Die Zeichnerin

sperrte man in einen dunklen Raum. Das einzige Licht kam durch den Spalt unter der Tür. Bis auf ein Bett und ein Schreibpult mit Stuhl war das Zimmer leer.
Jeden Morgen, falls es ein Morgen war, ging das Licht im Spalt an, und jeden Abend, falls es ein Abend war, erlosch es. Mit dem Wasser, dass ihr durch eine Klappe geschoben wurde, gab man ihr Zeichenblätter und Bleistifte. An einigen Tagen erhielt sie auch Brot und Käse. Es gab Wochen, da aß sie täglich, in anderen gar nicht. Um sich zu beschäftigen, zeichnete sie. Unbeholfen, weil im Dunkeln die eigenen Linien verschwommen. Das Licht war so schwach, dass sie nie wusste, ob die Zeichnung gelungen war. Trotzdem schob sie die Bilder unter der Tür hinaus.
So ging es lange. Die Tage zählte sie nicht, falls es Tage waren.
Ihre Nägel rollten sich ein, sodass sie die Bleistifte zum Zeichnen zwischen die Knöchel der Finger klemmte, ihr Haar verfilzte und die Kopfhaut eiterte und brannte. Immer öfter zeichnete sie jetzt sich selbst. Aber je mehr der Blätter, die sie durch den Spalt schob, ihren krummen über dem Pult hängenden Körper zeigten, oder wie er zu einem Filzknäuel eingerollt auf dem Bett lag, desto weniger gab man ihr zu essen.
Aus Sehnsucht oder Berechnung, beide vermischten sich wie Honig und Schwarztee, zeichnete sie schöne Dinge: Eichen, Birken und Tannen, Karnickel und Spatzen, Ballettänzer, Kinder beim Seilspringen. Man gab ihr wieder öfters Brot, manchmal auch Käse und hier und da, vielleicht weil eine Zeichnung besonders gestrahlt hatte, frische Früchte, Weintrauben oder einen Pfirsich.
Kaum war sie zu Kräften gekommen, ließ man sie frei, falls es Freiheit war.

