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Grand Hotel Europa

Mattes Licht fällt durch die Fenster, die Packpapier und Tape notdürftig zusammenhalten; einige sind mit Brettern vernagelt. In einer Ecke des Raumes, der einmal die Lobby gewesen sein muss, scheppert ein Stromagregat und eine Stehlampe beleuchtet eine Sitzgruppe. Du hörst Stimmen: das Wort „Affe“ oder „Pfaffe“. Beim Näherkommen erkennst du junge Frauen und Männer, die im Gespräch gestikulieren. Alle rauchen. Die glühenden Zigaretten zeichnen Muster in die Dunkelheit. Eine junge Frau steht auf und kommt dir entgegen. Sie drückt dir ein Bier in die Hand und lädt dich ein, näher zu kommen.
„Setz dich zu uns.“ Sie legt dir den Arm um die Schulter. „Trinkst du lieber Cola?“ Sie mustert dich und lächelt mit den Augen.
Du verneinst, öffnest die Bierdose und bedankst dich. Sie begrüßt dich mit deinem Namen und stellt sich als Nelly vor. Du setzt dich auf eine grüne Couch. Sie ist bequem, auch wenn die ausgeleierten Stahlfedern quietschen und du tief einsinkst. Neben dir dreht ein alter Mann einen Joint. Nelly setzt sich dir gegenüber auf einen Biedermeiersessel, aus dem helles Futter quillt. Du nimmst einen Schluck Bier. Weil es kalt ist, blickst du dich nach einem Kühlschrank um, findest aber keinen.
„Kühltasche“, sagt der Mann neben dir und zeigt in eine dunkle Ecke. Dann zündet er den Joint an, nimmt einen einzigen Zug und reicht ihn dir.
Du rauchst.
„Wenn du nichts dagegen hast“, sagt Nelly, „dann kommen wir gleich zur Sache.“
Du sagst, das sei dir sehr recht, obwohl du ausreichend Zeit eingeplant hättest. Dir fällt auf, dass es ruhig geworden ist. Nelly lehnt sich vor, sodass ihr das Lampenlicht das Gesicht beleuchtet. Die Lampe flackert wie eine Kerze im Luftzug.
„Du hast, nehme ich an, nie von uns gehört, bis wir dich kontaktiert haben.“ Sie berührte beiläufig ihre Stirn, als juckte sie etwas. „Aber dann hast du dich umgehört. Hast Grand Hotel Europa gegoogled und so weiter.“
Du nickst.
Nelly deutet auf den Joint, in deiner Hand, der kaum noch glüht. Du rauchst und gibst zur Nebencouch weiter, wo ihn ein junger Mann entgegennimmt. Nelly lächelt. „Aber viel gefunden hast du nicht. Gerüchte. Manche haben dir gesagt: im alten Grand Hotel treffen sich Künstler, andere sprachen von Aktivistinnen, Autonomen, Kommunistinnen, Punks.“
Du trinkst einen Schluck Bier und runzelst die Stirn, sagst, ungefähr so sei es gewesen.
„Das ist alles nicht ganz falsch und ganz falsch“, sagt Nelly, „wir träumen.“
Du fragst, wovon.
Der Mann neben dir legt dir eine Hand auf die Schulter. „Von einer besseren Welt.“
Du sagst, davon hätten schon viele geträumt.
„Das stimmt“, sagt der alte Mann und lockert sich den Schal. „Und auch schon viele so wie wir.“
„Mit dem Unterschied“, sagt Nelly, „dass wir für unsere Sache nicht werben. Wir wollen auch nichts erreichen. Eigentlich wollen wir sie uns nur ausmalen, die bessere Welt.“
Du stellst das Bier ab und sagst, das sei poetisch, aber im Grunde verzichtbar. Ausgemalt hätten sich die Welt schon Zuviele und immer hätten ihre armseligen Pläne das Siegel der Gegenwart getragen.
Nelly zeigte auf den jungen Mann, dem du vorhin den Joint gereicht hast. „Das ist Peer. Er ist für die Probleme zuständig, die damit einhergehen, sich eine bessere Welt auszumalen.“
