Die Zeichnerin

sperrte man in einen dunklen Raum. Das einzige Licht kam durch den Spalt unter der Tür. Bis auf ein Bett und ein Schreibpult mit Stuhl war das Zimmer leer.
Jeden Morgen, falls es ein Morgen war, ging das Licht im Spalt an, und jeden Abend, falls es ein Abend war, erlosch es. Mit dem Wasser, dass ihr durch eine Klappe geschoben wurde, gab man ihr Zeichenblätter und Bleistifte. An einigen Tagen erhielt sie auch Brot und Käse. Es gab Wochen, da aß sie täglich, in anderen gar nicht. Um sich zu beschäftigen, zeichnete sie. Unbeholfen, weil im Dunkeln die eigenen Linien verschwommen. Das Licht war so schwach, dass sie nie wusste, ob die Zeichnung gelungen war. Trotzdem schob sie die Bilder unter der Tür hinaus.
So ging es lange. Die Tage zählte sie nicht, falls es Tage waren.
Ihre Nägel rollten sich ein, sodass sie die Bleistifte zum Zeichnen zwischen die Knöchel der Finger klemmte, ihr Haar verfilzte und die Kopfhaut eiterte und brannte. Immer öfter zeichnete sie jetzt sich selbst. Aber je mehr der Blätter, die sie durch den Spalt schob, ihren krummen über dem Pult hängenden Körper zeigten, oder wie er zu einem Filzknäuel eingerollt auf dem Bett lag, desto weniger gab man ihr zu essen.
Aus Sehnsucht oder Berechnung, beide vermischten sich wie Honig und Schwarztee, zeichnete sie schöne Dinge: Eichen, Birken und Tannen, Karnickel und Spatzen, Ballettänzer, Kinder beim Seilspringen. Man gab ihr wieder öfters Brot, manchmal auch Käse und hier und da, vielleicht weil eine Zeichnung besonders gestrahlt hatte, frische Früchte, Weintrauben oder einen Pfirsich.
Kaum war sie zu Kräften gekommen, ließ man sie frei, falls es Freiheit war.

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Schlechte Sicht

Karin beugte sich weit vor, ihre Nase berührte beinahe das Armaturenbrett. Der Schneeschlamm benetzte die Windschutzscheibe. Die feinen Schmutzpartikel schillerten in der Wintersonne, die Straße reflektierte das weiße Licht und der Schnee am Straßenrand leuchtete so grell, dass sich die Verkehrsschilder in schwarze geometrische Figuren verwandelten, in rechteckige, runde und dreieckige Silhouetten.
Kaum hatte Karin die Scheiben mit den Scheibenwischern und reichlich Scheibenwischerflüssigkeit notdürftig von Schmutz befreit, legte sich eine neue Schicht auf die Scheibe des Peugeots und verschleierte den Blick in die strahlende Landschaft. Karin beschleunigte. Nach vorne gebeugt sah sie besser und mit zusammengekniffenen Augen erkannte sie die Bodenmarkierungen oder was sie dafür hielt. Zumindest war wenig Verkehr. Sie hatte die Straße für sich und saß allein im Wagen. Im Radio lief Bruckner.
Die Schwester hatte Karin seit Jahren nicht gesehen. Nicht mehr seit dem Streit. Das war nach Ostern, vor vier Jahren. Eigentlich war es kein richtiger Streit gewesen, eine Meinungsverschiedenheit, im Grunde nur ein Missverständnis. Bei ihrer Tochter war Julia empfindlich. Sie hatte ihre Schwester auch nicht deshalb nicht mehr gesehen, aber das Ereignis – man muss es doch Streit nennen – hatte dazu geführt, dass sich niemand der Beiden mehr um Kontakt bemühte. Abgesehen von Julias Anruf gestern Abend. Julia hatte nur gefragt, ob sie kommen könne, es gebe etwas Wichtiges zu besprechen. Mehr hatte sie am Telefon nicht sagen wollen.
Karin zog den Hebel rechts vom Lenkrad zu sich, um die Scheibe erneut zu reinigen, der Scheibenwischer wischte, aber die Drüsen blieben trocken. Der Scheibenwischer rieb und kratzte an der verkrusteten Windschutzscheibe. Karin beugte sich noch weiter nach vorne. Im richtigen Winkel konnte sie durch die Schmutzschicht sehen. Je mehr sie sich vorbeugte, desto mehr drückte ihr Stiefel auf das Gaspedal und sie schoss durch den glänzenden Schlamm.

