Lachspiel

Sich in die Augen sehen bis eine lacht und wer lacht hat verloren, ein Kinderspiel. Es ist wohl Einübung in Sublimierung, Genuss des Aufschubs. Das Prinzip des Spiels ist jenem dieses Textes, der mit der Pointe gleich am Anfang herausrückt, entgegengesetzt. Je mehr sich das Lachen versagt wird – und ja nicht für alle Zeit, sondern mit dem fast sicherem Wissen um langes erleichterndes Lachen, wenn jemand nicht mehr kann –, desto mehr steigern sich die Spannung und die Lust. Wer sich im Griff hat, wird belohnt: Die Grenze der Lust ist also eigentlich nur die eigene Fähigkeit, Lust aufzuschieben. Also wirklich Einübung in Sublimierung.

Manchmal kommt es allerdings vor, dass die Spannung seltsam abflaut. Jemand hat sich so im Griff, dass sie nicht mehr Gefahr läuft, zu lachen. Vielleicht denkt sie an etwas anderes, hat mentale Techniken entwickelt, sich vom Geschehen zu dissoziieren. Aber dann ist es auch aus mit der Lust und mit der Spannung. Die Partnerin, so sie folgen konnte, verliert ihren Drang genauso. Dann ist es ein Gegenübersitzen, das mitunter lange anhalten kann.

Es ist allerdings nicht ungewöhnlich, dass die Technik plötzlich versagt, sich nach langer Zeit wieder eine Spannung aufbaut, die sich aufschaukelt und die wiederum abfallen kann oder plötzlich durchbrechen. Es ergibt sich ein Rhythmus wie Ebbe und Flut. Also doch nicht nur Sublimierung und unter Umständen keine richtige Pointe.

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Unwetter

Es gibt bei Adorno zwei verwandte Figuren, die sich einiger Beliebtheit erfreuen. Die eine ist die der Verteidigung gegen die Liebhaber. Die Feindinnen seien nicht so schlimm, bzw. solche Banausen, dass sie keine Rolle spielten. Aber die Fans, die Kennerinnen, die Begeisterten hätten alles gerade falsch verstanden.

Die andere verwandte Figur ist jene, welche behauptet, die etwa von Neuer Musik Abgestoßenen würden die Musik noch mehr wahrnehmen als jene, welche sie wohlmeinend, aber gewissermaßen ohne richtig aufzupassen, auf ein Podest stellten, um sie zu verehren.

Die erste Figur als Auftrumpferei und Wettstreit um authentischere Anhängerinnenschaft abzutun, scheint nicht völlig verfehlt. Schließlich wird sie meist von jenen strapaziert, welche selbst große Stücke auf die Verteidigten halten, denen aber die Gesellschaft, in die sie sich damit begeben, nicht behagt.

An der zweiten ist mehr daran. Aber sie hat im Grunde dasselbe Problem. Wer sie bedient, räumt sich selbst eine Sonderstellung ein: Sie möge die Musik und habe dennoch verstanden. Jene, welche den Schock nicht nur notieren, sondern auch geschockt sind, werden zu Blitzableitern. Ihre Empörung verärgert nicht, sie beruhigt – wie das Prasseln des Regens und das Heulen des Windes jene beruhigen kann, die sich wohlfühlen in ihrem Haus.

Danse spirituelle

Der Gedanke reizt, Denken wäre eine Art des Tanzes.

Jedes künstlerische Tun ist in gewisser Hinsicht ein Tanz. Valéry schlägt in La philosophie de la danse vor, die Hände musizierender beim Spielen ihres Instruments zu beobachten, die Musik auszuschalten und nur auf die Bewegung der Finger zu achten. Hat er nicht recht, wenn er meint, die Gesetzmäßigkeit der Bewegung, der Rhythmus, das Zielgerichtete ließen sich erkennen, es handelte sich um einen Tanz der Finger. Und es stimmt wohl, dass sich ähnliche Ordnungen in anderen Bereichen genauso finden lassen: beim Malen, beim Schreiben – beim Denken. Übrigens ist der Tanz dagegen einfach Tanz, er hat keinen Tanz.Vielleicht ist es beim Denken genauso. Es mag den Tanz den die Denkende vollführt, wenn sie denkt. Das Auf- und Abgehen, der schweifende Blick, das Streichen mit dem Finger über die Augenbrauen. Aber wäre es nicht interessanter – sicherlich diesem Gedanken selbst angemessener – das Denken selbst schon als geordnete Bewegung zu verstehen, als Tanz. Das Denken zu denken als den Tanz des Geistes, der andere Vorgänge begleitet und fundiert. Schließlich wird allerhand Tun von Denken begleitet: kein Kochen ohne Denken. Aber Denken selbst nicht, denn es ist es schon.

Dann wäre Denken zu beurteilen wie eine Choreografie.

Tâches II

Der Gedanke, es gebe einen Sadismus gegen Kunst, tönt gleichzeitig richtig und falsch. Falsch, weil es die Metapher vom Leben der Werke, vom Kunstwerk als lebendigem Gebilde überstrapazieren hieße, ihnen die Fähigkeit zum Schmerz zuzuschreiben. Zudem ist es zwar durchaus denkbar, jemand könne Aggressionen gegen Kunst hegen und es genießen, sie auszuleben – allerdings handelte es sich deshalb noch nicht unbedingt um Sadismus. Dazu fehlte das Vergnügen am Schmerz, an der Macht des Quälens und dergleichen.

