Bild

Simael der Wasserläufer

„Hier leben Wasserläufer.“ Die Mutter zeigte auf das Wasser. Auf der Oberfläche spiegelten sich das Geländer, die Laternen und die untergehende Sonne. Am Fuß der Laternen blühte Löwenzahn, der aus den Rissen im Asphalt wuchs.
„Wasserläufer?“, fragte ihre Tochter und sah fragend zuerst hinaus aufs Meer und dann in das Gesicht der Mutter.
„Wasserläufer sind winzige Wesen“, sagte die Mutter. „Sie sehen aus wie du und ich, aber sind zehntausendmal kleiner.“
Die Tochter öffnete ihre Handfläche, als säße darin eine junge Raupe. „So klein?“ Sie berührte die Stelle und zeichnete einen kleinen Kreis in ihre Hand.
„Viel kleiner. So klein wie wie der Mehlstaub in der Luft beim Kuchenbacken, den man nur an sonnigen Tagen sieht.“
Ein Geräusch des Staunens entfuhr dem Mund der Kleinen.
„Die Wasserläufer“, erzählte die Mutter weiter, „leben in den Spiegelungen auf dem Wasser. Die Laterne spiegelt das Licht der Sonne und zeichnet die Umrisse ins Meer. Und innerhalb der Linien tanzen die Wasserläufer. Ohne sie würden wir nur zarte, durchscheinende Striche sehen.“
„Wieviele Wasserläufer sind gerade da unten?“
„Unzählige“, sagte die Mutter. „Sie tollen herum und tanzen miteinander. Es ist ein wildes und ausgelassenes Fest. Deshalb verschwimmen die Umrisse der Spiegelungen auch so.“
Die Tochter zog an ihrem Ohrläppchen. Das machte sie immer, wenn sie nachdachte. „Gibt es Wasserläufer, die sich nicht an das halten, was die Sonne sagt?“
Die Mutter lächelte. „Seltsam, dass du das fragst.“
„Wieso seltsam?“
„Es gab wirklich einmal einen Wasserläufer, der träumte davon, aus dem Bild zu tanzen.“
„Wirklich?“ Das Mädchen hielt die Mutter am Pullover und hüpfte auf und ab. „Wie hat er geheißen?“
„So ähnlich wie du, Liebes: Simael.“
„Ich heiße nicht Simael.“
Die Mutter berührte die Tochter an der Nasenspitze.
„Und weiter?“, fragte die Tochter. „Hat er es geschafft?“
„Er hat es versucht. Zuerst tanzte er nur ein klein wenig von den anderen weg, zog weitere Kreise oder jagte die äußeren Grenzen der Spiegelbilder entlang. Aber immer, wenn er sich zu weit von der Linie der Sonne entfernte, riefen ihn die älteren Wasserläufer zurück. ‚Pass auf, Simael, du bist zu weit draußen. Was machst du wieder für Sachen? Du kennst die Gefahr.‘“
„Gefahr? Welche Gefahr?“
„Die Wasserläufer glauben, wer sich zu weit außerhalb der Linien aufhielte, würde sich selbst in Licht verwandeln und mit dem Sonnenuntergang verschwinden.“
„Ist Simael verschwunden?“
„Immer, wenn er die Rufe vernahm, kehrte Simael um und tanzte wieder mit seinen Freunden. Aber eines Abends – es war ungefähr so spät wie jetzt. Die Sonne stand tief und das Wasser lag ruhig da – tanzte Simael an der Spitze einer Laterne, am äußersten Rand der Spieglung, wo nur wenige Wasserläufer tanzten. Er war ganz in seine Drehungen und Sprünge vertieft. So vertieft, dass er die Warnungen der anderen nicht hörte und sich weiter und weiter entfernte. Die Linie hatte er längst passiert. Er fühlte sich frei und glücklich.“
Die Tochter klammerte sich an den Pullover der Mutter und die Mutter strich ihr über den Kopf.
„Simael bemerkte, dass er ganz allein war. Doch es fühlte sich schön an, tanzen zu können, woimmer er wollte. Simael drehte sich und hüpfte, mal dorthin und mal dahin. Da merkte er, wie etwas an ihm zog, wie ein Band, das an seinem Scheitel befestigt war.“ Die Mutter tippte mit dem Zeigefinger leicht an die Stelle auf dem Kopf der Tochter. „Hier. Und das unsichtbare Band zog Simael zurück hinter die Linie, dorthin wo er hingehörte.“
Die Tochter wischte die Hand der Mutter von ihrem Kopf wie einen Käfer. „Wieso darf er nicht alleine tanzen? Er will doch nur in Ruhe tanzen.“
„Es gibt eine Möglichkeit, Liebes, wie du ihm helfen kannst.“
„Wie, ich mache es?“ Die Tochter hüpfte wieder auf und ab und zupfte die Mutter am Pullover. „Was muss ich tun?“
Die Mutter pflückte den Stengel eines Löwenzahns, an dem ein großer, runder Windsamen hing. „Nimm. Aber sei vorsichtig.“ Sie drückte ihrer Tochter den Samen in die Hand. „Jetzt hältst du ihn hoch und bläst vorsichtig darauf.“
Die Tochter hielt den Stengel vor sich in die Luft und blies: Der Samen löste sich und der Wind trug ihn weit über das Meer.
„Mama, ich kann Simael sehen, da tanzt er! Siehst du?“ Ihr Finger folgte der Spiegelung des Samens auf dem Wasser.
„Ja, Liebes, ich sehe ihn“, sagte die Mutter und legte ihren Arm um die Tochter. „Wie er sich freut.“