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Grand Hotel Europa

Mattes Licht fällt durch die Fenster, die Packpapier und Tape notdürftig zusammenhalten; einige sind mit Brettern vernagelt. In einer Ecke des Raumes, der einmal die Lobby gewesen sein muss, scheppert ein Stromagregat und eine Stehlampe beleuchtet eine Sitzgruppe. Du hörst Stimmen: das Wort „Affe“ oder „Pfaffe“. Beim Näherkommen erkennst du junge Frauen und Männer, die im Gespräch gestikulieren. Alle rauchen. Die glühenden Zigaretten zeichnen Muster in die Dunkelheit. Eine junge Frau steht auf und kommt dir entgegen. Sie drückt dir ein Bier in die Hand und lädt dich ein, näher zu kommen.
„Setz dich zu uns.“ Sie legt dir den Arm um die Schulter. „Trinkst du lieber Cola?“ Sie mustert dich und lächelt mit den Augen.
Du verneinst, öffnest die Bierdose und bedankst dich. Sie begrüßt dich mit deinem Namen und stellt sich als Nelly vor. Du setzt dich auf eine grüne Couch. Sie ist bequem, auch wenn die ausgeleierten Stahlfedern quietschen und du tief einsinkst. Neben dir dreht ein alter Mann einen Joint. Nelly setzt sich dir gegenüber auf einen Biedermeiersessel, aus dem helles Futter quillt. Du nimmst einen Schluck Bier. Weil es kalt ist, blickst du dich nach einem Kühlschrank um, findest aber keinen.
„Kühltasche“, sagt der Mann neben dir und zeigt in eine dunkle Ecke. Dann zündet er den Joint an, nimmt einen einzigen Zug und reicht ihn dir.
Du rauchst.
„Wenn du nichts dagegen hast“, sagt Nelly, „dann kommen wir gleich zur Sache.“
Du sagst, das sei dir sehr recht, obwohl du ausreichend Zeit eingeplant hättest. Dir fällt auf, dass es ruhig geworden ist. Nelly lehnt sich vor, sodass ihr das Lampenlicht das Gesicht beleuchtet. Die Lampe flackert wie eine Kerze im Luftzug.
„Du hast, nehme ich an, nie von uns gehört, bis wir dich kontaktiert haben.“ Sie berührte beiläufig ihre Stirn, als juckte sie etwas. „Aber dann hast du dich umgehört. Hast Grand Hotel Europa gegoogled und so weiter.“
Du nickst.
Nelly deutet auf den Joint, in deiner Hand, der kaum noch glüht. Du rauchst und gibst zur Nebencouch weiter, wo ihn ein junger Mann entgegennimmt. Nelly lächelt. „Aber viel gefunden hast du nicht. Gerüchte. Manche haben dir gesagt: im alten Grand Hotel treffen sich Künstler, andere sprachen von Aktivistinnen, Autonomen, Kommunistinnen, Punks.“
Du trinkst einen Schluck Bier und runzelst die Stirn, sagst, ungefähr so sei es gewesen.
„Das ist alles nicht ganz falsch und ganz falsch“, sagt Nelly, „wir träumen.“
Du fragst, wovon.
Der Mann neben dir legt dir eine Hand auf die Schulter. „Von einer besseren Welt.“
Du sagst, davon hätten schon viele geträumt.
„Das stimmt“, sagt der alte Mann und lockert sich den Schal. „Und auch schon viele so wie wir.“
„Mit dem Unterschied“, sagt Nelly, „dass wir für unsere Sache nicht werben. Wir wollen auch nichts erreichen. Eigentlich wollen wir sie uns nur ausmalen, die bessere Welt.“
Du stellst das Bier ab und sagst, das sei poetisch, aber im Grunde verzichtbar. Ausgemalt hätten sich die Welt schon Zuviele und immer hätten ihre armseligen Pläne das Siegel der Gegenwart getragen.
Nelly zeigte auf den jungen Mann, dem du vorhin den Joint gereicht hast. „Das ist Peer. Er ist für die Probleme zuständig, die damit einhergehen, sich eine bessere Welt auszumalen.“
Peer tippt sich zum Gruß an die Stirn, blickt auf einen Zettel, der ihm im Schoß liegt und spricht dann frei, aber als würde er etwas aufsagen. „Wer sich die bessere Welt vorstellt, verlängert notwendig die Fehler der Gegenwart in die Zukunft.“ Er verschränkt die Arme hinter dem Kopf. „Wir interessieren uns besonders für ausgefallenere Einwände. Aber alle kommen erst mit dem Üblichen, wir sind das gewöhnt.“
Du überlegst, ob dir ein geistreicher Einwand einfällt.
Nelly winkt ab. „Du musst nicht gleich etwas sagen. Erst musst du verstehen, was wir hier machen.“
Du sagst, dass das tatsächlich hilfreich wäre. Der Joint war einmal im Kreis gewandert und wieder bei dir angelangt. Du nimmst ihn, gibst ihn aber Peer weiter, ohne davon zu ziehen.
„Wir haben dich eingeladen“, sagt Nelly, „weil wir dich für einen streitlustigen Menschen halten und wir hoffen, dass du klügere Kritik an unseren Träumereien vorzubringen hast, als wir selbst. Uns fehlt die Distanz, wenn du verstehst.“
Das Agregat stottert und rülpst, das Licht flackert stark. Du fragst, ob es sich bei der Träumerei also um eine Art von Theorie handelt.
Der alte Mann schaltet sich wieder ein. „Es ist vielleicht eine Art von Theorie.“ Er beugt sich weit vor und sagt lange nichts. „Aber wir sehen es eher als ein Spiel. Ein Kinderspiel: Spielen wir bessere Welt. Wir fantasieren. Mit kindlichem Ernst. Wir malen uns jedes Detail genaustens aus.“
Du richtest dich in deiner Couchmulde auf. Du sagst, die Welt sei doch keine Modelleisenbahn. Peer rollt mit den Augen. Du sagst, es tue dir leid, dass der Einwand nicht originell sei, aber das mache ihn nicht falsch und wieder rollt Peer mit den Augen.
„Gebt ihm ein bisschen Zeit“, sagt Nelly. „Er ist gerade erst angekommen.“ Sie schüttelt den Kopf. „Entschuldigung. Es ist nur so. Wir machen das jetzt schon viele Jahre.“ Sie kratzt sich am Kopf. „Sieben Jahre ungefähr.“ Sie lachte. „Am Anfang sagen alle das Gleiche.“
Du sagst, dass das vielleicht damit zusammenhängen könnte, dass sie recht hätten und siehst dabei Peer an, der nicht mit den Augen rollt, sondern dich anstarrt, als bemühe er sich, nicht zu blinzeln. Du sagst, du wüsstest nicht, was du sagen sollst. Es sei schwer etwas zu sagen, dass sowohl einfallsreich als auch wahr ist.
„Die meisten schaffen es“, sagt Nelly. „Und die meisten sind sehr froh, wenn sie es geschafft haben. Unserer Erfahrung nach, ekelt die meisten ihre eigene Haltung insgeheim an und sie freuen sich, sie loszuwerden. Aber das geben sie ungern öffentlich zu. Deshalb hört man wenig von uns.“ Sie sieht zur Decke und nickt, als habe sie das Gesagte noch einmal erwogen.
Du fragst, wieviele Menschen bisher gekommen seien, ins Grand Hotel Europa. Die Worte Grand Hotel Europa sprichst du sowohl reisserisch als auch spöttisch aus.
„Wieviele werden es seien. Vielleicht Zehn …“ Sie sieht in die Runde: Genicke. „Zehn pro Tag, in etwa. Sieben Jahre, dreitausendfünfhundert pro Jahr. Cirka fünfundzwanzigtausend.“ Sie lehnt sich zurück und schlägt die Beine übereinander. „Inzwischen ist unser Plan ziemlich detailliert. Willst du ihn hören?“
Du kriechst tiefer in deine Mulde und ziehst die Beine zur Brust. Erst jetzt riechst du Kirschenblüten.