Peer tippt sich zum Gruß an die Stirn, blickt auf einen Zettel, der ihm im Schoß liegt und spricht dann frei, aber als würde er etwas aufsagen. „Wer sich die bessere Welt vorstellt, verlängert notwendig die Fehler der Gegenwart in die Zukunft.“ Er verschränkt die Arme hinter dem Kopf. „Wir interessieren uns besonders für ausgefallenere Einwände. Aber alle kommen erst mit dem Üblichen, wir sind das gewöhnt.“
Du überlegst, ob dir ein geistreicher Einwand einfällt.
Nelly winkt ab. „Du musst nicht gleich etwas sagen. Erst musst du verstehen, was wir hier machen.“
Du sagst, dass das tatsächlich hilfreich wäre. Der Joint war einmal im Kreis gewandert und wieder bei dir angelangt. Du nimmst ihn, gibst ihn aber Peer weiter, ohne davon zu ziehen.
„Wir haben dich eingeladen“, sagt Nelly, „weil wir dich für einen streitlustigen Menschen halten und wir hoffen, dass du klügere Kritik an unseren Träumereien vorzubringen hast, als wir selbst. Uns fehlt die Distanz, wenn du verstehst.“
Das Agregat stottert und rülpst, das Licht flackert stark. Du fragst, ob es sich bei der Träumerei also um eine Art von Theorie handelt.
Der alte Mann schaltet sich wieder ein. „Es ist vielleicht eine Art von Theorie.“ Er beugt sich weit vor und sagt lange nichts. „Aber wir sehen es eher als ein Spiel. Ein Kinderspiel: Spielen wir bessere Welt. Wir fantasieren. Mit kindlichem Ernst. Wir malen uns jedes Detail genaustens aus.“
Du richtest dich in deiner Couchmulde auf. Du sagst, die Welt sei doch keine Modelleisenbahn. Peer rollt mit den Augen. Du sagst, es tue dir leid, dass der Einwand nicht originell sei, aber das mache ihn nicht falsch und wieder rollt Peer mit den Augen.
„Gebt ihm ein bisschen Zeit“, sagt Nelly. „Er ist gerade erst angekommen.“ Sie schüttelt den Kopf. „Entschuldigung. Es ist nur so. Wir machen das jetzt schon viele Jahre.“ Sie kratzt sich am Kopf. „Sieben Jahre ungefähr.“ Sie lachte. „Am Anfang sagen alle das Gleiche.“
Du sagst, dass das vielleicht damit zusammenhängen könnte, dass sie recht hätten und siehst dabei Peer an, der nicht mit den Augen rollt, sondern dich anstarrt, als bemühe er sich, nicht zu blinzeln. Du sagst, du wüsstest nicht, was du sagen sollst. Es sei schwer etwas zu sagen, dass sowohl einfallsreich als auch wahr ist.
„Die meisten schaffen es“, sagt Nelly. „Und die meisten sind sehr froh, wenn sie es geschafft haben. Unserer Erfahrung nach, ekelt die meisten ihre eigene Haltung insgeheim an und sie freuen sich, sie loszuwerden. Aber das geben sie ungern öffentlich zu. Deshalb hört man wenig von uns.“ Sie sieht zur Decke und nickt, als habe sie das Gesagte noch einmal erwogen.
Du fragst, wieviele Menschen bisher gekommen seien, ins Grand Hotel Europa. Die Worte Grand Hotel Europa sprichst du sowohl reisserisch als auch spöttisch aus.
„Wieviele werden es seien. Vielleicht Zehn …“ Sie sieht in die Runde: Genicke. „Zehn pro Tag, in etwa. Sieben Jahre, dreitausendfünfhundert pro Jahr. Cirka fünfundzwanzigtausend.“ Sie lehnt sich zurück und schlägt die Beine übereinander. „Inzwischen ist unser Plan ziemlich detailliert. Willst du ihn hören?“
Du kriechst tiefer in deine Mulde und ziehst die Beine zur Brust. Erst jetzt riechst du Kirschenblüten.

