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Ich kreuzte die Beinchen vorm Bauch

Es war ein offener Bau, überdacht, aber ohne Seitenwände. Die Menschen hatten ihn wohl hier gebaut, um das Meer zu beobachten. Dabei tranken sie braunen Sud, der bitter duftete und sicher auch bitter schmeckte, denn sie tranken ihn gezuckert und aßen dazu süßen Teig, der in allen Farben leuchtete. Der Zucker war es auch, der mich immer wieder angelockt hatte.
Die Menschen duldeten mich. Es kam vor, dass einer mit dem Handrücken nach mir schlug, andere lehnten sich zurück und erlaubten mir, von ihrem Zucker zu naschen. So zog ich von buntem Zucker, zu buntem Zucker wie über eine satte Blumenwiese. Bald flog ich täglich hierher. Hätte ich wissen sollen, dass ich mich an eine Falle gewöhnte, die eines Tages zuschnappen würde?
Wobei: Ich deute es so, doch bin ich selbst jetzt, da mir die Vergangenheit klar erscheinen sollte, nicht sicher, ob es sich wirklich um eine Falle handelt. Über die Bauten der Menschen kursieren wilde Gerüchte. Die Mehrheit davon ist Aberglauben. Aber zuweilen ereignet sich Merkwürdiges dort, wo die Menschen die Natur in ihrem Sinne umgestaltet haben: Die Fallen etwa gibt es, ich habe sie selbst gesehen. Mit Sirup gefüllte Gefäße. Man sieht ihnen die Enge nicht an, klettert hinein und stürzt in den klebrigen Saft; oder die einzige Öffnung ist so geformt, dass die Beine keinen Halt finden und man abrutscht. Man schlägt mit den Flügeln, aber sie klatschen gegen die grüne oder braune Schale. Die Luft in der Falle ist von der Sonne heiß, die Kräfte versagen schließlich und man ergibt sich. Das Ende kommt als Erleichterung, ein Tod im Zucker. Ironisch, wenn man daran denkt, wie unsere Legenden das Paradies ausmalen.
Solche Fallen habe ich zu vermeiden gelernt. Sie raffen nur die Jungen dahin, die ihre Triebe nicht zu beherrschen vermögen, die glauben, die Warnungen der Alten von den Flügeln putzen zu können. Sie denken – und ganz unrecht haben sie damit nicht – warum nicht vom Köder naschen und der Falle entrinnen? Schließlich schaffen es manche.

Zuerst hielt ich es für einen starken Wind. Ich flog und prallte von der Luft ab, als hätte ich einen Baum oder eine Felswand getroffen. Vom Aufprall benommen setzte ich mich, ging auf und ab, schüttelte die Flügel aus. Ich flog wieder an und prallte wieder ab. Vor mir lag die Freiheit, aber eine unsichtbare Kraft hielt mich davon ab, dorthin zu gelangen.
Mit Anlauf flog ich erneut gegen die unsichtbare Mauer, erneut schlug ich mir den Kopf, trudelte zu Boden und drehte mich nur mit Mühe auf die Beine. Ich setzte mich und rieb mir mit den Vorderbeinchen den Kopf. Manchmal vergingen Probleme von selbst. Vielleicht war es wirklich ein Wind und ich musste nur warten und seine Kraft ließe nach. Vielleicht würde mir, wenn ich nur Ruhe bewahrte und nachdachte, die Lösung zufliegen, so wie ein Stück Fleisch einem zuweilen einfach vor die Füße fällt.
Doch die Sonne versengte mir den Hinterkopf und die Oberseite des Giftbeutels. Ich drehte mich, um die Hitze besser zu verteilen, auf den Rücken. Die Flügel streckte ich zur Seite und die Beinchen kreuzte ich vor dem Bauch, als legte ich mich zum Sterben.