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Vorschuss

Das Privileg der Literatur liegt darin, sagen zu können: so ist es, so hat es sich zugetragen. Wir müssen uns dann fragen; wieso ist es so, was hat es damit auf sich? Wir müssen die Motivation der Figur erschließen, uns ihr Aussehen vorstellen und ihren Eigenheiten nachspüren. Wir können nicht, wie es gegenüber einem Essay oder einer Abhandlung möglich wäre, das So-Sein der Ereignisse selbst in Zweifel ziehen.

Strapaziert eine Autorin diesen Vorschuss, den wir ihr zu geben gezwungen sind, allzu sehr, hören wir auf ihr zu trauen. Wir sagen, die Geschichte ergebe keinen Sinn. Dann können wir allerdings im Grunde nicht mehr weiterlesen. Dann sind wir draußen und nehmen keinen Anteil mehr am Leben der Figuren und dem Lauf der Geschichte.

Diese Fähigkeit des setzen Könnens bewirkt eine wundersame Verdrehung. Ein literarischer Text beschreibt ja immer nur einen kleinen Teil der virtuellen Welt, in der sich die Geschichte abspielt. Anhand der Beschreibungen, die wir erhalten, reimen wir uns alles Restliche so zusammen, dass das Gelesene Sinn ergibt. Agiert also eine Figur seltsam oder hat einen unerwarteten, überraschenden Gedanken, betrifft das nicht in erster Linie die Figur, sondern die ganze Welt muss gedanklich in Einklang mit der Eigenart der Figur gebracht werden. Das ist doch wirklich ein Vorrang des Einzelnen gegenüber dem Allgemeinen, wirklich die Gerechtigkeit, die einer jeden gebührte.

Es liegt darin aber auch etwas Harmonisierendes, gegen das sich moderne Literatur sträubt, indem sie bewusst diese Verbindung kappt. Vielleicht ahnt sie auch, dass diese Freiheit der Autorin trügt. Schließlich neigt sie doch dazu, die Figuren so denken und handeln zu lassen, dass sie nicht in Widerspruch zu ihrer Welt geraten.

Fruchtsaft

„… und ich ging dann unauffällig sagen, man möge den Fruchtsaft bringen; meine Großmutter legte Wert darauf, sie fand es liebenswürdiger, wenn es nicht so aussah, als wäre er nur ausnahmsweise und nur des Besuches wegen auf den Tisch gebracht worden.“

Höflichkeit, die den Verwöhnten nichts merken lässt, sich selbst verbirgt, um das auftrumpfend Beschämende zu vermeiden, das sie begleitet, wenn die Höfliche als Höflichere in Erscheinung tritt, zeugt von Einfühlungsvermögen, zarter Rücksicht und Freundlichkeit.