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Blütengrund

Der Boden roch nach Parkettspülmittel. Am Glastisch standen zwei Gläser Merlot und eine Schale mit Cashewnüssen. Ansonsten nichts.
„Die Sätze sagen mir nichts mehr.“ Grete rührte nicht Wein noch Nüsse an. „Es gibt keinen einzigen Satz, der mir noch etwas sagt.“
Ich nahm eine Cashewnuss und sah mich im eigenen Wohnzimmer um wie in dem einer Anderen. Indirektes Licht sorgfältig platzierter Lichtquellen verlieh dem Raum ein freundliches Ambiente. „Ja“, sagte ich.
„Sich nicht von der eigenen Ohnmacht dumm machen lassen. Das hat mir einmal Mut gemacht.“ Grete hielt den Stiel des Weinglases fest und schnippste gegen den Rand, sodass es klirrte.
„Womöglich ist es geschehen“, sagte ich, ohne daran zu glauben.
„Politisiert werden“, sagte Grete.
Ich zuckte mit den Schultern.
Grete nahm das Weinglas und schwenkte es. Ich fragte mich, ob der Wein auf die Couch oder nur auf Gretes Hose oder Bluse Schwappen würde, falls sie sich verschätzte und verbarg meine diesbezügliche Nervosität. Leidlich. Grete schüttete das halbe Glas in ihren Hals, wobei ihr ein Tropfen von der Lippe über das Kinn lief, den sie mit dem Finger abfing. Sie stellte das Glas zurück auf den Tisch und sah mich an. Ich deutete ihren Blick als Herausforderung. Wozu, wusste ich nicht.
„Damals hat es sich anders angefühlt“, sagte Grete. „Wie ein Kennenlernen. Die Welt ging mir auf. Marx aus zweitem und drittem Mund. Kapitallesekreise: immer wieder die ersten hundert Seiten. Einführungsbände lesen, um im Kapitallesekreis gut dazustehen. Ein Stück aus dem dritten Band lesen, das niemand kennt, um noch besser dazustehen.“
Ich kaute auf meiner Cashewnuss.
„Von diesem ausgespuckten Marx haben wir gelernt“, sagte Grete, „dass die Probleme der Welt mit dem Kapitalismus zusammenhängen. Dass die Menschen die Produktion im Kapitalismus auf eine Weise eingerichtet haben, die ihnen nicht bekommt. Dass die Maschinerie sie mitschleift. Dass ihre Bedürfnisse nur hinsichtlich ihrer Zahlungskraft zählen.“
Mein Weinglas war zu voll und ich fürchtete, wenn ich es nähme, vergösse ich den Wein. Ich erwog, mich zu dem Glas zu beugen und etwas davon abzuschlürfen, aber das kam mir grob und unfein vor. Das Weinglas blieb unangerührt.
„Wir wussten es“, sagte Grete. „Wussten wir es nicht?“
„Wir wussten es“, sagte ich und hob, womöglich von der Rede ermutigt, mein Glas, um einen Schluck davon zu trinken. Es gelang.
„Aber die Menschen wollten nicht hören. Es war nicht ihre Schuld. War es ihre Schuld?“
„Wie konnten sie es wissen?“, sagte ich und wagte es nicht, noch eine Nuss zu nehmen, obwohl mich eine wohlgeformte anlachte, aber erst hätte Grete eine Nuss nehmen müssen, damit ich mir eine weitere Nuss genommen hätte. Ich schob die Schale in ihre Richtung.
„Wir mussten es ihnen klarmachen. Sie hatten nicht unser Glück. Waren nicht politisiert worden. Nicht zufällig mit Leuten in Kontakt gekommen, die ihnen gezeigt haben, dass ein Prinzip hinter dem Lauf der Welt steckt.“
