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[Titel: Scharf, Schädlich]

[Prosa: Allegorie: Kräuter im Drink]
[Beat, Nina] „Das ist doch keine Minze.“ [Beat, Setting: Bar, Bossa Nova]
„Sieht aus wie Unkraut“, sagte Petra und [Beat]
[Beat: Nina entfernt Kraut aus Mojito]
[Beat: Petra nimmt das Kraut, Beschreibung: Erinnert an Löwenzahn, Salat] „Das würde ich nicht bezahlen.“
Nina sagte, dass es ihr egal sei und der Drink ihr ohne Minze eigentlich sowieso besser schmecke. Sie nahm Petra das Grün aus der Hand und steckte es sich in den Mund. „Ruccola.“
„Bestell Olivenöl dazu“, sagte Petra und [Beat: Lachen: Klang: Hämisch, Beat: Salzt und pfeffert Bloody Mary]
[Beat, Nina: Geste]
[Prosa: Bedeutung: Der Unterton und das Unkraut]

Foto: Bunte Glasflaschen: Grün, Weiß, Rot

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Traumland

– Und dann?
– Was sind zehn Jahre? Zudem: Zehn Jahre für uns. Für Sie ist es wie ein Schlaf. Wie ein tiefer Schlaf, nach dem Sie eine Weile brauchen, bis Sie wieder ganz da sind. Die Muskelatrophie verhindern wir mittlerweile fast vollständig. Stellen Sie sich einfach vor, Sie legen sich hin, wachen auf und haben einen schlechten Tag oder zwei.
– Meine Tochter. Sie wird dann neunzehn sein.
– Deshalb sind es bei Ihnen auch nur zehn Jahre. Zehn Jahre sind normalerweise genug. Meistens gibt man nur sicherheitshalber fünfundzwanzig.
– Sie wird mich nicht kennen.
– Dafür sind Sie dann frei. Sie können ein neues Leben anfangen. Sie können mit ihrer Tochter spazieren gehen, Ausflüge machen. Würden Sie sie lieber nur zu Besuchszeiten sehen? Sie wird sie respektieren. Sie als neuen Menschen betrachten. Wollen Sie das nicht?
– Ich bin kein schlechter Mensch.
– Natürlich nicht. Das ist auch ganz unerheblich. Sie bekommen ja eine zweite Chance. Haben Sie getippt?
– Irgendwie kommt es mir kindisch vor.
– Vielen hilft es. Dann können Sie, wenn Sie aufwachen, vergleichen, womit Sie recht gehabt hatten und wo Sie daneben lagen. Nach unserer Erfahrung gibt das den Rehabilitierten ein Gefühl der Kontinuität. Es hilft, die übersprungene Zeit zu mentalisieren.
– Soll es nicht ein Schnitt sein? Wie stand es in Ihrer Broschüre: ein Herausreißen.
– Das ist es auch. Aber man muss die Lücke füllen. Das heißt, man füllt sie – ob man will oder nicht. Man kann gar nicht anders. Und das Tippen hilft, eine realitätsgerechte Brücke zu schlagen. Aber es liegt natürlich ganz bei Ihnen. Sie machen das schließlich freiwillig. Ich sage Ihnen nur, welche Erfahrungen wir gemacht haben.
– Dann könnte ich noch zurücktreten?
– Sie haben sich doch entschieden. Und, wenn ich es so geradeheraus sagen darf, aus meiner Sicht haben Sie sich ganz richtig entschieden. Ich würde es so machen wie Sie.
– Aber Sie haben nicht?
– Ob ich was? Nein, dann dürfte ich auch nicht hier arbeiten.
– Ich dachte, man ist rehabilitiert.
– Natürlich. Schon. Trotzdem gibt es einige Berufe, von denen Sie ausgeschlossen sein werden. Zumindest jetzt noch. Das liegt daran, dass das alte System noch existiert. Es wäre zu umständlich, Häftlinge, bzw. Rehabilitierte, gesondert zu behandeln. Vorläufig werden Sie so behandelt werden wie ein entlassener Häftling. Obwohl man ja nicht wissen kann, was dann sein wird. Sie haben doch die Broschüre gelesen?
– Schon. Ich muss gestehen, dass ich nicht alles verstanden habe.
– Aber Sie haben unterschrieben, alles verstanden zu haben. Und ich habe den Eindruck, das Wichtigste begreifen Sie. Zehn Jahre Schlaf, statt fünfzig Jahre Gefängnis. Das ist doch ein guter Deal.
– Vielleicht wäre ich schon nach dreißig draußen.
– Mag sein. Aber, Bygones; in dieses Loch können Sie nicht mehr kriechen. Außerdem: Sie vergleichen Schlafen mit Gefängnis. Manche sagen, der Schlaf sei erholsam gewesen. Und die Chance, nicht rückfällig zu werden, verdreifacht sich. Sehen Sie, es ist doch klar. Im Gefängnis haben Sie mit den falschen Leuten Kontakt und nachher kennen Sie niemanden sonst. Der Schlaf ist unschuldig.
– Dann werde ich niemand mehr kennen. Alle werden weitergelebt haben, nur ich nicht.
– Sie werden neue Freunde kennenlernen. Ihnen wird eine Stelle vermittelt, das erste Jahr sind Sie versorgt. Machen Sie sich keine Gedanken.
– Jetzt habe ich doch Angst.
– Das ist normal. Wenn ich offen sprechen darf: Am Ende bekommen fast alle Angst. Am Ende will eigentlich niemand mehr. Ich verstehe auch nicht warum.
– Und nachher, bereuen es viele?
– Reue ist menschlich. Wir blicken zurück und fragen uns, was sein hätte können. Aber wer kann es schon wissen? Schlafen Sie jetzt. Wenn ich sage, hoffentlich sehen wir uns in zehn Jahren, dann um meinetwillen, verstehen Sie? Sie werden sicher träumen. Ich muss jeden Tag aufstehen und in die Arbeit gehen. Ein bisschen beneide ich Sie sogar. Regen Sie sich nicht auf. Tief ausatmen.
– Wenn ich mich nicht umentscheiden kann, dann will ich verlängern.
– Verlängern? Warum sollten Sie? Denken Sie an Ihre Tochter.
– Ich will wirklich neu beginnen. Lassen Sie mich hundert Jahre schlafen, zweihundert. Niemand, den ich kenne, soll mehr leben.
– So einfach geht das nicht. Das ist die Angst, die aus Ihnen spricht. Solange bekommen nur Mörder … lassen Sie das. Was machen Sie da? Das bringt doch nichts. Sicherheitsdienst. Nicht … bitte …

