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Lotus

Stängel

Eine Freundin von Oliver, die so etwas merkte, hatte gleich gewusst, was Sache ist. Beim Sprechen habe Sam immerzu die Hand auf Olivers Oberarm gelegt, einmal sogar seine Wange berührt. Wie konnte einem so etwas nicht auffallen?
In der Au wirbelten die Pappelsamen durch die Luft wie Schneeflocken. Ein Samen verfing sich in Sams schwarzgelocktem Haar. Oliver griff danach und strich ihm dabei mit dem kleinen Finger über die Wange. Sams Mundwinkel zuckte, aber er legte seine Hand auf Olivers und drückte sie sich gegen die Wange. Dann lehnte er sich vor und legte seine Lippen auf den geschlossenen Mund von Oliver, der erst Sekunden später daran dachte, ihn zu öffnen.

Blüte

„Weißt du noch“, sagte Oliver, „wo wir damals gestanden haben?“
In der Ferne rauschten Autos. Licht fiel auf die Blätter, sodass sie feine Schatten ins Gras warfen. Sam fotografierte mit seinem Handy einen umgestürzten Baumstamm, dessen Wurzeln zum Himmel zeigten. „Was?“
„Unser erster Kuss“, sagte Oliver und sah auf den Boden, als suche er eine Kontaktlinse. „Weißt du, wo das war?“
„Hier“, sagte Sam und steckte das Telefon ein. „Damals hast du noch in der WG gewohnt.“
Oliver nahm Sams Hand und legte sie sich auf den Bauch. „Du bist ja ganz kalt. Das kommt vom Fotografieren.“
Sam kitzelte Oliver an der weichen Stelle, seitlich unter der Rippe.

Frucht

Oliver stand vorsichtig aus dem Schaukelstuhl auf und drehte die Platte um, Nat Cole.
„War nicht ich dran?“ fragte Sam.
„Ich wollte sowieso aufstehen“, sagte Oliver. „Hast du Hunger? Ich schneide Obst auf.“
„Haben wir noch Pfirsiche?“
Oliver lachte, hielt sich dabei am Bücherregal fest. Sam wollte immer nur Pfirsiche. „Wie ist dein Buch?“
Sam legte das Buch in den Schoß und sah Oliver an. Er streckte den Arm nach ihm aus, aber erreichte ihn nicht. Eine Staubfluse, die Oliver aufgewirbelt hatte, blieb auf Sams Kopf liegen, schmolz und rann seine Wange hinunter zum Kinn, wo sie sich in den grauen Bartstoppeln verfing und verdampfte.

Foto: Lotusblüte, in die sich eine Biene setzt.

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Die Heuschrecke

Sie war nicht tot. Jedenfalls sah sie nicht tot aus. Ich blies sie an und ihre Flügel bewegten sich wie Blätter im Wind. Aber sie rührte sich nicht von sich aus. Überhaupt erinnerte sie an eine Pflanze. An einen noch grünen Lindensamen. Sie war wohl doch tot, zumindest stellte sie sich tot, vielleicht in der Hoffnung, man möge sie vergessen. In der eigenen Wohnung fürchte ich mich vor Insekten. Säße eine Heuschrecke in meinem Zimmer, ich öffnete das Fenster, schlösse die Türe und beträte das Zimmer stundenlang nicht mehr; dann, wenn es sich nicht mehr vermeiden ließe, wenn ich etwas aus meinem Zimmer bräuchte oder es Schlafenszeit wäre, löschte ich alle Lichter und gewöhnte meine Augen an die Dunkelheit, ich öffnete die Türe einen Spalt, steckte den Kopf durch die Öffnung und sähe, ob die Heuschrecke dort noch hockte, und wenn sie nicht mehr hockte, wo sie gehockt hätte, dann träte ich ins Zimmer, nur ein kleines Stück, mit gespannten Muskeln und jederzeit dazu bereit, zurück in den Gang zu zischen und die Türe hinter mir zuzuschlagen, und ich suchte das Zimmer ab, ob die Heuschrecke sich nicht nur woanders hinverpflanzt hätte und erst wenn ich sicher wäre, dass sie sich in keinem Winkel, nicht unterm Schreibtisch, nicht unterm Bett versteckte, schlösse ich hastig das Fenster, als bestünde Gefahr, die Heuschrecke könnte zurückkehren und sich wieder auf den Platz setzen, auf dem sie solange ungestört gesessen hätte und erneut das Zimmer in Beschlag nehmen.
Anders auf den Pflastersteinen, auf denen ihre zerbrechlicher Leib wie in einem Raster ruhte. Tot oder wie tot erstarrt strahlte sie eine zärtliche Ruhe aus. Ich ging mit meinem Gesicht nah an die Heuschrecke heran und atmete ihren bitteren Geruch ein. Ihre schwarzen Augenscheiben durchdrangen mich bedrohlich: Warte nur ab, noch liege ich hier, ein Samen im Wind, aber bald kommt der Sommer und du öffnest dein Fenster.
Ich richtete mich auf und hielt meinen Stiefel über das Tier. Ich wollte ihn auf den grünen Ast senken, doch etwas ließ es nicht zu. Mein Fuß verdeckte die Sicht auf die Heuschrecke und jedesmal, wenn ich sie nicht sah, hatte ich die Fantasie, sie sei schon hinter mir und ich stellte mir vor, dass sie sich rächen würde, falls ich sie verfehlte oder sich unter meiner Sohle aufbäumen und mich auf den Boden schleudern oder zu sich auf den Boden reißen und in mein vom Aufschlag blutendes Maul kriechen. Ich stellte den Fuß neben der Heuschrecke ab und murmelte eine Entschludigung. So recht konnte ich nicht an ihre Vergebung glauben. Dann preschte ich die Straße entlang. Alle paar Schritte blickte ich mir über die Schulter. Ich prüfte, ob die Heuschrecke noch dort lag. Irgendwann konnte mein Blick sie nicht mehr finden, sei es, weil ich mich schon zu weit entfernt hatte, sei es, weil die Heuschrecke nicht mehr dort lag.