„Glück“, sagte ich, „sonst nichts. Privileg.“
„All das kann ich nicht mehr glauben, ich sage es, aber die Worte scheppern wie beschädigte Baumaschinen.“ Ihr Arm bedeutete den Raum. „Manchmal wünsche ich mir, der Boden wäre zerkratztes Laminat und wir säßen auf dem Boden und wenn unser Dosenbier umfiele, dann lachten wir.“
„Du romantisierst das Elend“, sagte ich und schämte mich, zu Grete gesprochen zu haben, als spräche ich zu einer, die es nicht besser wusste. Ich hatte das Bedürfnis den Wein mit dem Rücken meiner Hand über den Parkett zu stoßen, ohne dabei das Sofa zu beschädigen. „Ich weiß, was du meinst“, sagte ich. Ich hätte es gerne gewusst.
„Ich sehne mich nach dem Gefühl, Bescheid zu wissen“, sagte Grete. „Stattdessen weiß ich immer weniger. Was weiß ich schon? Ich habe kapituliert. Bei mir sieht es so aus wie bei dir.“
Sie meinte es nicht böse, also sagte ich: „Ja.“
„Irgendetwas tun, das etwas bringt. Ich glaube nicht, dass du mich verstehst.“
Ich glaubte schon, dass ich sie jetzt verstanden hatte, aber so war nun einmal das Leben und deshalb nahm ich das Weinglas und hob es, um mit ihr anzustoßen. „L‘chaim.“
Grete reagierte nicht. „Das Dilemma auszuhalten, darauf war ich einmal stolz. Jetzt kann ich es leicht. Das ist schlimmer. Verstehst du warum?“
Ich verstand warum, aber ich hatte mich an das Gefühl längst gewöhnt. „Man gewöhnt sich daran.“ Es hätte ein Witz sein sollen, aber Grete lächelte nicht.
„Es ärgert mich noch manchmal“, sagte sie und nahm sich endlich eine Nuss.
„Es hätte ein Witz sein sollen“, sagte ich und sah ihr dabei zu, wie sie die Nuss zwischen den Fingern drehte, sie mit dem Zeigefinger abrieb. Das Salz und das Fett der Nuss auf ihrer Hand verteilte, die Nuss in die Falte zwischen ihren Fingern klemmte und schließlich zurück auf den Tisch legte.
„Es fühlt sich so an“, sagte Grete und räusperte sich, „wie vor einem brennenden Haus zu stehen. Das Feuer lodert so hoch, dass ich mich kaum nähern kann. Die Hitze verbrennt mein Gesicht und der eiserne Griff des Wassereimers verglüht mir die Handflächen. Ich kippe das Wasser auf den Asphalt vor dem brennenden Haus und es steigt als Dampfwolke auf. Ich gehe zurück zum Brunnen, aber er ist leer.“
Ich nahm jetzt doch eine Nuss, denn ich hatte keine Lust mehr, ihr dabei zuzusehen, wie sie mich wissentlich und aus Bosheit quälte. „Zumindest hast du ein Ziel“, sagte ich.
„Ich setze mich an den Brunnen und sehe das Haus brennen. Menschen kommen gelaufen und sagen mir, was ich zu tun hätte, um den Brand zu löschen. Sie zeigen auf die Eimer. Ich zeige auf den Brunnen. Sie zeigen auf das Haus, das noch einmal auflodert, als bäumte es sich ein letztes Mal auf, um spektakulärer zu stürzen. Ich zeige auf die leeren Eimer. Sie zeigen auf den Brunnen. Ich zeige auf den Brunnen. Ich stecke meinen Kopf in den Brunnen, auf dessen staubigem Grund ein Oleander blüht.“

