Die Zeichnerin

sperrte man in einen dunklen Raum. Das einzige Licht kam durch den Spalt unter der Tür. Bis auf ein Bett und ein Schreibpult mit Stuhl war das Zimmer leer.
Jeden Morgen, falls es ein Morgen war, ging das Licht im Spalt an, und jeden Abend, falls es ein Abend war, erlosch es. Mit dem Wasser, dass ihr durch eine Klappe geschoben wurde, gab man ihr Zeichenblätter und Bleistifte. An einigen Tagen erhielt sie auch Brot und Käse. Es gab Wochen, da aß sie täglich, in anderen gar nicht. Um sich zu beschäftigen, zeichnete sie. Unbeholfen, weil im Dunkeln die eigenen Linien verschwommen. Das Licht war so schwach, dass sie nie wusste, ob die Zeichnung gelungen war. Trotzdem schob sie die Bilder unter der Tür hinaus.
So ging es lange. Die Tage zählte sie nicht, falls es Tage waren.
Ihre Nägel rollten sich ein, sodass sie die Bleistifte zum Zeichnen zwischen die Knöchel der Finger klemmte, ihr Haar verfilzte und die Kopfhaut eiterte und brannte. Immer öfter zeichnete sie jetzt sich selbst. Aber je mehr der Blätter, die sie durch den Spalt schob, ihren krummen über dem Pult hängenden Körper zeigten, oder wie er zu einem Filzknäuel eingerollt auf dem Bett lag, desto weniger gab man ihr zu essen.
Aus Sehnsucht oder Berechnung, beide vermischten sich wie Honig und Schwarztee, zeichnete sie schöne Dinge: Eichen, Birken und Tannen, Karnickel und Spatzen, Ballettänzer, Kinder beim Seilspringen. Man gab ihr wieder öfters Brot, manchmal auch Käse und hier und da, vielleicht weil eine Zeichnung besonders gestrahlt hatte, frische Früchte, Weintrauben oder einen Pfirsich.
Kaum war sie zu Kräften gekommen, ließ man sie frei, falls es Freiheit war.

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Haus–Eingang

„Schau.“
Olga zeigte auf das Metallgitter, das die Tür des Gebäudes vor Einbrüchen schützte. An einer Stelle waren Platten in die Zwischenräume geschraubt, darauf stand: „Haus-Eingang“.
„Ja“, sagte Li, „damit man weiß, was das ist.“
Sie griff in das Gitter und rüttelte daran. Erst leicht, als wollte sie testen, ob es sich öffnen ließe, dann fester, übertrieben dramatisch, als wäre das Hauseingangsgitter das Gitter einer Gefängniszelle.
Olga sagte: „Komm“, ging ein paar Schritte zur Seite und setzte sich auf den Gehsteig.
Die Straße war menschenleer. Die ganze Gegend verlassen.
Li setzte sich zu Olga, fragte: „Und jetzt?“
„Jetzt warten wir“, sagte Olga.
Li lachte.
„Was?“ fragte Olga.
„Du wolltest dir doch“, sagte Li, „ein Tattoo machen.“
Olga zog ihr T-Shirt herunter und zeigte sich auf die Schulter. „Hier.“ Dann fuhr sie sich die Außenseite des Unterschenkels entlang, vom Knöchel bis zum Saum ihres Rocks. „Und hier.“ Sie lehnte sich zurück. „Vielleicht noch am Rücken.“
„Schulterblatt“, fragte Li, „oder überm Arsch so?“
„Weiß nicht“, sagte Olga und dann nach einer Weile: „Schulterblatt.“
„Geil wäre“, sagte Li und blies Luft aus der Nase. „Machs so wie beim Gitter. Auf die Schulter ‚Schulter‘, auf den Unterschenkel ‚Unterschenkel‘, aber so mit Bindestrich: ‚Unter … Schenkel‘ und am Arsch –“
Sie drückte sich die Hand auf den Mund und legte den Kopf in den Nacken. Über ihnen hatte jemand an die Wand geschrieben: „What are you, what are you waiting for?“
„Schulter … Blatt“, sagte Olga. „Schulter … Bindestrich … Blatt.“
Li zeigte hinter sich an die Wand, auf den Schriftzug.
„Schau.“