Foto: Totes Insekt auf Fensterbank

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Mittelweg

Ein fucking Hirsch. Der Hirsch schleckte Matze in den Nacken.
Matze rann Geifer die Wirbelsäule hinunter und durchtränkte das Hemd im oberen Rückenbereich. Der Schaum roch nach verschimmeltem Magerjoghurt. Matze lag mitten am Weg, bäuchlings, sodass sein Körper eine Linie des Mittelstreifens bildete. Die Handflächen hatte er, wie zum Kopfsprung, überm Kopf gefaltet. Die gestreckten Beine presste er aneinander und zeigte mit den Fußspitzen zum Straßenrand. Weil auch die Fersen die Straße berührten, stachen ihm die Bänder in die Knieinnenseiten. Den eigentlichen Farbstreifen verdeckte sein Torso. Matze stellte sich vor, die Linie wäre auf die Bauchseite seines eigenen Körpers gepinselt, von den Eiern bis zur Kehle. Dann hätte trotzdem alles seine Richtigkeit, dann wäre alles beim Alten, zumindest solange er liegenbliebe, solange er sich nicht umdrehte, um den Hirsch zu verjagen.
Wenn jetzt ein Auto käme, dann flöhe der Hirsch in den Forst. Aber Matze bliebe einfach liegen, hätte gar keine Zeit mehr zu reagieren und der Wagen schösse entweder an ihm vorbei, oder rumpelte über seinen Leib wie über einen vom Sturm abgerissenen Ast. Möglicherweise wiche das Fahrzeug gerade so aus, dass die Reifen seinen Körper in zwei Hälften teilten und mit dem Blut und Eiter darin den Mittelstreifen nachzögen.
Der Hirsch hatte zu schlecken aufgehört, aber rührte sich nicht. Offenbar hatte ihn Matze falsch eingeschätzt.