Foto: Eine Löschstation. Vier rote Eimer hängen an einer schwarzen Metallstange. Auf einem der Eimer steht ‚Fire‘. Im Hintergrund wächst ein Oleander, der seine Äste wie Arme streckt.

Auseinanderbrauen

Es drängt sich auf, radikale Gesellschaftskritik, die aufs Ganze geht, mit Verschwörungstheorien in Zusammenhang zu bringen. Die Gründe liegen auf der Hand. Beide bieten eine Version der Welt an, „wie sie eigentlich ist“, beide bilden ein relativ geschlossenes Weltbild oder eine ausgefeilte Theorie von der Welt, die vor Kritik einigermaßen gefeit ist, die Proponentinnen beider verkehren gerne unter Ihresgleichen und fühlen sich mitunter von anderen unverstanden. Das gilt nicht nur für kleine Polit-Sekten, sondern diese Merkmale kennzeichnen in gewisser Weise jede differenzierte und gründliche Gesellschaftstheorie, die sich nicht vom Unterschied zwischen dem gesellschaftlichen Wesen und seiner Erscheinung abbringen lässt.

Natürlich muss diese Nähe geleugnet werden. Aber die Gegenargumente klingen oft etwas matt oder sind nur schwache Relativierungen. Verschwörerinnen würden personalisieren – als wäre es so verschieden, ein paar Leute zur Wurzel des Übels zu erklären oder ein abstraktes Prinzip. Und wie schnell ist das Prinzip vergessen, wenn es ans Eingemachte geht. Weiters würden Verschwörerinnen projizieren und wären zur Selbstreflexion nicht fähig, eine Diagnose, die bei anderen immer leicht zu stellen ist, während die mangelnde Fähigkeit zur Introspektion bei einer selbst, schon dem Begriff nach, gar nicht bemerkt werden könnte.

Es gibt aber doch einen triftigen Einwand, der Verschwörungstheorien von einer bestimmten Art der Kritik deutlich abgrenzt, wenn er auch andere Spielarten umso mehr exponiert: Kritik im emphatischen Sinn, will die Welt gar nicht erklären, nicht sie im Geiste wiederholen. Sie geht auf das, was nicht sein soll, darin ist sie punktuell und sagt keineswegs, „wie es eigentlich ist“. Kritik geht nicht auf Eigentlichkeit, sondern gegen das Falsche. Darin ist sie ganz Partikular. Eine Stärke, die in Schwäche umschlägt, sowie das sture Starren aufs Einzelne den Blick fürs Ganze verkümmern lässt.

Lustprinzip

Die nicht wenig verbreitete Auffassung, Widerstand und politische Aktion müssten lustvoll sein, hat auch ihr Infantiles. Es soll nicht sublimiert werden müssen. Aus dieser Sicht fällt überhaupt zu vieles verdächtig günstig ineinander: Was gut für mich ist, ist gut für die Welt; wenn es mir gut geht, kann ich mehr Verändern und dergleichen.

Wenn die aus der berechtigten Kritik der Lustfeindlichkeit erwachsene Rede vom Lustvollen der Politik ihren Platz haben sollte, dann müsste es sich doch letztlich eher um sublimierte Lust handeln: Lust am Denken, Lust an der Verweigerung.

Allerdings: Vielleicht kann Verweigerung in diesem Sinn nicht lustvoll sein. Denn schließlich verlangt Sublimierung den Subjekten stets ab, ihre Lust in anerkannte Bahnen zu lenken. Und darin ist sie ihrem Begriff nach bereits affirmativ. Psychoanalytisch betrachtet gibt es keinen Verzicht – die Lust wird immer nur aufgeschoben, in der Hoffnung, später um so mehr genießen zu können.

Medaille

Wer Kunst kaufen oder auch nur gut finden will, wird sich in Zeiten innerer wie äußerer Unsicherheit, eher für konkrete Kunst entscheiden. Für Kunst mit Wirkung, die mit solider handwerklicher Fähigkeit hergestellt wurde. Für die aufwendig gemalten Bilder eines Neo Rauchs oder die effektvollen Gemälde Francis Bacons, für den vagen aber jedenfalls manifesten Geschichtsbezug der Werke Anselm Kiefers oder gleich für die Skulpturen Damien Hirsts, die gleichsam das Naturding selbst, eindrucksvoll präsentiert, ins Museum stellen.

Der Abstraktion wird eigentlich nicht so recht getraut, schon gar nicht der unprätentiösen. Wer weiß, vielleicht ist gar nichts dahinter? Mag sein und sie ist doch nur das, als was sie den meisten ohnehin erscheint: Ein großer Witz eines großen Kindes. Jedenfalls nichts Handfestes; die Abstraktion ist das Finanzwesen der Kunstwelt, die abstrakte Seite des Kapitals, die gedanklich der Konkretion als der „Realkunst“ gegenübergestellt wird. Das steckt auch darin, wenn sie regelmäßig in Verdacht gerät, bloße Verzierung, bloßes Ornament für Anwaltskanzleien und Banken zu sein und übrigens auch wirklich gerne dort hängt.

Der Impuls zum Konkretismus in der Kunst ist also dem Angst-Wunsch verwandt, der im Kapitalismus viele – wenn die Nacht sehr dunkel ist – befällt: Nach einem Stück Grund, nach einem Haus, nach etwas, dem zu trauen ist.

Was an der Abstraktion dagegen reizt, ist ihre Verheißung von sozialem Aufstieg, sie weist aufs Höhere: ein Umstand, der sie offenbar als zur Ikea-Massenware geeignet auszeichnet.