Er wird kommen

Paul Klee hat übrigens immer wieder gedichtet. In seinen Tagebüchern notierte er Reime, die dann sozusagen ausgefüllt werden müssen.

„Gedichte epigrammatischer Natur mit den Reimen:

Gereimt / geleimt / große Pein / überflüssig zu sein.

Ich glaubte, es müßte mir wenigstens gelingen, mich selber lächerlich zu machen.

Weiter:

So ein leidend Haupt / gelber / glaubt / sich selber / tatbereit / Lächerlichkeit / erkoren / geboren / behaart / gepaart / betrogen / verlogen.“

Ob so ein gutes Gedicht gelingen kann, weiß ich nicht. Vielleicht schon; indem der Reim etwas vorgibt, ein Problem stellt, eine Art Dogma. Es handelte sich dann also um ein selbstauferlegtes Rätsel, das gelöst werden will. Trotzdem gefällt es mir besser, die Reime einfach schon als fertige unbewusste Kunst anzusehen, als Konzeptkunst. Die Anweisung zum Gedicht ist das Werk.

Yoko Ono - Gemälde für die Beerdingung

Klüger

Ruth Klüger hat ein Gedicht geschrieben, zu Jom Kippur. Es geht darin um den Tod ihres Bruders. Die letzte Strophe lautet: „Ich war doch vor Jahren dir Jahr um Jahr Schwester, / Der du dich abkehrst, starrsinnig erstarrt, / Wo dein Sterben dich einschließt wie Stacheldraht. / Sind wir Lebenden denn den Toten Gespenster?“

In weiter leben bemerkt sie dazu, die letzte Zeile sollte mühsam auszusprechen sein und unpoetisch klingen. Sie ist wirklich nicht poetisch und kaum über die Lippen zu bringen. Lebenden denn den. Wüsste ich nicht, dass es so sein soll, würde ich denken, die Worte seien ungeschickt gewählt. Diese Entscheidung für das Schiefe imponiert mir unbeschreiblich. Sie ist das Gegenteil von Angeberei: In Kauf nehmen, dumm dazustehen. Dazu gehört intellektuelle Sicherheit. Wieso ist das Einfachste das Schwerste?

Lesen

Würde ich heute ein Gedicht schreiben
und käme in Verlegenheit, es laut lesen zu müssen,
ich läse es ganz schlicht.

So schlicht, wie ich es schreiben würde,
ausdruckslos und ohne dichter Metaphorik,
ohne Pathos und Effekt.

Ich spräche langsam und deutlich
und betonte angemessen,
nicht überschwer, sondern durchwegs konventionell.

(Nur so könnte ich es lesen.)

Cellar Door

Wer in der Schule lernt, das lyrische Ich wäre nicht mit der Autorin in eins zu setzen, ist erstaunt und dann stolz. Es liegt zunächst näher, sehr wohl genau davon auszugehen – besonders bei Gedichten oder bei biographisierender Prosa. Diese Vorstellung abzulegen, bedeutetet einen Abstraktionsschritt: stolz sind wir, weil wir uns freuen, dass wir zu ihm fähig sind. Aber irgendwie ist das Verhältnis von Autorin und lyrischem Ich – respektive auch von Erzählerin und Autorin – verwobener und seltsamer. Sie lassen sich im Grunde nicht so recht auseinander dröseln.

Vor allem gilt das, bei einem Roman, der in der Ich-Form erzählt wird. „Wie ich mir darüber klar wurde, war es schon zu spät. Ich hatte mich wohl zu sehr mit dem Gedanken angefreundet, mir keine Gedanken machen zu müssen.“ Wer sagt diese Sätze? War ich es und falls ja, wer ist ich? „Ich, Samuel Estragon, schreibe diesen Satz.“ Wer schreibt nun diesen Satz?

Eine Erzählfigur mag noch so durchdacht und glaubwürdig sein. Wenn der Hochstapler Krull uns seine Bekenntnisse vorlegt, ist es dann nicht doch ein Buch von Thomas Mann, dessen Name auch auf dem Titel prangt und ist dann nicht doch jedes Wort, das uns in der Sprache des Hochstapelnden aufgetischt wird, letztlich auch ein Wort von Thomas Mann? Es gibt eine Sphäre des Scheins, in der Krull diese Worte schreibt und eine vielleicht phantasielose, in der es immer die Worte Manns bleiben werden.

Ich vermute, dass wir als Kinder nicht Krull in Frage stellen, weil wir ihn nur als Thomas Mann gelten lassen wollen, sondern den Hochstapler für real nehmen. Wir zweifeln nicht am Schein, sondern halten das lyrische Ich für eine Person der wirklichen Welt. Eigentlich wird von uns verlangt, diese Sphären auseinanderzuhalten, die uns zunächst als eine erscheinen: Möglichkeit und Wirklichkeit.