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TI RR I EP

Ti, ruft ein grauer Wurm mit faltigem Sandgesicht
Und eine kahle Drossel schnurrt, sobald ein Buchstabe erlischt

Die Stahlräder des einfahrenden Zuges rollen,
Obwohl der Straßenköter den dumpfen Ton verknurrt

Und hundert Mücken auf den Gleisen schmollen,
Als eine Taube leise Dep ins Blechhorn gurrt

Foto: Schriftzug TI RR I EP. Bei genauerem Hinsehen erkennt man die abgeblätterten Buchstaben und liest: Time, Arr, Dep.

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Illuster

Clara zieht das abgegriffene Büchlein mit den bräunlichen Seiten aus der Lederhandtasche. Dürrenmatt, Romulus der Große. Irgendwie passt das Buch zur Party. So endet bei ihr die dritte Phase: sie liest bis sie sich aufrafft, nach Hause zu fahren. Clara kommt immer früh zu Wohnungspartys und geht als letzte. Sie liebt bei Festen den Anfang und das Ende, das Dazwischen nimmt sie in Kauf. Die meisten erleben überhaupt nur die Mitte. Sie müssen etwas daran finden.

In der ersten Phase ist noch niemand da. Clara wechselt ein paar Worte mit der Gastgeberin, die sie mag, weshalb sie überhaupt gekommen ist. Sie nimmt sich in Ruhe etwas zu trinken und setzt sich auf einen Lehnsessel. Die anderen Gäste treffen ein, ignorieren sie, sprechen mit denen, die sie schon kennen. Clara fragt sich, wieso sie nicht lieber lesen gegangen ist. Niemand ist hier, mit der zu sprechen sie Lust hätte. Ihr fällt ein, dass sich das beim dritten Glas ändert.
„Hallo Clara“, sagt Herbert. „Schöne Wohnung, oder? Der Balkon … warst du schon einmal hier?“
Interessiert keine Sau, denkt Clara. Aber er meint es gut. „Nein, noch nicht. Dabei wohnt sie glaube ich schon ein halbes Jahr hier.“
„Ja“, sagt Herbert, „glaube auch. Weißt du wer sonst noch hier wohnt?“
Sie weiß es aber es ist ihr zu anstrengend, auf die Leute zu zeigen, deren Namen sie nicht kennt. „Weiß nicht. Einer ist glaube ich nicht da.“
„Und was ist bei dir so los?“, fragt Herbert. „Wir haben uns sicher schon ewig nicht mehr gesehen.“ Er dehnt das ewig ewig aus.

Beim dritten Glas ist das Wohnzimmer voll. Phase zwei. Clara verlagert sich in die Küche. Dort ist es noch wie am Anfang der Party, nur weniger nüchtern. Die Küchenleute bleiben unter sich. Die Gespräche sind immer noch banal, aber es fällt Clara nicht mehr auf, weil sie betrunken ist. Die Themen werden läppischer.
„Findest du auch, dass Tobi aussieht wie der junge Siegfried Kracauer?“
Nein und es ist mir auch ziemlich egal, denkt Clara. „Wie aus dem Gesicht geschnitten“, sagt Clara. „Weißt du wie Paul Simon aussieht?“
„Nein.“
„Schade.“
Jetzt ist der Punkt erreicht, wo Clara weiter trinkt, weil das Trinken sie in Trinkstimmung versetzt hat. Sie mixt sich Vodka mit Orangensaft, eins zu eins, damit ihr niemand alles wegtrinkt. Clara ist gut gelaunt. Sie debattiert lebhaft über Themen, die sie schon lange nicht mehr interessieren und fragt sich, ob es ihren Gesprächspartnerinnen so geht wie ihr.
„Das ist gerade nicht, was Adorno meint“, sagt Mathilde.
Ich weiß es, wem sagst du das, bitte nicht wieder Adorno, denkt Clara. „Ja, ich verstehe auch nicht, wie die Leute immer darauf kommen. Als gäbe es die Ästhetik gar nicht. Dabei schreibt er, finde ich, recht verständlich. Also wenn man sich daran gewöhnt hat.“
Clara lässt sich betrunken zu ein paar Sätzen zu viel hinreißen. Sie schämt sich.
Phase drei, erlöse uns.

Die Reihen lichten sich. Die Leute ödet die Party an, sie gehen auf die nächste oder in den Klub. Clara freut sich: es geht bald los. Die ersten fünf Stunden sind Warmup. Es leert sich weiter. Am Boden und auf den Sofas lungern nur noch die Sumpernden, die erst Heimgehen, wenn sie keine Wahl mehr haben: aus Faulheit, aus Trunksucht und aus Einsamkeit. Das ist die beste Phase.
Clara führt nachdenkliche Gespräche – banaler als die allerersten, aber die Stimmung, der Alkohol und das Selbstmitleid verleihen ihnen einen genialischen Glanz.
„Auf den besten Partys passiert nichts“, sagt Clara.
„Stimmt“, sagt Nina.
„Wenn du nicht gekommen wärst, Nina.“ Clara nimmt Nina in den Arm.
„Ja“, sagt Nina. „Du bist die einzige, die mich versteht.“
Wenn sie trinkt, wird sie immer anhänglich, denkt Clara und drückt Nina fest an sich.

