Zu grob, um wahr zu sein

Es gibt keine einfachen Wahrheiten. Die rohe Wahrheit ist zu grob, um wahr zu sein. Es mag etwas daran sein, dass Wahrheit weh tut, aber sie ist nicht brutal. Im Allgemeinen wird allerdings das Brutale eher aufgenommen, manchen sagt schon die Brutalität selbst zu. Wahrheit lebt aber eher in der Raffinesse, im Widerstreben eines Gedankengangs, dem gewohnten Lauf zu folgen, im Umweg. Dem triftigen Gedanken ist es zuwider, dem ausgetrampelten und ausgeschilderten Weg zu folgen, er wendet sich angeekelt ab. Selbst da – oder gerade da? –, wo er am sichersten und schnellsten zum Ziel führte. Denken ist eigentlich überhaupt eher das Durchschlagen des Gestrüpps als das Entlanggehen des rechten Pfades. Darin ist es übrigens der Logik diametral entgegengestellt.

Allerdings muss ich zugeben, dass darin selbst etwas Gezwungenes liegt. Den Weg nicht gehen wollen, lieber die Widerstände niederringen, die sich abseits in den Weg stellen, das ist kein Bild der Versöhnung. Es wäre allerdings geschwollen, fast kitschig, von einem Dickicht zu fantasieren, dass die Denkende, begibt sie sich auf Abwege, auf magische Weise passieren lässt. Besser wäre es, das Durchforsten des Maquis‘ als Denkvorgang aufzufassen, gebe es den Weg ohne Widerstand frei, wäre es kein Denken.

Allerdings ergeben sich daraus einige Probleme. Originalität zum Kriterium von Wahrheit zu erheben – und das ist im Bisherigen gewissermaßen impliziert – verleiht dem Denken eine taktische Dimension. Zielt es auf Originalität (übrigens gilt derselbe Einwand gegenüber dem politische engagierten Denken), dann droht es, die Fühlung mit dem Gegenstand zu verlieren. Es geht ihm dann nicht mehr darum, etwas zu Durchdringen oder auf den Begriff zu bringen, sondern der Gedanke will originell sein, das Wesentliche wird sekundär. Es kann eigentlich nie ein Kriterium für Wahrheit geben. Alles, was danach aussieht, fällt nebenbei ab. Nicht jeder originelle Gedanke ist wahr, aber jeder wahre originell. Sicherlich ist das zu banal, um wahr zu sein.

Manoeuvre

Es gibt Menschen, deren Dummheit ist ihre Klugheit: zu sagen, was sie sagen, würde ihnen genaueres Nachdenken verwehren. Ein Beispiel eines solchen Menschen ist der Autor des vorherigen Satzes. Ich habe ihn impulsiv in meinem Notizbuch niedergeschrieben und als Material für Samuel Estragon markiert. Dort saß er schon seit einiger Zeit. Reflexion, heißt es da, würde den Gedanken mitunter schwächen – vertiefen aber dämpfen.

Der Gedanke hält aber genauerer Prüfung nicht stand. Erstens ist er in dieser Formulierung, die nahelegt, dass man selbst nicht zu jenen mit dieser zweifelhaften Art der Klugheit begabten zählt, überheblich und arrogant. Zweitens enthält er eine gehörige Dosis Denkfeindschaft, die dumpfe Sehnsucht nach Forschem, Direktem und einfach Gestricktem. Er gerät zu der Fantasie, welche viele grüblerische Kinder in der Pubertät entwickeln, es wäre ein Segen, dumm zu sein. In ihr paart sich Größenwahn mit Unsicherheit. Als Fantasie ist daran nichts auszusetzen. Die Erwachsene bemerkt jedoch, das sie nicht um so viel klüger ist wie sie denkt und die Kluge stellt fest, dass ihr der Verlust der Freude des Denkens das Schlimmste wäre.

Passend schiene es jetzt, den wahren Kern des Gedankens zu retten und zu versuchen, das Dumme und Angeberische wegzulassen. Ich halte es im Grunde für unmöglich und sogar für verlogen. Überheblichkeit als Bescheidenheit zu tarnen ist schlimmer als diese. Der Gedanke ist ohne sein Dummheit nicht zu haben, sollte etwas Wahres daran sein, dann nur vermittels seiner Falschheit. Wahrscheinlich steckt eigentlich mehr in der ihn verwerfenden Bewegung als im Ausgangsgedanken selbst. Nur gilt auch hier: jene nicht ohne diesen.

Danse spirituelle

Der Gedanke reizt, Denken wäre eine Art des Tanzes.