Es gibt auch eine brutale Höflichkeit. Die Höflichkeit dessen etwa, der vor seinem Essen sitzen bleibt, ohne es anzurühren. Er gibt zu verstehen: Tierisches wie Hunger ist mir fremd, aber fresst euch ruhig satt. Diese herablassende Höflichkeit gibt Anderen das Gefühl, unhöflich zu sein, nicht vornehm und nicht fein.

Die höchste Form der Höflichkeit ist demnach ungehobelte Rücksicht und unaufdringliche Freundlichkeit. Diese Vornehmheit kommt ohne Klassendünkel und den ungerechtfertigten Stolz auf des Privileg aus, der Manieren mitunter anhaftet. Sie findet sich gleich verteilt in allen Schichten.

Auseinanderbrauen

Es drängt sich auf, radikale Gesellschaftskritik, die aufs Ganze geht, mit Verschwörungstheorien in Zusammenhang zu bringen. Die Gründe liegen auf der Hand. Beide bieten eine Version der Welt an, „wie sie eigentlich ist“, beide bilden ein relativ geschlossenes Weltbild oder eine ausgefeilte Theorie von der Welt, die vor Kritik einigermaßen gefeit ist, die Proponentinnen beider verkehren gerne unter Ihresgleichen und fühlen sich mitunter von anderen unverstanden. Das gilt nicht nur für kleine Polit-Sekten, sondern diese Merkmale kennzeichnen in gewisser Weise jede differenzierte und gründliche Gesellschaftstheorie, die sich nicht vom Unterschied zwischen dem gesellschaftlichen Wesen und seiner Erscheinung abbringen lässt.

Natürlich muss diese Nähe geleugnet werden. Aber die Gegenargumente klingen oft etwas matt oder sind nur schwache Relativierungen. Verschwörerinnen würden personalisieren – als wäre es so verschieden, ein paar Leute zur Wurzel des Übels zu erklären oder ein abstraktes Prinzip. Und wie schnell ist das Prinzip vergessen, wenn es ans Eingemachte geht. Weiters würden Verschwörerinnen projizieren und wären zur Selbstreflexion nicht fähig, eine Diagnose, die bei anderen immer leicht zu stellen ist, während die mangelnde Fähigkeit zur Introspektion bei einer selbst, schon dem Begriff nach, gar nicht bemerkt werden könnte.

Es gibt aber doch einen triftigen Einwand, der Verschwörungstheorien von einer bestimmten Art der Kritik deutlich abgrenzt, wenn er auch andere Spielarten umso mehr exponiert: Kritik im emphatischen Sinn, will die Welt gar nicht erklären, nicht sie im Geiste wiederholen. Sie geht auf das, was nicht sein soll, darin ist sie punktuell und sagt keineswegs, „wie es eigentlich ist“. Kritik geht nicht auf Eigentlichkeit, sondern gegen das Falsche. Darin ist sie ganz Partikular. Eine Stärke, die in Schwäche umschlägt, sowie das sture Starren aufs Einzelne den Blick fürs Ganze verkümmern lässt.

Industria Borealis

Seltsam wie poetisch Industrierlandschaften wirken können. Indem sie außerhalb der Stadt erlebt werden – oft nur im Vorbeifahren von der Autobahn aus –, werden sie eine Kulturlandschaft unter anderen: ein bewirtschaftetes Feld, ein beforsteter Wald und dann das wie von Geisterhand rhythmisierte Blinken hunderter roter Lichter in der Nacht. Es sind wohl Windräder, aber zu sehen ist nur das Feld aus elektrischem Mohn. Oder die Neonstäbe, die zu tausendenen eine Ölraffinerie in ein schimmerndes Glühen versetzen.

Diese Schönheit der Industrie strahlt dann am stärksten, wenn der direkte Blick verstellt wird; im Nebel, in der Dämmerung oder in der Nacht. Vielleicht fällt im Zwielicht die Funktion von der Industrie ab; der Schleier, der das Jetzt verdeckt, lässt trübe durchschimmern, was auch sein könnte.