Schwieriger ist es, das Richtige des Gedankens zu fassen, das es nicht erlauben will, einfach den Begriff Aggression, Widerwillen, Abneigung oder sogar Hass an Stelle des prekären Ausdrucks zu setzen. Vielleicht liegt der Schlüssel nicht in der Abneigung gegen Kunst, sondern in ihrer Verehrung. Wenn gesagt wird – und es wird oft gesagt – Kunst und Kultur verliehen der Gesellschaft erst ihren Wert, ohne sie wäre diese nichts, offenbart sich darin nicht nur die Rolle von Kunst als Platzhalter einer anderen Welt, die wirklich lebenswert wäre, sondern auch eine latente Feindschaft gegen die Menschen, auf die es in diesem Topos am wenigsten ankommt.

Vielleicht ist es dieser Menschenhass, der als Hass gegen Kunst durchbricht, sobald ihre Fassade unnahbaren Jenseits Risse zeigt. Die Verehrung schlägt um und entpuppt sich als Sadismus. Überhaupt ist es vielleicht legitim, dort von Sadismus zu sprechen, wo Schwäche Gewalt provoziert.

Darüber Hinaus

Die enge Verbindung von Form und Inhalt tritt im Text am deutlichsten hervor. Der Inhalt stiftet überhaupt erst Form, die Stimmigkeit des Gebildes. Im Text wird der Begriff mimetisch, auch dort, wo die Wörter nicht ins Lautliche kippen. Die Konstellation der Inhalte stiftet den Sinn und so gelangt der Begriff über sich hinaus. Vielleicht vermag paradoxerweise überhaupt nur der Begriff über das Begriffliche hinaus. Nur durch ihn durch wird er aufgehoben.

Dagegen mündet der Vorbehalt am Begriff oft in Ausweichmanövern. Das Definitive des Begriffs wird vermieden und sein schlechter Ersatz vermag nicht einmal, was er noch vollbrächte, geschweige denn ein Mehr. Daher ist sogar Skepsis gegen sprachliche Spielereien, vielleicht auch bornierte, nicht ohne sachliche Grundlage. Das vage, lautmalerische, um der Poesie Willen Poetische schwächt das begriffliche Moment der Sprache ab, entschärft sie und gelangt so nicht in die Sphäre des Jenseits – entgegen der Intention, verbleibt sie derart gerade im dumpf Begrifflichen.

Der Ratschenker

Der Ratschenker schenkt oft und gerne und immer ausgewählte Geschenke. Über jedes Geschenk denkt er lange nach und findet etwas, das genau auf den Beschenkten oder die Beschenkte passt. Entscheidend dabei ist, dass das Geschenk das Leben der Beglückten auf den richtigen Pfad lenkt. Sie wissen nicht, was sie wollen oder brauchen, er aber weiß es.

Menschen fällt oft gar nicht auf, was in ihrem Leben schief läuft, dem Ratschenker schon, bevor sie sich auch nur unwohl fühlen. Jedoch hütet er sich, die Unglücklichen davon etwas merken zu lassen. Dazu ist er zu höflich. Er will sich niemand aufdrängen, hört geduldig zu, lächelt viel und sagt wenig. Wenn er etwas sagt, dann eine Ermutigung oder ein paar freundliche Worte.

In Gedanken ist er längst beim nächsten Geburtstag, bei Weihnachten oder Ostern. Wenn Not am Mann ist, braucht er auch keinen besonderen Anlass. Er ist stolz, auch einfach so aus Freundlichkeit Geschenke zu überreichen. Aber dann nur eine Kleinigkeit, alles andere wäre anmaßend. Doch etwas Kleines ist oft wirksamer als das teuerste Hochzeitsgeschenk.

Oft reagieren die Beschenkten kühl auf die Geschenke des Ratschenkers. Er kann sich das nicht erklären, hat er die Gabe doch mit so großer Sorgfalt ausgewählt und immer nur das Beste der Undankbaren im Sinn. Dann wird er traurig und auch ein bisschen wütend. Er sagt aber nie etwas, sondern schreit in seiner Wohnung die Wand an oder schreibt lange Briefe, die er nicht abschickt. Er wird einfach bei nächster Gelegenheit ein noch besseres Geschenk finden.

Neutralisation

Identifikation mit Kunst ist mitunter eine Gestalt der Abwehr. Wer von einem Werk sagt, es gefalle ihr, deren Urteil ist gefällt. Wer entschieden hat, muss nicht mehr prüfen und wägen und denken. Das Urteil bildet den scheinbaren Abschluss der Reflexion, lässt sie meist aber gar nicht erst aufkommen und wäre noch dann mit Skepsis zu betrachten, ginge ihr ernste Beschäftigung voraus.

Indem gedanklich ein Ranking erstellt wird, nähern sich die Werke virtuell einander an, werden gleich gemacht, um vergleichbar zu werden. Ihnen wird ein Niveau oder dergleichen zugeschoben, das zu besitzen sie mit allen anderen Werken gemeinsam hätten, das bestimmt werden könne und dann erlaube, die Stücke zu ordnen. Findet sich kein verbindliches Kriterium, taugt dazu – und das ist kein Zufall – der Preis.

Das gegenteilige Verhalten wäre übrigens genauso falsch: die Werke einfach für das zu nehmen, was sie sind, ihnen vorurteilslos und mit neutraler Miene gegenüberzutreten. Ihre Wirkung einfach reaktionslos zur Kenntnis zu nehmen; auch das wäre Neutralisation anderer Art.