Foto: Metallgitter mit der Aufschrift: „Haus-Eingang“

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Karamell

Emilie trug einen Bisammantel, eine Pelzmütze aus demselben dunkelgrauen Fell, Lederhandschuhe und knopfgroße perlenfarbene Ohrclips, die an Sektpralinen erinnerten.
„Die Mütze muss ich tragen, sonst hole ich mir den Tod. Aber für die Dauerwelle ist sie Gift. Greif mal, wie weich mein Pelz sich anfühlt.“
Theresa hatte einfach einen Parker über ihr blau-weiß kariertes Baumwollkleid gezogen, das sie auch zuhause trug. Ihre Krampfadern schimmerten dunkelblau durch ihre fleischfarbenen Strümpfe. Sie trug immer selbstgetrickte Wollmützen, weil ihr die Haare ausgingen und es ihr ohne am Wirbel in der Mitte zog.
„Danke Mili, dass du mitkommst. Allein traue ich mich nicht.“ Theresa kicherte wie ein kleines Mädchen, das im Begriff war, etwas Verbotenes zu tun.
„Warum sie wieder einen Lidl bauen müssen.“ Emilie schüttelte demonstrativ den Kopf. „Das hat hier gerade noch gefehlt. An jeder Ecke gibt es einen Supermarkt. Was man hier bräuchte, wäre ein elegantes Café oder eine Boutique. Und ich meine nicht diese Ramschläden oder die Türkengeschäfte. Ein Etablissment, das bräuchte es hier.“
„Ach, ich fühl mich eigentlich ganz wohl hier. Es gibt ja die Konditorei auf der Hernalser. Gehen wir morgen Cremeschnitten essen?“
„Weißt du. Ich wohne hier schon seit zwanzig Jahren. Meine Maklerin hat geschworen, in zehn Jahren wäre die Gegend nicht wiederzuerkennen.“ Sie zeigte auf den Rohbau. Blitzblaue Fensterrahmen lugten bereits hinter dem Baugerüst hervor. „Hat sie das gemeint? Wieso keine Parfumerie oder ein Schmuckgeschäft?“
Auf dem Gerüst standen zwei Arbeiter mit gelben Schutzhelmen. Theresa winkte hinauf, aber keiner der beiden reagierte. „Entschuldigen Sie!“ Ihre Stimme brach und ging im Verkehr unter.
„Lass mich Resi“, sagte Emilie. „Sie da!“ Sie Schlug mit der behandschuhten Faust gegen das Gerüst.
Einer der Männer, er befand sich einige Stockwerke höher, aber direkt über ihnen, blickte zu den beiden Damen hinunter.
„Ja, Sie junger Mann!“ Diesmal hielt Theresas Stimme. „Kann ich Sie um etwas bitten?“
Der Mann hielt die Hohle Hand an sein Ohr und beugte sich vor.
„Ich muss sie etwas Fragen.“
Er winkte ab und kletterte das Gerüst hinunter.
„Er kommt“, sagte Emilie aufgeregt.
Theresa kicherte wieder wie vorher.
Der Mann musterte die Beiden, sein Blick wanderte über Emilies Mantel und Theresas Beine, von denen er sich schnell wieder löste. „Kann ich behilflich sein?“