Das Haus war leicht zu finden, wenn man erst einmal die richtige Abfahrt gefunden hatte. Karin blieb in der Einfahrt stehen und ließ den Motor laufen. Immernoch Bruckner. Sie überlegte, ob sie abwarten sollte, bis nach dem Stück gesagt werden würde, welche Symphonie es war, aber entschied sich dagegen. Sie drehte den Schlüssel und die Lichter auf dem Armaturenbrett erloschen. Draußen hatte es um die Null Grad. Sie stieg aus. Der Zaun war neu und rot gestrichen. In den Fenstern im Erdgeschoß brannte Licht. Karin holte ihren Mantel aus dem Kofferraum und legte ihn sich über die Schultern. Sie sog die Winterluft tief ein und blickte einen Moment in die Sonne, vor die sich Wolken geschoben hatten, sodass das Licht diffus brach und den vorher eisblauen Himmel weißte. Karin ging auf den Eingang zu. Die Tür stand offen. Sie betrat den Vorraum, der direkt in die Küche mündete.
„Ich glasiere“, hörte Karin Julias Stimme rufen. „Leg in Ruhe ab, ich komme gleich.“
„Okay“, rief Karin und zog Stiefel und Mantel aus. „Hast du vielleicht Hausschuhe?“
– Keine Antwort. Karin fand ein paar Filzschlapfen, die ihr nur ein bisschen zu groß waren und ging in die Küche. Julia beugte sich mit einer schokoladebedeckten Teigkarte in der Hand über eine Sachertorte und biss sich auf die Unterlippe. „Ich begrüße dich gleich. Tut mir leid.“
„Die sieht aber schön aus“, sagte Karin.
„So“, sagte Julia und legte die Teigkarte in die Spüle. „Nicht perfekt aber gut genug.“
„Für mich sieht das ziemlich perfekt aus.“
„Eine Freundin hat morgen Geburtstag.“ Julia stellte die Torte auf einen kleinen Marmortisch neben dem Küchenfenster. Dann zog sie ihre Schürze aus und umarmte Karin. „Lass dich drücken, liebes Schwesterchen.“
Karin ließ sich drücken, drückte aber nur verhalten zurück. „Darf ich mir ein Wasser nehmen?“
„Natürlich. Gläser sind hier oben.“ Sie zeigte auf einen Küchenschrank. „Willst du vielleicht einen Kaffee oder einen Tee?“
„Gerne einen Kaffe.“

Karin nippte am Kaffe. Er war sehr heiß. „Was wolltest du besprechen?“
„Ich weiß“, sagte Julia, „es klingt alles ein bisschen dramatisch: Wir müssen etwas besprechen.“ Sie hob die Hände und wackelte mit den Fingern, dazu machte sie Schlossgespenstergeräusche. „Es ist nicht so tragisch, eigentlich ist es ganz harmlos. Eine gute Nachricht … je nachdem, wie man es betrachtet.“
Karin legte den Kopf zur Seite und kniff die Augen zusammen.
„Hattest du eine gute Fahrt?“, fragte Julia.
„Die Sicht war schlecht“, sagte Karin und schwieg.
„Ich gehe weg.“
„Wie du gehst weg?“
Julia legte ihre Hand auf Karins und beugte sich ihr entgegen. „Weg, ich fahre weg. Wohin will ich nicht sagen.“
„Wie lang?“
„Wie lange?“ Julia lehnte sich zurück und nahm einen Schluck Kaffee. „Brauchst du Zucker?“ Sie machte Anstalten aufzustehen.
„Nein, danke.“ Karin hielt sie am Arm fest. „Bleib sitzen. Was heißt das du gehst weg?“
„Wir trennen uns. Peter ist schon ausgezogen.“
„Ihr trennt euch?“ Karin ließ Julias Arm los. „Und Valerie?“
„Deshalb wollte ich mit dir sprechen.“
„Nimmst du sie mit? Wohin gehst du?“
„Nein“, sagte Julia, „sie bleibt hier. Also nicht hier. Ich meine … ich gehe ohne sie.“
„Kommt sie zu Peter.“
„Ja, zu Peter. Vorerst.“
„Vorerst? Glaubst du, dass ist eine gute Idee? Sie kommt jetzt in die Schule.“
„Ich weiß, es ist nicht optimal. Deshalb brauche ich deine Hilfe. Ich muss weg, Karin, neu anfangen.“ Julia sah Karin direkt in die Augen. „Ich komme nicht wieder. Du kümmerst dich um Valerie. Du musst.“ Ihre Augen glänzten. „Bitte.“

