Wie das Wort Unten singen

Es käme mir ganz falsch vor, es tief zu singen; tief aus der Brust, von unten her. Wie in den selbstgemachten Musikvideos auf Youtube, erschiene mir das, wo beim Wort Ballon ein Heißluftballon gezeigt wird, im Adobe-Himmel, beim Wort Liebe ein Paar, das sich hinter den Ohren krault, und beim Wort Angst ein dunkler Raum, dessen Tür sich langsam schließt.
Also müsste ich es hoch singen, schrill wie ein Stahlbohrer: „Unten!“ – Kontrast, Gegensatz und so weiter. Aber das folgte demselben Prinzip. Nur zeigte das Musik-Video dann eben beim Wort Stein ein Stück Watte und beim Wort Hass zwei Murmeltiere, die ihre Schnauzen aneinander reiben, beim Wort Auto eine verschimmelte Tomate.
Man müsste das Wort Unten in der Melodie verstecken, sodass niemand auf die Idee käme, es gäbe einen Zusammenhang zwischen Musik und Text. Dann dächte man allerdings: Da versucht jemand, das Problem zu verdecken, löscht es feig aus: Da weiß jemand nicht, wie das Wort Unten singen.

Die Zeichnerin

sperrte man in einen dunklen Raum. Das einzige Licht kam durch den Spalt unter der Tür. Bis auf ein Bett und ein Schreibpult mit Stuhl war das Zimmer leer.
Jeden Morgen, falls es ein Morgen war, ging das Licht im Spalt an, und jeden Abend, falls es ein Abend war, erlosch es. Mit dem Wasser, dass ihr durch eine Klappe geschoben wurde, gab man ihr Zeichenblätter und Bleistifte. An einigen Tagen erhielt sie auch Brot und Käse. Es gab Wochen, da aß sie täglich, in anderen gar nicht. Um sich zu beschäftigen, zeichnete sie. Unbeholfen, weil im Dunkeln die eigenen Linien verschwommen. Das Licht war so schwach, dass sie nie wusste, ob die Zeichnung gelungen war. Trotzdem schob sie die Bilder unter der Tür hinaus.
So ging es lange. Die Tage zählte sie nicht, falls es Tage waren.
Ihre Nägel rollten sich ein, sodass sie die Bleistifte zum Zeichnen zwischen die Knöchel der Finger klemmte, ihr Haar verfilzte und die Kopfhaut eiterte und brannte. Immer öfter zeichnete sie jetzt sich selbst. Aber je mehr der Blätter, die sie durch den Spalt schob, ihren krummen über dem Pult hängenden Körper zeigten, oder wie er zu einem Filzknäuel eingerollt auf dem Bett lag, desto weniger gab man ihr zu essen.
Aus Sehnsucht oder Berechnung, beide vermischten sich wie Honig und Schwarztee, zeichnete sie schöne Dinge: Eichen, Birken und Tannen, Karnickel und Spatzen, Ballettänzer, Kinder beim Seilspringen. Man gab ihr wieder öfters Brot, manchmal auch Käse und hier und da, vielleicht weil eine Zeichnung besonders gestrahlt hatte, frische Früchte, Weintrauben oder einen Pfirsich.
Kaum war sie zu Kräften gekommen, ließ man sie frei, falls es Freiheit war.