Theresa sah zuerst Emilie an und dann den Mann. „Das können Sie. Sehr freundlich, dass sie fragen. Heutzutage ist das nicht selbstverständlich. Vielen Dank, dass sie zu uns herunter geklettert sind. Hoch ist das.“
„Was kann ich für sie tun?“ Der Mann sah zu seinem Kollegen nach oben, der bemerkt hatte, dass er herunter geklettert war. Er sah von oben herunter und hob fragend die Schultern. „Ich komm gleich wieder“, plärrte der Mann hinauf.
„Es ist so“, sagte Theresa. „Ich wohne gleich da drüben. Sehen sie das blaue Haus, das mit der Schneiderei, gegenüber der Post?“
Der Arbeiter nahm seinen Helm ab und sah in die bedeutete Richtung. „Schön.“
„Sieht ja ziemlich gefährlich aus, ihre Arbeit.“ Theresa nahm die Mütze ab, weil er den Helm abgenommen hatte, aber setzte sie gleich wieder auf, weil der Winterwind ihr in die Haare blies.
„Was Resi sagen will ist, dass es laut ist“, kam Emilie der Freundin zur Hilfe. „Wenn sie arbeiten, hört man das bis dort hinüber.“
„Ich wohne im zweiten Stock“, ergänze Theresa. „Ich weiß, sie können nichts dafür. Aber kann man da nicht irgendetwas tun?“
Der Mann stöhnte. „Sehen Sie, es ist nun einmal eine Baustelle, leise kann man nicht bauen.“
„Nein, natürlich nicht.“ Theresa lachte laut und herzlich. „Es ist nur so: am Nachmittag mache ich ein Schläfchen, nicht lange, nur von drei bis vier. Da kommt dann die Karlich, schauen sie manchmal die Karlich?“
Der Mann schüttelte den Kopf. „Wie stellen Sie sich das vor?“ Er schaute zu seinem Kollegen. „Sie wollen, dass wir von drei bis vier leise sind“, brüllte er nach oben.
Der andere Arbeiter hielt wie vorher sein Kollege die hohle Hand an sein Ohr.
„Wir sollen leiser sein“, versuchte es der Arbeiter noch einmal.
Der andere winkte ab und verschwand hinten im Gebäude.
Theresa beugte sich zu dem Mann vor und steckte ihm ein Karamellbonbon in die Brusttasche. „Ich weiß, es ist schwer für sie. Ich verlange ja nicht, dass sie solange gar nicht Arbeiten. Aber vielleicht lässt es sich ja irgendwie so einrichten … wenn sie zum Beispiel die lauteren Arbeiten zu Mittag … und sich die leisen für drei aufheben könnten?“
Der Mann nahm das Bonbon aus seiner Tasche und drehte es in seiner Hand. Das Bonbon wirkte darin fehl am Platz, ein Kinderzuckerl in einer Männerpranke. „Ja. In Ordnung. So können wir es machen“, sagte er schließlich und kratzte sich am Kopf.
„Wirklich?“ Theresa warf sich ihm um den Hals. „Sie sind ein guter Mensch, ein guter Mensch sind Sie.“