Obwohl graue Wolken sich über die Sonne gelegt hatten, war die Sicht jetzt klarer. Karin fuhr langsam und blieb auf der rechten Spur. Valerie saß am Beifahrersitz und spielte mit dem Handschuhfach. Klack – auf … zu – klick … klack – auf. Karin wollte etwas sagen, aber wusste nicht was. „Stimmt es … Peter weiß, dass wir kommen?“
Valerie reagierte nicht. Zu – klick … klack – auf … zu – klick … klack – auf … zu – klick … klack – auf … zu – klick.

Foto: Vogelschwarm vor eisblauem Himmel. Die Vögel leuchten weiß und schwarz.

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Schimmern

Die Kette sah aus wie eine Kombination aus einem von einer Katze hochgewürgten Haarknäuel und einem Nierenstein. „Danke“, sagte Clara. „Sie ist sehr … was ist das für ein Stein?“
„Probier sie doch an!“, sagte Tante Hildegard. „Das ist ein Türkis, zwischen dem Kupferdraht. Weil du ja Probleme mit den Zähnen hast.“
Clara hängte sich die Kette um den Hals, der Verschluss ging schlecht zu. „Und jetzt muss ich nicht mehr Zähneputzen?“
„Mach dich ruhig lustig, aber nimm ihn mit nach Sri Lanka.“ Tante Hildegard nahm Claras Hand. „Wunderbar, er passt dir einfach wunderbar. Er hilft auch der Haut und du bekommst besser Luft. Du musst ihn nur manchmal in der Früh in die Sonne legen, um ihn aufzuladen.“
„Wie eine Batterie?“
„Ich hab dich so lieb.“ Tante Hildegard drückte Clara. „Pass auf dich auf. Dass dir nur nichts passiert.“ Sie roch nach Ingwer und Sandelholzräucherstäbchen.

Nach dem Vanillepudding mit Obstsalat beugte sich Hildegard, schon einige Gläser vom süßen Muskateller intus, zu Clara und flüsterte ihr verschwörerisch ins Ohr: „Ich weiß, du glaubst nicht an die Kräfte von dem Stein, aber bitte trage ihn trotzdem Liebes, sonst mache ich mir sorgen um dich. Tu es mir zuliebe. Denk an Samuel.“
Clara zuckte zusammen und rutschte ein Stück von Hildegard weg. „Wie genau, stellst du dir vor, wirkt der Stein?“
„Du musst ihn dir als Energiespeicher denken. Er speichert die Energie der Sonne oder anderer Steine. Jeder Stein ist wie ein Energietransformator und verwandelt die Energie in eine bestimmte Strahlung.“
„Was ist das für eine Strahlung?“
„Das kommt auf den Stein an. Du kannst es fühlen, greif mal, schließ die Augen. Jeder Stein sendet andere Strahlen aus.“
Clara fasste sich an den Hals und Hildegard legte ihre Hand um Claras und drückte sie an den Draht. Das Metall grub sich schmerzhaft in Claras Handflache.
Hildegard sah Clara erwartungsvoll in die Augen. „Fühlst du es? Wie fühlt es sich an Liebes?“
„Kalt und spitz?“
„Der Türkis ist ein kühler Stein, da hast du recht. Fühlst du noch etwas?“
„Meine Hand wird taub.“ Sie befreite sich aus dem Griff der Tante.