Jedes künstlerische Tun ist in gewisser Hinsicht ein Tanz. Valéry schlägt in La philosophie de la danse vor, die Hände musizierender beim Spielen ihres Instruments zu beobachten, die Musik auszuschalten und nur auf die Bewegung der Finger zu achten. Hat er nicht recht, wenn er meint, die Gesetzmäßigkeit der Bewegung, der Rhythmus, das Zielgerichtete ließen sich erkennen, es handelte sich um einen Tanz der Finger. Und es stimmt wohl, dass sich ähnliche Ordnungen in anderen Bereichen genauso finden lassen: beim Malen, beim Schreiben – beim Denken. Übrigens ist der Tanz dagegen einfach Tanz, er hat keinen Tanz.Vielleicht ist es beim Denken genauso. Es mag den Tanz den die Denkende vollführt, wenn sie denkt. Das Auf- und Abgehen, der schweifende Blick, das Streichen mit dem Finger über die Augenbrauen. Aber wäre es nicht interessanter – sicherlich diesem Gedanken selbst angemessener – das Denken selbst schon als geordnete Bewegung zu verstehen, als Tanz. Das Denken zu denken als den Tanz des Geistes, der andere Vorgänge begleitet und fundiert. Schließlich wird allerhand Tun von Denken begleitet: kein Kochen ohne Denken. Aber Denken selbst nicht, denn es ist es schon.

Dann wäre Denken zu beurteilen wie eine Choreografie.

Belangloses

Wieso eigentlich ästhetische Theorie? Wieso über Kunst nachdenken? Die Frage ist nicht bloß rhetorisch, sie ist – entgegen dem abgeschmacktem Sujet, Philosophie stelle nur Fragen – im Ernst zu beantworten. Leider sind die Antworten unbefriedigend. Manche so sehr, dass ich sie nicht einmal gründlicher in Erwägung ziehen will. Etwa die, man könne von der Betrachtung der Kunst etwas lernen, ein Geheimnis über Gesellschaft vielleicht oder wie zu leben sei.

Nicht von der Hand zu weisen ist jedenfalls die Feststellung, dass Denken sich ohnehin nicht so recht lenken lässt. Es verhält sich in geistigen Dingen keineswegs so, dass erst ein dem Denken würdiger Gegenstand ausgemacht wird, den es daraufhin denkend zu beackern gilt. Zum einen ist diese Auswahl dessen, worauf denken sich richten soll, selbst ein denkender Vorgang und zum anderen, und das ist der triftigere Einwand, taucht ein Problem in der Regel eher von sich aus auf, drängt sich vor, sagt: ich bin wichtiger als andere Rätsel, mach mich zuerst.

Das Problem ist aufdringlich, es findet sich übrigens nicht wichtiger, weil es gewichtiger ist, weil es mehr Einfluß auf den Lauf des Lebens hätte oder dergleichen, etwa derart wie chinesische Wirtschaftspolitik relevanter ist als die Verfilmung von Fifty Shades of Grey. Weder ist es ingsgesamt von Belang oder aktuell, noch muss es für das persönliche Leben der Denkenden wichtig sein. Aber es lässt trotzdem einfach nicht locker, indem es den Geist herausfordert, es birgt eine Art Geheimnis, sagt eigentlich: ich weiß, ich weiß, was du nicht weißt. Das kann sich auch als Lüge herausstellen. Kunstwerke wollen jene Gerechtigkeit, die darin liegt, sie ohne Grund anderen vorzuziehen. Nicht nur sie.

Encore III

Aus dem Wiederholungstabu, dem Kraftverlust des sich bloß wiederholenden Denkens, ergibt sich eine Art Druck nach vorne: Ein Zwang zum Nächsten und Anderen. Ist die Wahrheit eines Gedankens – kaum gedacht und schon verglüht, einen Moment lang nur aufgeflammt – seinem Wesen nach flüchtig, kann es nie zur Ruhe kommen. Denken wird so, aufgrund seiner immanenten Dynamik, weiter gedrängt. Dieser Impuls müsste wahrgenommen werden, ohne seinem Gebot sogleich willfährig zu gehorchen. Vielleicht hieße Denken paradox gerade, sich der Bewegung des Denkens zu widersetzen. Auch hier liegt Wahrheit im Abgebrochenen und Abgelenkten, im Umweg und im Stocken.

Encore II

Denken sträubt sich auch gegen die Wiederholung fremden Denkens. Nicht im ersten Nachvollzug aber im bejahenden Rekurs darauf. Der Sensiblen muss die zustimmende Wiederholung Aussagen Anderer als unredlich erscheinen. Denn auch die Wahrheit des Zitierten fußte im spezifischen Verhältnis zu dessen Gegenstand. In anderem Zusammenhang, und sei es auch nur später, ist dasselbe schon falsch. Auch hier würde Treue bedeuten, das Beste zu verwerfen. Kein Vortrag lässt sich zweimal halten, kein Satz zweimal Schreiben, nichts lässt sich affirmativ zitieren.