Foto: Eine Promenade spiegelt sich auf ruhigem Meer.

Bild

Else liest

Else las.
„Du sollst nicht lesen, sondern essen“, ermahnte sie der Vater.
„Noch den Absatz … Silna kämpft gleich gegen die Hydra.“ Else presste die Lippen zusammen. „Bitte.“
„Komm Schatz“, sagte die Mutter. „Dein Vater hat sich mit dem Essen solche Mühe gegeben und du lässt es kalt werden.“
Else schlug das aufgeklappte Buch auf den Tisch und brach ihm den Rücken. „Jetzt bin ich eh draußen. Kohlsprossen schmecken kalt genauso grindig wie warm.“ Sie stocherte im Püree. „Kann ich das Ketchup?“
Der Vater reichte Else das Ketchup und seufzte.
„Was gibt es da zu seufzen?“, fragte Else. Sie drückte etwas Ketchup auf die Augsburger. Die sich entleerende Tube furzte und das Ketchup sprayte den Teller voll. Sie schüttelte und drückte wieder. Ein geräuschvolles Sprühen sprenkelte das kartoffelgelbe Püree rot und die Kohlsprossen erkrankten an Masern.
Die väterliche Miene verfinsterte sich. Else nahm ein paar Bissen.
„Bin fertig, kann ich aufstehen?“

Alles vermiesten Elses Eltern ihr. Zumindest den Kampf, das große Finale des Kapitels, hätten sie ihr doch lassen können. Sie warf sich auf ihre „Die Magierinnen von Thelm“-Bettdecke und begann vom Kapitelanfang.
„Wenn ich doch einfach für immer weiterlesen könnte!“, dachte Else.
Wenigstens fand sie schnell wieder in die Geschichte. Silna hatte einen versteckten Höhleneingang entdeckt. Dort suchte sie das Herz von Thelm, ein mächtiges Artefakt, dass die alte Hauptstadt, bevor sie zerstört wurde, mit Energie versorgte.
Else blätterte um, las den ersten Absatz der nächsten Seite und den zweiten, blätterte vor, zurück und wieder vor. Ein anderer Text füllte jetzt die Seiten. Es war dasselbe Buch, dasselbe Kapitel, nur der Text hatte sich verwandelt.
Noch dazu kam in dem Text Silna, die Magierin, gar nicht mehr vor. Stattdessen bäumten sich die Köpfe der Hydra auf, stießen aus sieben Hälsen einen gellenden Schrei aus, der die Bergkristalle der Höhle zum Bersten brachte. In rauschendem Flattern jagten alle Fledermäuse auf einmal aus der Höhle. Die aufgerissenen Hydrenmäuler klafften Else sekundenlang entgegen, bevor eine leise eindringliche Stimme aus dem hintersten Hals der Bestie säuselte: „Ich segne dich Else. Du wirst den Rest deiner Tage als Lesende verbringen. Wenn du am morgen die Augen aufschlägst, wirst du lesen und am Abend werden die Buchstaben dich schlafen legen. Niemals sollen deine Augen sich vom Text lösen. Tun sie es aber doch, so wirst du zur ewigen Leserin versteinern.“
Else erschrak über die Worte und ließ das Buch fallen. Sofort versteiften sich ihr die Gelenke und ein rissiger Vorhang vergraute ihre Sicht. Mit schweren Gliedern riss sie das rettende Buch wieder auf und entzifferte mit letztem Licht die nächste verschwommene Zeile. Kaum erfasste sie den Sinn des nächsten Worts, klärte sich ihre Netzhaut und der Körper regte sich wieder.