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Der Fahrt Verboten

„Erzähl schon“, sagte Kerstin und knuffte Anna so fest in die Rippen, dass ihr fast die Kamera aus der Hand gefallen wäre.
„The Fuck“, sagte Anna. Sie hielt der Freundin das Bild vor die Nase, das sie gemacht hatte.
„Geiler Kran“, sagte Kerstin. „Und jetzt erzähl.“
Anna steckte die Kamera ein und zog eine Packung Parisienne aus ihrer Lederhandtasche. „Kann man hier rauchen?“
„Du bist so geil“, sagte Kerstin.
Anna lachte. „Was weiß ich. Wir sitzen doch quasi im Freien.“
„Rauch halt“, sagte Kerstin, „und gib mir auch eine.“
Anna steckte ihrer Freundin eine Zigarette in den Mund und gab ihr Feuer. Dann zündete sie sich eine eigene an.
„Also?“, fragte Kerstin.
„Ok. Das war so ein Hipster-Schuppen“, sagte Anna. „Eigentlich eine alte Taverne, mit Fischen an der Wand und Knoten und so. Aber alles extrem sauber und liebvoll gemacht und geile Musik: Waldeck, Parov Stelar und so shit.“
„Interessiert mich Steine“, sagte Kerstin. „Wie ist es gelaufen, Alte?“
„Geschmeidig. Sie hat ein fucking Gilet angehabt, Anzug, Krawatte. Ich hab’ ehrlich gesagt nicht gewusst, dass das so ein Laden ist. Aber manche dort waren auch normal angezogen. Eh leiwand, auf scheissdrauf halt.“
Kerstin lachte. „Du im Schlabberpulli und sie geschniegelt im Gilet. Geil.“
„Wie lang fahren wir noch?“, fragte Anna.
„Lenk nicht ab, Mädel“, sagte Kerstin.
„Mein Akku ist fast leer. Was ist das eigentlich für ein Shit, wo wir hinfahren?“
Die Frau vom Bordpersonal hielt den Freundinnen einen Aschenbecher hin. „Sie können hier nicht rauchen.“
Die beiden kicherten und dämpften die Zigaretten auf dem Anker aus, der auf den Boden gedruckt war.
„Sorry, wussten wir nicht“, sagte Kerstin.
Die Frau spitzte die Lippen und nickte spöttisch. Dann kippte sie die Stummel in einen Plastikbehälter und ging weiter.
„Wir sind dann noch zu ihr“, sagte Anna und kicherte.
„Du alte …“, sagte Kerstin und stieß ihr wieder den Ellenbogen in die Rippen.
„Das tut weh, oida.“ Anna knuffte zurück.
Kerstin umarmte Anna, dann richtete sie ihr die Haare. „Wir kommen gleich an.“
„Hab ich was in den Haaren?“, fragte Anna.
„Willst du sie wiedersehen?“, fragte Kerstin.
Anna blickte auf den Boden und zog die Ärmel von ihrem schwarz-weiß gestreiften Oberteil über die Handgelenke. „Schon.“
„Ha, du bist sowas von verliebt“, sagte Kerstin, knuddelte die Freundin und lachte.
„Du kannst dich vielleicht freuen. Aber die kann jede haben. Die ruft mich nicht an.“
„Wird sie schon. Wäre ziemlich bescheuert von ihr, sich nicht zu melden.“
„Da waren schon eine paar vor ihr so bescheuert.“
„Hab ein bisschen Vertrauen Mädel. Das wird schon.“ Kerstin strich Anna übers Haar und richtete es wieder.
„Was hast du mit meinem Haar? Sieht es scheiße aus?“
„Nein, du siehst super aus.“ Kerstin sah sich nervös um. „Gleich sind wir da.“
„Das ist so eine Insel oder? Mit Wiese und fucking Natur und so?“
„Das ist die geilste Insel ever. Ich war da schon, da gibt es Bäume, die hast du noch nie gesehen. Im Frühling fliegen diese Samenknäuel, du weißt schon, durch die Luft. Es sieht aus wie Schnee. Das ist epic.“
„Lol, fucking Samenknäuel“, sagte Anna.
„Ich freu’ mich so“, sagte Kerstin und kitzelte Anna.
„Was ist mit dir, oida?“, sagte Anna.
Kerstin zeigte an Land und Anna sah zu der Stelle, auf die sie gezeigt hatte. Dort lehnte, im hellen Sportjackett lässig an einem roten Peugeot, Melanie. Hinter ihr wirbelte der Wind die Pappelsamen durch die Luft; sie fingen sich in Melanies Haar und legten sich auf das Wagendach und die Motorhaube; eine niemals schmelzende Decke weichen Schnees.
„Epic“, sagte Anna zu Kerstin und wischte ihr den zerronnenen Kajal aus den Augenwinkeln.

Foto: Blick aus dem Fenster auf einen Hafenkran. Auf dem Fenster ist in roter Blockschrift: ‚Der Fahrt verboten‘ zu lesen.

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Gurren

Den ersten Winter ging es uns nicht schlecht, Kerry, Pete, den Anderen und mir. Wir hatten es uns in einem verfallenen Haus im Innenhof eines ottakringer Wohnhauses gemütlich gemacht. Ein Haus im Haus. Ottakring ist ein alter Arbeiterbezirk und früher gab es in den Höfen kleine Handwerksbetriebe. Die Werkstätten stehen heute leer oder man hat sie zu kleinen Wohnungen umgebaut. Jedenfalls hatten wir in unserer Bleibe einen ruhigen Ort gefunden: die vom Haus haben uns sogar ab und zu Wasser hingestellt oder uns vom Frühstück übriggebliebene Krümmel vom Balkon aus zugeworfen.
Kurz: uns fehlte nichts. Bis zu dem Tag, an dem sie die Fenster mit Draht vergitterten. Erst scheuchte uns der Mann mit dem Besen aus dem Haus. Das heißt, manche flohen, wie ich, andere versteckten sich im Dachboden. Kerry hatte gerade Junge und konnte nicht weg. Damals verstand ich noch nicht, was der Mann vorhatte, wollte nur seinem zischenden Besen ausweichen. Er verschloss die Fenster und die Tür mit Draht. Die Maschen waren nicht eng, aber zu eng für den ausgewachsenen Körper einer Taube. Auf die Fenstersimse stellte er spitze Stacheln. Wir suchten dennoch in den Zwischenräumen Platz. Pete spießte sich auf und kämpfte drei Tage mit der Verhedderung. Dann hörten wir auf, ihm Futter zu bringen. Wir konzentrierten uns auf die Eingesperrten. Der Boden des Hauses war betoniert, es gab nichts zu essen. Alles blieb an uns Draußengebliebenen hängen. In der Stadt ist es leicht, für sich selbst zu sorgen, etwas fällt immer ab, aber eine ganze Familie mit zu ernähren ist etwas anderes. Dazu kam, dass die Anderen den Mut mehr und mehr verloren. Die verwesende Leiche Petes senkte die Moral. Einige gaben auf und richteten sich im beschädigten Turm der Familienkirche neue Nester ein. Einmal habe ich sie dort besucht, aber viel Zeit zu Ausflügen dieser Art blieb mir nicht. Je mehr die Gruppe verließen, desto schwieriger war es für uns, die Eingesperrten und mich mit Nahrung zu versorgen. Ich schlief kaum mehr, aß nur, um weiter suchen zu können; ich redete mir ein, eines Tages würde der Mann sein Unrecht einsehen; er würde Kerry und die Überlebenden befreien. Für ihn wäre es ein Leichtes mit der großen Drahtschere den Draht zu durchtrennen, an dem mein nutzloser Schnabel ein ums andere Mal versagte.
Noch jetzt sehe ich deutlich den Riss im Zaun; sehe, wie die Abgemagerten durch die Öffnung krabbeln und flattern; sehe ihre matten Äuglein im Tageslicht glänzen und höre ihr heiseres Gurren.

Foto: Tote Taube