Foto: Straßenschild: Mittelweg

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Traumland

– Und dann?
– Was sind zehn Jahre? Zudem: Zehn Jahre für uns. Für Sie ist es wie ein Schlaf. Wie ein tiefer Schlaf, nach dem Sie eine Weile brauchen, bis Sie wieder ganz da sind. Die Muskelatrophie verhindern wir mittlerweile fast vollständig. Stellen Sie sich einfach vor, Sie legen sich hin, wachen auf und haben einen schlechten Tag oder zwei.
– Meine Tochter. Sie wird dann neunzehn sein.
– Deshalb sind es bei Ihnen auch nur zehn Jahre. Zehn Jahre sind normalerweise genug. Meistens gibt man nur sicherheitshalber fünfundzwanzig.
– Sie wird mich nicht kennen.
– Dafür sind Sie dann frei. Sie können ein neues Leben anfangen. Sie können mit ihrer Tochter spazieren gehen, Ausflüge machen. Würden Sie sie lieber nur zu Besuchszeiten sehen? Sie wird sie respektieren. Sie als neuen Menschen betrachten. Wollen Sie das nicht?
– Ich bin kein schlechter Mensch.
– Natürlich nicht. Das ist auch ganz unerheblich. Sie bekommen ja eine zweite Chance. Haben Sie getippt?
– Irgendwie kommt es mir kindisch vor.
– Vielen hilft es. Dann können Sie, wenn Sie aufwachen, vergleichen, womit Sie recht gehabt hatten und wo Sie daneben lagen. Nach unserer Erfahrung gibt das den Rehabilitierten ein Gefühl der Kontinuität. Es hilft, die übersprungene Zeit zu mentalisieren.
– Soll es nicht ein Schnitt sein? Wie stand es in Ihrer Broschüre: ein Herausreißen.
– Das ist es auch. Aber man muss die Lücke füllen. Das heißt, man füllt sie – ob man will oder nicht. Man kann gar nicht anders. Und das Tippen hilft, eine realitätsgerechte Brücke zu schlagen. Aber es liegt natürlich ganz bei Ihnen. Sie machen das schließlich freiwillig. Ich sage Ihnen nur, welche Erfahrungen wir gemacht haben.
– Dann könnte ich noch zurücktreten?
– Sie haben sich doch entschieden. Und, wenn ich es so geradeheraus sagen darf, aus meiner Sicht haben Sie sich ganz richtig entschieden. Ich würde es so machen wie Sie.
– Aber Sie haben nicht?
– Ob ich was? Nein, dann dürfte ich auch nicht hier arbeiten.
– Ich dachte, man ist rehabilitiert.
– Natürlich. Schon. Trotzdem gibt es einige Berufe, von denen Sie ausgeschlossen sein werden. Zumindest jetzt noch. Das liegt daran, dass das alte System noch existiert. Es wäre zu umständlich, Häftlinge, bzw. Rehabilitierte, gesondert zu behandeln. Vorläufig werden Sie so behandelt werden wie ein entlassener Häftling. Obwohl man ja nicht wissen kann, was dann sein wird. Sie haben doch die Broschüre gelesen?
– Schon. Ich muss gestehen, dass ich nicht alles verstanden habe.
– Aber Sie haben unterschrieben, alles verstanden zu haben. Und ich habe den Eindruck, das Wichtigste begreifen Sie. Zehn Jahre Schlaf, statt fünfzig Jahre Gefängnis. Das ist doch ein guter Deal.
– Vielleicht wäre ich schon nach dreißig draußen.
– Mag sein. Aber, Bygones; in dieses Loch können Sie nicht mehr kriechen. Außerdem: Sie vergleichen Schlafen mit Gefängnis. Manche sagen, der Schlaf sei erholsam gewesen. Und die Chance, nicht rückfällig zu werden, verdreifacht sich. Sehen Sie, es ist doch klar. Im Gefängnis haben Sie mit den falschen Leuten Kontakt und nachher kennen Sie niemanden sonst. Der Schlaf ist unschuldig.
– Dann werde ich niemand mehr kennen. Alle werden weitergelebt haben, nur ich nicht.
– Sie werden neue Freunde kennenlernen. Ihnen wird eine Stelle vermittelt, das erste Jahr sind Sie versorgt. Machen Sie sich keine Gedanken.
– Jetzt habe ich doch Angst.
– Das ist normal. Wenn ich offen sprechen darf: Am Ende bekommen fast alle Angst. Am Ende will eigentlich niemand mehr. Ich verstehe auch nicht warum.
– Und nachher, bereuen es viele?
– Reue ist menschlich. Wir blicken zurück und fragen uns, was sein hätte können. Aber wer kann es schon wissen? Schlafen Sie jetzt. Wenn ich sage, hoffentlich sehen wir uns in zehn Jahren, dann um meinetwillen, verstehen Sie? Sie werden sicher träumen. Ich muss jeden Tag aufstehen und in die Arbeit gehen. Ein bisschen beneide ich Sie sogar. Regen Sie sich nicht auf. Tief ausatmen.
– Wenn ich mich nicht umentscheiden kann, dann will ich verlängern.
– Verlängern? Warum sollten Sie? Denken Sie an Ihre Tochter.
– Ich will wirklich neu beginnen. Lassen Sie mich hundert Jahre schlafen, zweihundert. Niemand, den ich kenne, soll mehr leben.
– So einfach geht das nicht. Das ist die Angst, die aus Ihnen spricht. Solange bekommen nur Mörder … lassen Sie das. Was machen Sie da? Das bringt doch nichts. Sicherheitsdienst. Nicht … bitte …

Foto: Die Laterna Magika in Prag, an deren Fassade sich das gegenüberliegende Haus spiegelt.