Von diesem Tage an lebte Else in zwei Welten. Bei allem, das sie tat, hielt sie in einer Hand ein Buch. Ein zweites und drittes führte sie immer mit sich, denn sie wusste, was ihr drohte, wenn ihr die Zeilen ausgingen. Einmal hatte sie versucht, eine Schleife zu lesen, den selben Absatz wieder und wieder. Aber sofort ergriffen die Symptome der Versteinerung von ihrem Körper Besitz und sie las schnell weiter, um das Schlimmste zu verhindern.
Das Sprechen während des Lesens fiel Else schwer und sie verständigte sich mit knappen unbeholfenen Gebärden. Die Verrichtungen des Alltags, die tägliche Hygiene, das An- und Auskleiden stellten sie vor große Schwierigkeiten und an Sport oder Kinobesuche dachte sie nicht einmal mehr. Freundinnen hatte sie keine. Die anderen Jugendlichen fanden sie seltsam und wussten nichts mit ihr anzufangen. Die Eltern schickten Else in Therapie, aber die Stunden verliefen unproduktiv.

So wuchs Else auf und hätte sie nicht die lebendigen Welten ihrer Bücher gehabt, die Drachen und Zauberinnen, die Liebenden und die Leidenden, sie hätte längst vor dem steinernen Schlaf kapituliert. Aber ihre papiernen Freundinnen und Freunde, die ihr mehr aus Fleisch und Blut waren als die vorbeirauschende Wirklichkeit, spendeten ihr Trost und Hoffnung.
Else war bereits eine junge Frau, als sie eines Abends beim Spaziergang in der Stadt ihr letztes Buch aus der umgehängten Ledertasche zog. Sie klappte es auf, noch während sie das vorherige schloss und stürzte sich in die Zeilen.
Es gab Bücher, die stießen Else ab. Bücher, die sie einfach übersprungen hätte, hätte sie es sich nicht zur Gewohnheit gemacht, jedes Buch zu Ende zu lesen, das sie einmal begonnen hatte. Das ohnehin notwendige mehrmalige tägliche Buchwechseln beanspruchte sie schon genug.
Ihre Augen jagten unruhig über die Zeilen, wie eine, die in der Oktobernacht durch ein dichtes Waldstück oder eine dunkle Bahnunterführung muss. Der schnelle schritt Elses Augen sollte den Weg verkürzen. So passierte sie gebückt dasitzende Menschen, die schwarze Flüssigkeit tranken und stechend riechenden Haferbrei aßen; stürzte ohne nach links oder rechts zu sehen an verstümmelten Füchsen vorbei; lieben Tieren, deren Gesicht sich mit einem Mal nach außen stülpte. Zuletzt war es ein schlichtes, ein freundliches Bild – eines, das Else die Hölle, in die sie geraten war, ertragen lassen wollte – über das sie stolperte. Ein Dachs legt sich im Bau zur Winterruhe.

Foto: Statue mit Buch