„So ein guter Mensch“, sagte Theresa zu Emilie, als sie die Straße zurückgingen. „Ist er nicht ein guter Mensch? Mili?“
„Zumindest einen Gourmet-Spar hätten sie bauen können, davon haben wir noch keinen.“

Foto: Baugerüst, auf dem zwei Arbeiter arbeiten.

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Schlechte Sicht

Karin beugte sich weit vor, ihre Nase berührte beinahe das Armaturenbrett. Der Schneeschlamm benetzte die Windschutzscheibe. Die feinen Schmutzpartikel schillerten in der Wintersonne, die Straße reflektierte das weiße Licht und der Schnee am Straßenrand leuchtete so grell, dass sich die Verkehrsschilder in schwarze geometrische Figuren verwandelten, in rechteckige, runde und dreieckige Silhouetten.
Kaum hatte Karin die Scheiben mit den Scheibenwischern und reichlich Scheibenwischerflüssigkeit notdürftig von Schmutz befreit, legte sich eine neue Schicht auf die Scheibe des Peugeots und verschleierte den Blick in die strahlende Landschaft. Karin beschleunigte. Nach vorne gebeugt sah sie besser und mit zusammengekniffenen Augen erkannte sie die Bodenmarkierungen oder was sie dafür hielt. Zumindest war wenig Verkehr. Sie hatte die Straße für sich und saß allein im Wagen. Im Radio lief Bruckner.
Die Schwester hatte Karin seit Jahren nicht gesehen. Nicht mehr seit dem Streit. Das war nach Ostern, vor vier Jahren. Eigentlich war es kein richtiger Streit gewesen, eine Meinungsverschiedenheit, im Grunde nur ein Missverständnis. Bei ihrer Tochter war Julia empfindlich. Sie hatte ihre Schwester auch nicht deshalb nicht mehr gesehen, aber das Ereignis – man muss es doch Streit nennen – hatte dazu geführt, dass sich niemand der Beiden mehr um Kontakt bemühte. Abgesehen von Julias Anruf gestern Abend. Julia hatte nur gefragt, ob sie kommen könne, es gebe etwas Wichtiges zu besprechen. Mehr hatte sie am Telefon nicht sagen wollen.
Karin zog den Hebel rechts vom Lenkrad zu sich, um die Scheibe erneut zu reinigen, der Scheibenwischer wischte, aber die Drüsen blieben trocken. Der Scheibenwischer rieb und kratzte an der verkrusteten Windschutzscheibe. Karin beugte sich noch weiter nach vorne. Im richtigen Winkel konnte sie durch die Schmutzschicht sehen. Je mehr sie sich vorbeugte, desto mehr drückte ihr Stiefel auf das Gaspedal und sie schoss durch den glänzenden Schlamm.

Das Haus war leicht zu finden, wenn man erst einmal die richtige Abfahrt gefunden hatte. Karin blieb in der Einfahrt stehen und ließ den Motor laufen. Immernoch Bruckner. Sie überlegte, ob sie abwarten sollte, bis nach dem Stück gesagt werden würde, welche Symphonie es war, aber entschied sich dagegen. Sie drehte den Schlüssel und die Lichter auf dem Armaturenbrett erloschen. Draußen hatte es um die Null Grad. Sie stieg aus. Der Zaun war neu und rot gestrichen. In den Fenstern im Erdgeschoß brannte Licht. Karin holte ihren Mantel aus dem Kofferraum und legte ihn sich über die Schultern. Sie sog die Winterluft tief ein und blickte einen Moment in die Sonne, vor die sich Wolken geschoben hatten, sodass das Licht diffus brach und den vorher eisblauen Himmel weißte. Karin ging auf den Eingang zu. Die Tür stand offen. Sie betrat den Vorraum, der direkt in die Küche mündete.
„Ich glasiere“, hörte Karin Julias Stimme rufen. „Leg in Ruhe ab, ich komme gleich.“
„Okay“, rief Karin und zog Stiefel und Mantel aus. „Hast du vielleicht Hausschuhe?“
– Keine Antwort. Karin fand ein paar Filzschlapfen, die ihr nur ein bisschen zu groß waren und ging in die Küche. Julia beugte sich mit einer schokoladebedeckten Teigkarte in der Hand über eine Sachertorte und biss sich auf die Unterlippe. „Ich begrüße dich gleich. Tut mir leid.“
„Die sieht aber schön aus“, sagte Karin.
„So“, sagte Julia und legte die Teigkarte in die Spüle. „Nicht perfekt aber gut genug.“
„Für mich sieht das ziemlich perfekt aus.“
„Eine Freundin hat morgen Geburtstag.“ Julia stellte die Torte auf einen kleinen Marmortisch neben dem Küchenfenster. Dann zog sie ihre Schürze aus und umarmte Karin. „Lass dich drücken, liebes Schwesterchen.“
Karin ließ sich drücken, drückte aber nur verhalten zurück. „Darf ich mir ein Wasser nehmen?“
„Natürlich. Gläser sind hier oben.“ Sie zeigte auf einen Küchenschrank. „Willst du vielleicht einen Kaffee oder einen Tee?“
„Gerne einen Kaffe.“

