern. Wer diese Beschreibung gelesen hat, wird Landschaftsbilder nicht mehr mit den gleichen Augen sehen können. Es handelt sich um so etwas wie eine zeigende Ästhetik. Die Beschreibung ist dabei kein Beispiel und enthält nichts Erklärendes. Sie deutet nur wörtlich.

Vorschuss

Das Privileg der Literatur liegt darin, sagen zu können: so ist es, so hat es sich zugetragen. Wir müssen uns dann fragen; wieso ist es so, was hat es damit auf sich? Wir müssen die Motivation der Figur erschließen, uns ihr Aussehen vorstellen und ihren Eigenheiten nachspüren. Wir können nicht, wie es gegenüber einem Essay oder einer Abhandlung möglich wäre, das So-Sein der Ereignisse selbst in Zweifel ziehen.

Strapaziert eine Autorin diesen Vorschuss, den wir ihr zu geben gezwungen sind, allzu sehr, hören wir auf ihr zu trauen. Wir sagen, die Geschichte ergebe keinen Sinn. Dann können wir allerdings im Grunde nicht mehr weiterlesen. Dann sind wir draußen und nehmen keinen Anteil mehr am Leben der Figuren und dem Lauf der Geschichte.

Diese Fähigkeit des setzen Könnens bewirkt eine wundersame Verdrehung. Ein literarischer Text beschreibt ja immer nur einen kleinen Teil der virtuellen Welt, in der sich die Geschichte abspielt. Anhand der Beschreibungen, die wir erhalten, reimen wir uns alles Restliche so zusammen, dass das Gelesene Sinn ergibt. Agiert also eine Figur seltsam oder hat einen unerwarteten, überraschenden Gedanken, betrifft das nicht in erster Linie die Figur, sondern die ganze Welt muss gedanklich in Einklang mit der Eigenart der Figur gebracht werden. Das ist doch wirklich ein Vorrang des Einzelnen gegenüber dem Allgemeinen, wirklich die Gerechtigkeit, die einer jeden gebührte.

Es liegt darin aber auch etwas Harmonisierendes, gegen das sich moderne Literatur sträubt, indem sie bewusst diese Verbindung kappt. Vielleicht ahnt sie auch, dass diese Freiheit der Autorin trügt. Schließlich neigt sie doch dazu, die Figuren so denken und handeln zu lassen, dass sie nicht in Widerspruch zu ihrer Welt geraten.

Belangloses

Wieso eigentlich ästhetische Theorie? Wieso über Kunst nachdenken? Die Frage ist nicht bloß rhetorisch, sie ist – entgegen dem abgeschmacktem Sujet, Philosophie stelle nur Fragen – im Ernst zu beantworten. Leider sind die Antworten unbefriedigend. Manche so sehr, dass ich sie nicht einmal gründlicher in Erwägung ziehen will. Etwa die, man könne von der Betrachtung der Kunst etwas lernen, ein Geheimnis über Gesellschaft vielleicht oder wie zu leben sei.

Nicht von der Hand zu weisen ist jedenfalls die Feststellung, dass Denken sich ohnehin nicht so recht lenken lässt. Es verhält sich in geistigen Dingen keineswegs so, dass erst ein dem Denken würdiger Gegenstand ausgemacht wird, den es daraufhin denkend zu beackern gilt. Zum einen ist diese Auswahl dessen, worauf denken sich richten soll, selbst ein denkender Vorgang und zum anderen, und das ist der triftigere Einwand, taucht ein Problem in der Regel eher von sich aus auf, drängt sich vor, sagt: ich bin wichtiger als andere Rätsel, mach mich zuerst.

Das Problem ist aufdringlich, es findet sich übrigens nicht wichtiger, weil es gewichtiger ist, weil es mehr Einfluß auf den Lauf des Lebens hätte oder dergleichen, etwa derart wie chinesische Wirtschaftspolitik relevanter ist als die Verfilmung von Fifty Shades of Grey. Weder ist es ingsgesamt von Belang oder aktuell, noch muss es für das persönliche Leben der Denkenden wichtig sein. Aber es lässt trotzdem einfach nicht locker, indem es den Geist herausfordert, es birgt eine Art Geheimnis, sagt eigentlich: ich weiß, ich weiß, was du nicht weißt. Das kann sich auch als Lüge herausstellen. Kunstwerke wollen jene Gerechtigkeit, die darin liegt, sie ohne Grund anderen vorzuziehen. Nicht nur sie.