Foto: Die Laterna Magika in Prag, an deren Fassade sich das gegenüberliegende Haus spiegelt.

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Hip und Hop

„Nicht schlecht die Demo, hä? Meinst du da geht was?“
„Ich weiß nicht, ob ich wirklich die Richtige bin, um das zu beurteilen.“
„Wieso? Ich erwarte ja nicht … du hast es dir doch reingezogen. Geil oder?“
„Es wirkt professionell gemacht und die Texte funktionieren, soweit sich das sagen lässt. Ich kenne mich bei Rap halt wirklich schlecht aus.“
„Da musst du dich nicht auskennen. Wer labern kann, kann rappen.“
„Hast du es anderen auch vorgespielt?“
„Ja, ein paar Freundinnen.“
„Und?“
„Ja, auch so, naja. Es ist doch geil oder? Also ich find es geil.“
„Ich kann mich für diese Musik generell nicht begeistern. Aber wie gesagt, alles sauber gemacht, soweit ich das beurteilen kann.“
„…“
„Das eine Lied, das zweite glaube ich.“
„Tinderella.“
„Ja.“
„Was ist damit?“
„Ziemlich traurig. Wie bist du darauf gekommen?“
„Keine Ahnung. Eine Freundin hat mir erzählt, dass es ihr so geht. Alle sagen Tinder, Tinder, Tinder. So gut, weißt du?“
„Ist das deiner Freundin nicht unangenehm?“
„So ist das im Hiphop. Da ist man ehrlich. Wenn man Probleme hat, wenn andere Probleme haben, dann macht man einen geilen Track daraus.“
„Sind deine Texte alle wahr?“
„Ich bin übrigens nicht die Freundin. Ich weiß, das klingt jetzt so.“
„Es klingt ein bisschen so, stimmt.“
„He, ich scheiß auf Tinder. Ich brauch das nicht.“
„Tinderella, Tinderella, yo, yo.“
„Hör auf, das ist peinlich.“
„Wie war das? Wer labern kann, kann rappen.“
„Du bist die Ausnahme.“
„Diss mich nicht.“
„Nagut ich zeig dir was. Pass auf. Sprich mir nach: Ich steh am Mic und nicke heftig mit dem – Kopf.“
„Ich steh am Mic und nicke mit dem Kopf.“
„Heftig.“
„Was?“
„Nicke heftig mit dem – Kopf.“
„Ich steh am Mic und nicke heftig mit dem – Kopf …“
„Während mein Hawerer der Eisbong ihren Hut – stopft.“
„Während mein Hawerer der Eisbong ihren Hut stopft.“
„Hut – stopft.“
„Hut stopft. Habe ich doch gesagt.“
„Hut – Pause – stopft. Sonst geht es nicht.“
„Während mein Hawerer der Eisbong ihren Hut – stopft.“
„Ok, jetzt alles. Ich steh am Mic …“
„… und nicke mit dem – Kopf“
„Kopf.“
„Während mein Hawerer der Eisbong ihren Hut – stopft.“
„Stopft.“
„…“
„Schau. Sag ich ja.“
„Von wem ist das?“
„Von mir.“
„Geil.“