Karin nippte am Kaffe. Er war sehr heiß. „Was wolltest du besprechen?“
„Ich weiß“, sagte Julia, „es klingt alles ein bisschen dramatisch: Wir müssen etwas besprechen.“ Sie hob die Hände und wackelte mit den Fingern, dazu machte sie Schlossgespenstergeräusche. „Es ist nicht so tragisch, eigentlich ist es ganz harmlos. Eine gute Nachricht … je nachdem, wie man es betrachtet.“
Karin legte den Kopf zur Seite und kniff die Augen zusammen.
„Hattest du eine gute Fahrt?“, fragte Julia.
„Die Sicht war schlecht“, sagte Karin und schwieg.
„Ich gehe weg.“
„Wie du gehst weg?“
Julia legte ihre Hand auf Karins und beugte sich ihr entgegen. „Weg, ich fahre weg. Wohin will ich nicht sagen.“
„Wie lang?“
„Wie lange?“ Julia lehnte sich zurück und nahm einen Schluck Kaffee. „Brauchst du Zucker?“ Sie machte Anstalten aufzustehen.
„Nein, danke.“ Karin hielt sie am Arm fest. „Bleib sitzen. Was heißt das du gehst weg?“
„Wir trennen uns. Peter ist schon ausgezogen.“
„Ihr trennt euch?“ Karin ließ Julias Arm los. „Und Valerie?“
„Deshalb wollte ich mit dir sprechen.“
„Nimmst du sie mit? Wohin gehst du?“
„Nein“, sagte Julia, „sie bleibt hier. Also nicht hier. Ich meine … ich gehe ohne sie.“
„Kommt sie zu Peter.“
„Ja, zu Peter. Vorerst.“
„Vorerst? Glaubst du, dass ist eine gute Idee? Sie kommt jetzt in die Schule.“
„Ich weiß, es ist nicht optimal. Deshalb brauche ich deine Hilfe. Ich muss weg, Karin, neu anfangen.“ Julia sah Karin direkt in die Augen. „Ich komme nicht wieder. Du kümmerst dich um Valerie. Du musst.“ Ihre Augen glänzten. „Bitte.“

Obwohl graue Wolken sich über die Sonne gelegt hatten, war die Sicht jetzt klarer. Karin fuhr langsam und blieb auf der rechten Spur. Valerie saß am Beifahrersitz und spielte mit dem Handschuhfach. Klack – auf … zu – klick … klack – auf. Karin wollte etwas sagen, aber wusste nicht was. „Stimmt es … Peter weiß, dass wir kommen?“
Valerie reagierte nicht. Zu – klick … klack – auf … zu – klick … klack – auf … zu – klick … klack – auf … zu – klick.

Foto: Vogelschwarm vor eisblauem Himmel. Die Vögel leuchten weiß und schwarz.

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Illuster

Clara zieht das abgegriffene Büchlein mit den bräunlichen Seiten aus der Lederhandtasche. Dürrenmatt, Romulus der Große. Irgendwie passt das Buch zur Party. So endet bei ihr die dritte Phase: sie liest bis sie sich aufrafft, nach Hause zu fahren. Clara kommt immer früh zu Wohnungspartys und geht als letzte. Sie liebt bei Festen den Anfang und das Ende, das Dazwischen nimmt sie in Kauf. Die meisten erleben überhaupt nur die Mitte. Sie müssen etwas daran finden.