„Das Taxi kommt in drei Minuten“, sagte Claras Mutter und steckte das Handy ein. „Am besten ihr geht schon runter. Ich habe euch noch Kekse eingepackt und etwas von dem Pürree, da könnt ihr morgen Fischstäbchen dazu machen. Diesmal ist viel übrig geblieben.“ Sie blickte durch die Vorzimmertür ins leere Wohnzimmer.
Tante Hildegard bedankte sich und ließ sich von Onkel Alex in die Felljacke helfen, die sie zusammen mit ihren hennagefärbten Strubbelhaaren wie eine mythische Hirtengöttin aussehen ließ. Alle umarmten sich und als Clara an der Reihe war, sagte Hildegard zu Clara, so dass es alle hören konnten: „Trag den Stein Liebes, sonst geht es dir wie deinem Bruder.“

Foto: Gekachelte Fläche. Türkis. Gewellter Beton. Aschelücken.

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Fasern

Der dunkle Fleck allein zeugte nicht vom Ursprung der Scherbe, die sich in den grauen Teppichboden geschoben hatte und die Fasern zerriss: eine tiefe, stechend nach Whiskey miefende Wunde. Der junge Dackel winselte, obwohl sie ihm Schlaftabletten gegeben hatte. Schon beim Anblick des Küchenmessers heulte er wie ein zur Schlachtung bestimmtes Ferkel. Sie fummelte zitternd eine Schachtel aus der Lade, drückte drei Pillen aus der Verpackung. Das Plastik knisterte unter dem Druck der verkrampften Finger. Eine feuchte Ratte ritzte sich an der Scherbe die Haut auf, ließ sich von der Verletzung nicht beirren und hielt stur auf den Speck in der Falle zu. Die dunkle Lacke am Boden dampfte um den drohenden Splitter, sickerte wie saure Milch in die klaffende Spalte. Das Surren der Fliege erstarb, weil sich das Insekt in einem Spinnennetz verhedderte. Die Verfangene strampelte noch. Der Dackel winselte leiser. Sie legte ihn auf den Tisch, wo er die Beinchen streckte und ruhig vor sich hin röchelte. Die Ratte erreichte den Speck. Sie schnüffelte an dem spitzen Metall der Falle, das darauf wartete, schlagartig seine Spannung zu lösen. Der Hund rührte sich kaum mehr, eine haarige Knackwurst. Sie setzte die Spitze des Messers an seinen Bauch. Die Fliege erhöhte ihre Anstrengungen, als die Spinne sich näherte, aber je mehr sie sich wehrte, desto gründlicher verstrickte sie sich in den feinen Fäden des bleiernen Netzes. Die Scherbe bohrte sich tief in ihre Fußsohle, der dunkle Fleck verdunkelte sich und der Schnitt füllte sich mit Saft. Die Ratte zog an dem Speck, aber er löste sich nicht aus seinem rostigen Gestell. Sie legte das Messer neben den Hund und hob den Fuß, in dem das Whiskeyglasstück brannte. Die Scherbe hatte den Teppichboden beim Rausziehen aufgerissen und einen dunklen Riss mit ausgefransten Konturen hinterlassen, aus dem helle Dämmmasse quoll. Die Fliege strampelte noch einmal, ein Schrei unter Wasser, und ergab sich der winzigen schwarzen Spinne, die sie Schicht um Schicht einsponn. Sie humpelte zum Verbandskasten und riss sich die blutige Scherbe aus dem Fleisch. Der Dackel schlief und schnarchte friedlich auf dem Schreibtisch, als fehlte und drohte ihm nichts. Der Verband färbte sich rot. Sie griff erneut nach dem Küchenmesser und schlitzte den dabei zum Leben erwachenden Hund in einer geraden roten Linie vom Geschlecht zum Unterbauch auf. Das Metall der Falle grub sich schnappend in das Fleisch und Genick der Ratte. Aus dem Maul des leblosen Tieres rollte der glasige Speck und über der Stelle, wo der Bügel das Fell durchschlagen hatte, wirbelten haselbraune Fasern durch die stickige Luft.

Foto: Graue moderne Fassade mit dunklen Fenstern. Hinter manchen brennt schwaches Neonlicht.

Die Wissende

Eine nahm ihre Theorie zu ernst. Sie glaubte, was sie sich zurechtgezimmert hatte, wäre mehr, als der hilflose Versuch, sich auf die Dinge einen Reim zu machen. Wenn etwas geschah, hatte sie schon die Erklärung parat. Vor allem liebte sie die Psychoanalyse und wenn etwas geschehen war fing sie immer gleich an; von Es und Überich, unbewussten Todeswünschen und Kastrationsangst. Sie verstand es, die Theorie mit anderen geschickt zu verbinden, so dass ihre Erklärungen nicht nur sie selbst überzeugten. Meistens hatte sie auch recht.