Foto: Stencil von einer Kassette auf ein Holzbrett gesprayed.

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Die Vase

Hölzerne Mantelständer mit bröckelndem Lack, vergilbte erbsengrüne Kaffeehaustapeten, Marmortische mit Gusseisenfuß. Er rührt klirrend in der Melange; drückt den flockenden Schaum unter die gräuliche Brühe.
„Nein, du redest dich wieder raus“, sagt er. „Du kannst immer alles so darstellen, dass du recht hast. Wir reden und am Ende glaube ich dir, dass du nichts dafür kannst.“ Er schleckt den Löffel ab.
„Was soll ich denn bitte tun?“, fragt sie. „Ich kann dir nur sagen, wie es war. Was verlangst du von mir? Soll ich etwas zugeben, das ich nicht getan habe?“
„Du hast es getan. Das war meine Vase, eine echte Jugendstil Vase, von meinem Großvater. Ich wette, die hat ein paar hundert Euro gebracht. Ich will das Geld, das mir zusteht.“
Sie sieht nach dem Kellner und bittet um Süßstoff. „Die Vase ist auf dem Sockel gestanden, wie du vorgeschlagen hast. Jemand ist mit dem Mantel hängengeblieben und … es tut mir ja auch leid. Wahrscheinlich habe ich sie dumm hingestellt.“ Sie drückt zweimal auf das blaue Plastik und zwei kleine Süßstoffpastillen fallen in ihren Verlängerten. „Was kann ich dir noch sagen. Brauchst du Geld, soll ich dir etwas borgen?“
„Ich will dein Geld nicht, ich will, dass du es zugibst, du sollst einmal nicht recht haben. Wo sind denn die Scherben? Ist sie in tausend winzige Splitter zerfallen, die der Wind verweht hat?“
„Am Ende haben wir aufgekehrt und alles auf den Müllplatz gebracht, Bauschutt, Sperrmüll. Ich hab’ ja nicht wissen können, dass ich mich verteidigen werde müssen. Ehrlich gesagt habe ich nicht gewusst, dass dir die Vase so wichtig ist.“
Er rührte wieder, seine Hand zitterte. „Die verdammte Vase. Ihr verarscht mich. Ihr lacht mich aus, verhöhnt mich hinter meinem Rücken.“ Er legt den Löffel auf den Tisch. Es bildet sich eine kleine braune Pfütze auf dem Stein. „Das habt ihr doch schon immer gemacht, du und die Anderen. Ihr tut, als wärt ihr meine Freunde und hinter meinem Rücken lacht ihr mich aus. Okay, ich habe nicht studiert. Vielleicht bin ich auch nicht so klug wie ihr, vielleicht kann man mir alles einreden. Ich arbeite hart, ich verdiene gutes Geld, ich habe verdammt noch mal Respekt verdient.“
Sie beugt sich plötzlich vor und sieht ihm direkt in die Augen. „Ich habe nie über dich gelacht. Ich bin deine Freundin, wir sind deine Freundinnen. Wenn du Hilfe brauchst helfen wir dir. Vergiss die dumme Vase.“
„Du hast sie also verkauft?“
„Soll ich sagen, dass ich sie verkauft habe? Bist du dann zufrieden?“
„Hast du?“
„Nein verdammt, ich habe sie nicht verkauft. Sie ist zerbrochen, das tut mir sehr, wirklich sehr leid“, sie lehnt sich wieder nach hinten. „Von mir aus bezahle ich sie dir, vielleicht zahlt die Versicherung etwas.“
„Schau“, sagt er, „das ist genau, was ich meine.“ Er stiert sekundenlang in den kalten Kaffee. „Jetzt hättest du mich fast gehabt. Und dann gehst du nach Hause und ihr lacht über mich. Der Trottel, da hat er schon erraten, was mit der Vase passiert ist und dann habe ich ihn eingekocht. Ha, was für ein Idiot.“
„Ich weiß nicht, was ich noch tun oder sagen soll. Du willst, dass ich etwas gestehe, das ich nicht getan habe. Da habe ich keine Chance. Wenn ich dich anlüge … ich könnte dir ja sagen, ich hätte die Vase doch verkauft und dir das Geld geben, dann würdest du mich trotzdem hassen. Du würdest mir wahrscheinlich nicht einmal glauben. Ich kann nichts tun, du lässt mir nicht die geringste Chance.“ Sie sackt zusammen.
Er schmunzelt, dann verdüstert sich seine Miene wieder. „Nein. Nicht dieses Mal. Du kannst das einfach zu gut. Ich bin es, der keine Chance hat. Du hast die Vase verkauft, ich weiß es und ich verzeihe dir nicht. Du hast recht, du kannst nichts mehr machen. Du hättest sie nicht verkaufen dürfen, ihr hättet nicht über mich lachen dürfen.“
Er stürzt den kalten Sud herunter. „Herr Ober, Zahlen.“