In der ersten Phase ist noch niemand da. Clara wechselt ein paar Worte mit der Gastgeberin, die sie mag, weshalb sie überhaupt gekommen ist. Sie nimmt sich in Ruhe etwas zu trinken und setzt sich auf einen Lehnsessel. Die anderen Gäste treffen ein, ignorieren sie, sprechen mit denen, die sie schon kennen. Clara fragt sich, wieso sie nicht lieber lesen gegangen ist. Niemand ist hier, mit der zu sprechen sie Lust hätte. Ihr fällt ein, dass sich das beim dritten Glas ändert.
„Hallo Clara“, sagt Herbert. „Schöne Wohnung, oder? Der Balkon … warst du schon einmal hier?“
Interessiert keine Sau, denkt Clara. Aber er meint es gut. „Nein, noch nicht. Dabei wohnt sie glaube ich schon ein halbes Jahr hier.“
„Ja“, sagt Herbert, „glaube auch. Weißt du wer sonst noch hier wohnt?“
Sie weiß es aber es ist ihr zu anstrengend, auf die Leute zu zeigen, deren Namen sie nicht kennt. „Weiß nicht. Einer ist glaube ich nicht da.“
„Und was ist bei dir so los?“, fragt Herbert. „Wir haben uns sicher schon ewig nicht mehr gesehen.“ Er dehnt das ewig ewig aus.

Beim dritten Glas ist das Wohnzimmer voll. Phase zwei. Clara verlagert sich in die Küche. Dort ist es noch wie am Anfang der Party, nur weniger nüchtern. Die Küchenleute bleiben unter sich. Die Gespräche sind immer noch banal, aber es fällt Clara nicht mehr auf, weil sie betrunken ist. Die Themen werden läppischer.
„Findest du auch, dass Tobi aussieht wie der junge Siegfried Kracauer?“
Nein und es ist mir auch ziemlich egal, denkt Clara. „Wie aus dem Gesicht geschnitten“, sagt Clara. „Weißt du wie Paul Simon aussieht?“
„Nein.“
„Schade.“
Jetzt ist der Punkt erreicht, wo Clara weiter trinkt, weil das Trinken sie in Trinkstimmung versetzt hat. Sie mixt sich Vodka mit Orangensaft, eins zu eins, damit ihr niemand alles wegtrinkt. Clara ist gut gelaunt. Sie debattiert lebhaft über Themen, die sie schon lange nicht mehr interessieren und fragt sich, ob es ihren Gesprächspartnerinnen so geht wie ihr.
„Das ist gerade nicht, was Adorno meint“, sagt Mathilde.
Ich weiß es, wem sagst du das, bitte nicht wieder Adorno, denkt Clara. „Ja, ich verstehe auch nicht, wie die Leute immer darauf kommen. Als gäbe es die Ästhetik gar nicht. Dabei schreibt er, finde ich, recht verständlich. Also wenn man sich daran gewöhnt hat.“
Clara lässt sich betrunken zu ein paar Sätzen zu viel hinreißen. Sie schämt sich.
Phase drei, erlöse uns.

Die Reihen lichten sich. Die Leute ödet die Party an, sie gehen auf die nächste oder in den Klub. Clara freut sich: es geht bald los. Die ersten fünf Stunden sind Warmup. Es leert sich weiter. Am Boden und auf den Sofas lungern nur noch die Sumpernden, die erst Heimgehen, wenn sie keine Wahl mehr haben: aus Faulheit, aus Trunksucht und aus Einsamkeit. Das ist die beste Phase.
Clara führt nachdenkliche Gespräche – banaler als die allerersten, aber die Stimmung, der Alkohol und das Selbstmitleid verleihen ihnen einen genialischen Glanz.
„Auf den besten Partys passiert nichts“, sagt Clara.
„Stimmt“, sagt Nina.
„Wenn du nicht gekommen wärst, Nina.“ Clara nimmt Nina in den Arm.
„Ja“, sagt Nina. „Du bist die einzige, die mich versteht.“
Wenn sie trinkt, wird sie immer anhänglich, denkt Clara und drückt Nina fest an sich.