Foto: Eine grasgrüne Heuschrecke liegt seitlich auf Pflastersteinen.

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Zeichen und Mahl

Ihr war als zitterte das Reh, das sie beschlich. Aber falls das Jungtier zitterte, dann nicht wegen ihr, denn der Wind blies ihr ins Gesicht und sie rührte sich nicht. Der Himmel war von einem tiefen Blau, wie es die Alten nicht mischen konnten, die sich an die Farben der Erden und Pflanzen hielten: Distelrot, Glutrot, Eisenocker, Nussbraun, Bastgelb, Ginstergelb. Für das Nachtblau dieses Morgenhimmels fehlte ihnen das Pigment.
Sie legte den Pfeil auf den Bogen und atmete ruhig. Das Reh hob den Kopf und sah sie aus schwarzen Augen an. In einer geschmeidigen Bewegung spannte sie das biegsame Birkenholz und schickte den Pfeil auf den Weg. Er passierte Farne, Sträucher, Brombeerranken – ein Zitronenfalter wich ihm aus – und fraß sich durch das Fell, durch die Haut, durch das Fleisch ins Herz.
Das Reh stand einen Moment so da, den Pfeil in der Flanke, ein hellroter Punkt darunter und brach zusammen. Sie kam näher, beugte sich über das Tier und zog den Pfeil aus dem leblosen Leib. Der Zitronenfalter setzte sich in das schwarze Auge und seine Beine versanken im feuchten Glaskörper. Bissen sich fest wie Widerhaken im Fleisch eines Fisches.
Sie schnitt dem Reh die Kehle auf und sein warmes Blut mischte sich mit der Erde zu dunklem Kastanienbraun. Der Falter steckte immer noch in der starren Pupille. Sie vertrieb ihn nicht, sondern ließ ihn stecken. Ihr gefiel, wie er seine Beinchen in das Auge grub und die Flügel wetzte. Der Körper des Rehs war zu schwer, um ihn alleine zu tragen, also kehrte sie ins Dorf zurück.
Im Dorf berichtete sie den Anderen, wo sie das Tier erlegt hatte. Dann holte sie aus ihrer Hütte Erdpigmente, Mischschalen und eine Fackel. Sie entzündete die Fackel und stieg zur Höhle hinauf, in der die erlegten Tiere sich an den Wänden tummelten. Ihre flachen Leiber zuckten im Feuerschein. Zwischen zwei Gämsen fände das Reh Platz. Sie mischte die salzigen Erden mit ihrem Speichel, malte mit dem Zeigefinger die kohlernen Umrisse des Tiers an die Wand und färbte den Körper gelb. Gerne hätte sie die schwarzen Augen gemalt und den Zitronenfalter, aber ihre Finger waren zu dick. Sie lachte. Ihr Reh sah aus wie eine hornlose Gazelle.

Foto: Blau und rot bemalter Schiffsrumpf mit Rostflecken.

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Die Bärin

Eine Frau gerät beim Wandern im Wald in einen Sturm. Der Regen fällt als dicke schwere Tropfen. Die nächste Hütte ist nicht weit, der Weg leicht. Aber ein Braunbär bäumt sich auf, zwingt sie in die falsche Richtung, jagt sie auf eine Eiche. Der Bär stößt mit der Seite gegen den morschen Stamm. Der Baum wackelt. Das Tier rammt wieder gegen den Stamm, der kracht und bricht. Die Frau fällt und verletzt sich am Knöchel.

Sie stürzt humpelnd in das Dickicht. Ein Dachsbau verspricht Schutz. Sie kriecht in das Loch doch der Bär findet sie, gräbt ihr mit schweren Pranken nach. Die Frau entdeckt einen zweiten Ausgang und zwängt sich durch die Öffnung ins Freie. Der Bär kann ihr nicht folgen, steckt im Bau fest. Die Frau bedeckt ihn mit Laub und Ästen. Sie häuft immer mehr über das kämpfende Tier. Der Bär brummt, der Boden zittert. Ein Röcheln und Wimmern dringt aus der Erde und verstummt endlich. Sie schleppt sich zur rettenden Hütte.

Sie habe Glück gehabt, sagt ihr die Wirtin. Im Wald gebe es eine Bärin, mit der nicht zu spaßen sei. Sie habe gerade Junge.

Foto: Wurzel