Foto: Luster

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Murica

„Sorry, aber das ist Bullshit. That’s what it is“, sagt Jessie. „Warte, ich schalt’ dich auf Speaker, ich brauch’ eine Tschick.“ Sie legt das Handy auf den Tisch und zündet sich eine an. „Okay, bist du noch da?“
„Wie auch immer, jedenfalls hat sie das so verstanden“, sagt die Stimme aus dem Telefon.
„Maybe, aber es ist whatever.“ Sie nimmt einen Zug und klemmt die Marlboro in den Mundwinkel, holt sich ein Bier vom Kühlschrank und öffnet es.
„War das ein Bierkorken, Jessie? Willst du nicht erst ein Müsli essen?“
„Fucking Müsli“, nuschelt Jessie mit Tschick im Mund. „Ich hab’ ihr nur gesagt, dass sie es sich zu leicht macht. Die selbstgerechte Scheiße kann ich mir nicht mehr anhören.“
„Was meinst du?“, fragt die Stimme.
„Die Schimpferei auf die Welt. Das Gesudere, das fucking sich gegenseitig und selbst auf die Schulter Geklopfe.“
„Die Welt ist halt wirklich scheiße.“
„Ja, die Welt ist fucking scheiße, damnit.“ Jessie dämpft die halb gerauchte Tschick am Fensterbrett aus und schnippt sie die Feuertreppe hinunter. „I mean who does she think she‘s talking to, a fucking Nazi? I know that shit.“
„Aber sie hat es ja nicht böse gemeint. Du legst dich halt gleich mit allen an. Warum sagst du nicht einfach: du hast schon recht und so weiter. Dann kannst du immer noch kritisieren. Komm den Leuten ein Stück entgegen.“
„You gotta be kidding me.“ Sie zündet sich noch eine an. Irgendwie ist das Anzünden besser als das Rauchen. „Jesus. Fucking Amen sagen und dann leise Bullshit anmelden oder was.“
„Klingt doch ganz gut.“
„Nein. Fuck that, die kann mich mal. Ich ruf einfach nicht mehr an, ich will mit der Scheiße nichts mehr zu tun haben.“
„Mit mir auch nicht?“, fragt die Stimme beleidigt.
„Hello? Goddamn Empfang, hörst du mich?“, sagt Jessie.
„Hallo? Ich höre dich, hörst du mich?“, sagt die Stimme.
„Du, ich hör dich nicht mehr, ich melde mich morgen, gotta run.“

Foto: Schild aus Glühbirnen„Land“

Lachspiel

Sich in die Augen sehen bis eine lacht und wer lacht hat verloren, ein Kinderspiel. Es ist wohl Einübung in Sublimierung, Genuss des Aufschubs. Das Prinzip des Spiels ist jenem dieses Textes, der mit der Pointe gleich am Anfang herausrückt, entgegengesetzt. Je mehr sich das Lachen versagt wird – und ja nicht für alle Zeit, sondern mit dem fast sicherem Wissen um langes erleichterndes Lachen, wenn jemand nicht mehr kann –, desto mehr steigern sich die Spannung und die Lust. Wer sich im Griff hat, wird belohnt: Die Grenze der Lust ist also eigentlich nur die eigene Fähigkeit, Lust aufzuschieben. Also wirklich Einübung in Sublimierung.

Manchmal kommt es allerdings vor, dass die Spannung seltsam abflaut. Jemand hat sich so im Griff, dass sie nicht mehr Gefahr läuft, zu lachen. Vielleicht denkt sie an etwas anderes, hat mentale Techniken entwickelt, sich vom Geschehen zu dissoziieren. Aber dann ist es auch aus mit der Lust und mit der Spannung. Die Partnerin, so sie folgen konnte, verliert ihren Drang genauso. Dann ist es ein Gegenübersitzen, das mitunter lange anhalten kann.

Es ist allerdings nicht ungewöhnlich, dass die Technik plötzlich versagt, sich nach langer Zeit wieder eine Spannung aufbaut, die sich aufschaukelt und die wiederum abfallen kann oder plötzlich durchbrechen. Es ergibt sich ein Rhythmus wie Ebbe und Flut. Also doch nicht nur Sublimierung und unter Umständen keine richtige Pointe.

Ein Witz

Tritt Dialektik zunächst als ernst und tief auf – als höchste und deshalb ehrwürdigste Form des Denkens –, offenbart sie mit etwas Distanz ihren komischen Aspekt. So wie jemand, die sich übertrieben würdig und steif hält, den Eindruck von Lächerlichkeit erwecken kann. Nur aus großer Nähe lässt sich von einem Gegenstand ganz im ernst sagen, er wäre so, aber auch nicht so. Während das Kind mit dem Finger auf den Kaiser Widerspruch zeigt und die Nacktheit verlacht.

Diese Dimension dialektischen Denkens zeitigt auch die Pointenhaftigkeit der Argumentation. Vielleicht müsste es eher heißen: Exposition, Wendung und Pointe. Die Pointe ist dann eine Gestalt der Wahrheit.