Foto: Luster

Lachspiel

Sich in die Augen sehen bis eine lacht und wer lacht hat verloren, ein Kinderspiel. Es ist wohl Einübung in Sublimierung, Genuss des Aufschubs. Das Prinzip des Spiels ist jenem dieses Textes, der mit der Pointe gleich am Anfang herausrückt, entgegengesetzt. Je mehr sich das Lachen versagt wird – und ja nicht für alle Zeit, sondern mit dem fast sicherem Wissen um langes erleichterndes Lachen, wenn jemand nicht mehr kann –, desto mehr steigern sich die Spannung und die Lust. Wer sich im Griff hat, wird belohnt: Die Grenze der Lust ist also eigentlich nur die eigene Fähigkeit, Lust aufzuschieben. Also wirklich Einübung in Sublimierung.

Manchmal kommt es allerdings vor, dass die Spannung seltsam abflaut. Jemand hat sich so im Griff, dass sie nicht mehr Gefahr läuft, zu lachen. Vielleicht denkt sie an etwas anderes, hat mentale Techniken entwickelt, sich vom Geschehen zu dissoziieren. Aber dann ist es auch aus mit der Lust und mit der Spannung. Die Partnerin, so sie folgen konnte, verliert ihren Drang genauso. Dann ist es ein Gegenübersitzen, das mitunter lange anhalten kann.

Es ist allerdings nicht ungewöhnlich, dass die Technik plötzlich versagt, sich nach langer Zeit wieder eine Spannung aufbaut, die sich aufschaukelt und die wiederum abfallen kann oder plötzlich durchbrechen. Es ergibt sich ein Rhythmus wie Ebbe und Flut. Also doch nicht nur Sublimierung und unter Umständen keine richtige Pointe.

Gelingen

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit meiner Tante, ich muss ungefähr zwölf Jahre alt gewesen sein. Die Erinnerung ist sehr dunkel und das Wenige, das ich erinnere, hat wohl nie in dieser Form stattgefunden. Jedenfalls war ich auf etwas stolz, auf irgendetwas, das ich gelernt hatte oder das ich gemacht hatte und habe ihr davon in großen Tönen erzählt. Aber anstatt eines Lobes, das ich mir wohl gewünscht hätte, bemerkte sie nur, man solle bescheiden sein.

Seitdem hat mich Bescheidenheit immer wieder beschäftigt. Ich weiß nicht, ob man bescheiden sein soll, vielleicht kann man es gar nicht. Es gibt eine Form der Bescheidenheit – man könnte sie falsche Bescheidenheit nennen aber womöglich ist es die einzige, die es gibt –, die mich besonders stört. Manchmal liest man oder hört man Sätze, die bescheiden klingen wollen und insgeheim prahlen. Paul Klee etwa beschreibt in seinen Aufzeichnungen Vierzeiler, die er als Jugendlicher geschrieben hatte als „schlechte und echte Kunst“. Die Beschreibung gibt nicht so sehr mit den Gedichten an als mit der Bescheidenheit. Ich glaube, das stört mich, nicht der Stolz, „echte Kunst“ geschaffen zu haben, der mit der Abqualifizierung der „schlechten“ erkauft wurde, sondern die zur Schau gestellte Bescheidenheit. Es ist eine angeberische Bescheidenheit.

Echte Bescheidenheit hieße doch eigentlich, die eigenen Stärken gar nicht erst zu bemerken, also ein unrealistisches Verhältnis zu den eigenen Fähigkeiten zu haben. Das kommt mir wenig wünschenswert vor. Vielleicht ist Bescheidenheit also per se verlogen. Zugutehalten muss man ihr die Zurückhaltung, die sie verlangt, ein Stück Zivilisierung. Aber sie ist doch in erster Linie eine Spielverderberin, denn was ist falsch an der Freude des Gelingens, einem sicher kindlichen Vergnügen? Es zeigt sich schon: Ich werde weiter daran zu kauen haben.