Aber an manchen Tagen misstraute sie der Theorie plötzlich. Fragte sich, ob es nicht einfach Hirngespinste seien, ob nicht alles viel einfacher zu denken wäre oder viel komplizierter. Sie bekam dann Angst, fuhr sich mit der Hand nervös an den Hals. Beruhigen konnte sie nur die Lektüre neurologischer Populärwissenschaft. Dann war sie wieder sicher, dass die Psychoanalyse das Bessere sei. Sie nahm sich vor, es mit der Theorie lockerer zu sehen. Sich ihre Erklärungen zu spinnen ohne sich auf sie zu versteifen. Aber es wollte nicht gelingen. Entweder war sie von ihrer Theorie ganz eingenommen und krampfhaft überzeugt oder sie fiel ganz von ihr ab und ließ sie erschüttert zurück.

Gelingen

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit meiner Tante, ich muss ungefähr zwölf Jahre alt gewesen sein. Die Erinnerung ist sehr dunkel und das Wenige, das ich erinnere, hat wohl nie in dieser Form stattgefunden. Jedenfalls war ich auf etwas stolz, auf irgendetwas, das ich gelernt hatte oder das ich gemacht hatte und habe ihr davon in großen Tönen erzählt. Aber anstatt eines Lobes, das ich mir wohl gewünscht hätte, bemerkte sie nur, man solle bescheiden sein.

Seitdem hat mich Bescheidenheit immer wieder beschäftigt. Ich weiß nicht, ob man bescheiden sein soll, vielleicht kann man es gar nicht. Es gibt eine Form der Bescheidenheit – man könnte sie falsche Bescheidenheit nennen aber womöglich ist es die einzige, die es gibt –, die mich besonders stört. Manchmal liest man oder hört man Sätze, die bescheiden klingen wollen und insgeheim prahlen. Paul Klee etwa beschreibt in seinen Aufzeichnungen Vierzeiler, die er als Jugendlicher geschrieben hatte als „schlechte und echte Kunst“. Die Beschreibung gibt nicht so sehr mit den Gedichten an als mit der Bescheidenheit. Ich glaube, das stört mich, nicht der Stolz, „echte Kunst“ geschaffen zu haben, der mit der Abqualifizierung der „schlechten“ erkauft wurde, sondern die zur Schau gestellte Bescheidenheit. Es ist eine angeberische Bescheidenheit.

Echte Bescheidenheit hieße doch eigentlich, die eigenen Stärken gar nicht erst zu bemerken, also ein unrealistisches Verhältnis zu den eigenen Fähigkeiten zu haben. Das kommt mir wenig wünschenswert vor. Vielleicht ist Bescheidenheit also per se verlogen. Zugutehalten muss man ihr die Zurückhaltung, die sie verlangt, ein Stück Zivilisierung. Aber sie ist doch in erster Linie eine Spielverderberin, denn was ist falsch an der Freude des Gelingens, einem sicher kindlichen Vergnügen? Es zeigt sich schon: Ich werde weiter daran zu kauen haben.

Klüger

Ruth Klüger hat ein Gedicht geschrieben, zu Jom Kippur. Es geht darin um den Tod ihres Bruders. Die letzte Strophe lautet: „Ich war doch vor Jahren dir Jahr um Jahr Schwester, / Der du dich abkehrst, starrsinnig erstarrt, / Wo dein Sterben dich einschließt wie Stacheldraht. / Sind wir Lebenden denn den Toten Gespenster?“

In weiter leben bemerkt sie dazu, die letzte Zeile sollte mühsam auszusprechen sein und unpoetisch klingen. Sie ist wirklich nicht poetisch und kaum über die Lippen zu bringen. Lebenden denn den. Wüsste ich nicht, dass es so sein soll, würde ich denken, die Worte seien ungeschickt gewählt. Diese Entscheidung für das Schiefe imponiert mir unbeschreiblich. Sie ist das Gegenteil von Angeberei: In Kauf nehmen, dumm dazustehen. Dazu gehört intellektuelle Sicherheit. Wieso ist das Einfachste das Schwerste?