Foto: Nahaufnahme eines Mundes aus Stein

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Murica

„Sorry, aber das ist Bullshit. That’s what it is“, sagt Jessie. „Warte, ich schalt’ dich auf Speaker, ich brauch’ eine Tschick.“ Sie legt das Handy auf den Tisch und zündet sich eine an. „Okay, bist du noch da?“
„Wie auch immer, jedenfalls hat sie das so verstanden“, sagt die Stimme aus dem Telefon.
„Maybe, aber es ist whatever.“ Sie nimmt einen Zug und klemmt die Marlboro in den Mundwinkel, holt sich ein Bier vom Kühlschrank und öffnet es.
„War das ein Bierkorken, Jessie? Willst du nicht erst ein Müsli essen?“
„Fucking Müsli“, nuschelt Jessie mit Tschick im Mund. „Ich hab’ ihr nur gesagt, dass sie es sich zu leicht macht. Die selbstgerechte Scheiße kann ich mir nicht mehr anhören.“
„Was meinst du?“, fragt die Stimme.
„Die Schimpferei auf die Welt. Das Gesudere, das fucking sich gegenseitig und selbst auf die Schulter Geklopfe.“
„Die Welt ist halt wirklich scheiße.“
„Ja, die Welt ist fucking scheiße, damnit.“ Jessie dämpft die halb gerauchte Tschick am Fensterbrett aus und schnippt sie die Feuertreppe hinunter. „I mean who does she think she‘s talking to, a fucking Nazi? I know that shit.“
„Aber sie hat es ja nicht böse gemeint. Du legst dich halt gleich mit allen an. Warum sagst du nicht einfach: du hast schon recht und so weiter. Dann kannst du immer noch kritisieren. Komm den Leuten ein Stück entgegen.“
„You gotta be kidding me.“ Sie zündet sich noch eine an. Irgendwie ist das Anzünden besser als das Rauchen. „Jesus. Fucking Amen sagen und dann leise Bullshit anmelden oder was.“
„Klingt doch ganz gut.“
„Nein. Fuck that, die kann mich mal. Ich ruf einfach nicht mehr an, ich will mit der Scheiße nichts mehr zu tun haben.“
„Mit mir auch nicht?“, fragt die Stimme beleidigt.
„Hello? Goddamn Empfang, hörst du mich?“, sagt Jessie.
„Hallo? Ich höre dich, hörst du mich?“, sagt die Stimme.
„Du, ich hör dich nicht mehr, ich melde mich morgen, gotta run.“

Foto: Schild aus Glühbirnen„Land“