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Die Grube

Noch zwei Wochen bis zum Kampf. Möglich waren fünfzehn Meter am Tag. Sechzig hatte Jonathan schon. Bei zweihundertsechzig Metern Grubenumfang würde er also am Tag des Kampfes fertig. Vorausgesetzt er schaffte jeden Tag die fünfzehn Meter; unwahrscheinlich, weil manchmal die Bretter ausgingen, oder weil es derart goss – wie vor drei Tagen – dass er nur am Bauch liegend arbeiten könnte. Dann schaffte er keine fünf Meter. Also vierzehn Tage unter idealen Bedienungen und trotzdem würde es knapp. Das war‘s dann wohl. Er sah nach oben. Der Himmel war ein blauer Kreis, von dem aus eine punktgroße weiße Sonne in die Grube brannte. Ob ihn jemand vermissen würde? Er konnte sich nicht einmal in den Schatten an der Grubenseite drücken. Wegen der Stacheln: Die Oberin liebte Stacheln. Der ganze Kampf war primitiv. Man sollte statt zusätzliche Galerien zu bauen, die Grube mit Wasser fluten. Ein gewaltiges Wasserloch, das wäre eine Attraktion.
Zugegeben, die Leute kamen zu den Kämpfen und johlten und tobten so ausgelassen, dass die Hälfte des Publikums dabei in die Grube stürzte und draufging. Aber das taten sie, weil die Oberin es so wollte und wegen des Suds. Jonathan rührte das Zeug nicht an – das heißt nicht mehr. Der Sud machte einen verrückt. Ein Krug reichte und man fühlte sich wie eine wilde Sau, der man mit einem Speer oder einer Machete die Flanke geöffnet hatte. Aber man fühlte sich gut dabei, der Sud löschte die Distanz aus. Man fühlte sich nicht nur wie eine Sau, man war eine, man tobte und der Sud brannte im Magen, ätzte die Kehle hinauf und durch die Adern in den Kopf bis gegen die Schädeldecke. Und in Arme und Beine, in die Spitzen der Finger und unter das Nagelbett. Nach ein paar Krug Sud denkst du nicht mehr, du bist einfach da, aber nicht ruhig, sondern getrieben und rastlos.
Am nächsten Tag sind die Menschen übrigens nicht beschämt oder erleichtert, wieder bei Sinnen zu sein. Sie wollen nur wieder in diesen Zustand zurück, in die Raserei. Frag beim Kampf irgendwen im Publikum – nein, das geht nicht, frag besser vor dem Kampf – wie sie sterben wollen. Jeder wird dir sagen: „In der Raserei, im Sud will ich verrecken wie ein Viech, im vollen Sud, so dick im Sud, dass ich nicht mehr weiß, wer ich einmal war.“
Im Sud sterben, das ist es. Du fürchtest den Tod nicht mehr, du stürzt dich ihm entgegen und lieferst dich ihm lachend aus. Deshalb lasse ich die Finger vom Sud und deshalb kommen die Leute zur Grube, weil sie wissen, dass eine gute Chance besteht, draufzugehen. Sie wollen eigentlich dortbleiben. Bringen nichts mit: Den Sud bekommen sie dort, Sud gibt es immer genug und sonst brauchen sie nichts.
Es gibt einen – ich kenne ihn gut – der steht vor jedem Kampf an der Grubenschlucht, wo alle durchkommen, die zum Kampf wollen. Und er versucht die Vorbeiströmenden davon zu überzeugen, den Sud nicht zu trinken, nicht zum Kampf zu gehen. Die Oberin lässt ihn reden, sie weiß, dass er nichts ausrichten kann. Sie weiß, dass er ihr letztlich sogar hilft. Dieser Prediger – eigentlich ist er ein alter Dockerarbeiter, so wie ich, aber alle nennen ihn nur den Prediger – redet auf die Leute ein. Sagt ihnnen, der Kampf wäre ihr Untergang, der Sud würde ihnen das Menschsein rauben. Aber sie lachen ihm ins Gesicht. Das wollen sie nämlich gerade, man sieht es ihnen an. Aber warum lachen sie? Sie lachen ihn nicht aus, sie lachen, weil sie glauben, dass er sie verhöhnt. Ich weiß, dass es nicht so ist, dass er sie retten will, dass er glaubt, sie retten zu können, vor dem Sud, vor dem tierischen Dasein. Er glaubt, es gäbe schon Menschen. Zumindest hat er das geglaubt.
Jonathan wischte sich über die Stirn. In vierzehn Tagen war es nicht zu schaffen. Das heißt: diesmal würde er nicht predigen. Schön, wenn zumindest jemand sein Fehlen bemerkte und sagte: „Wo ist denn eigentlich der Prediger heute? Eigentlich schade, dass er aufgegeben hat.“

Foto: Ein Arbeiter legt einen Steg über einen Abgrund.

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Sieben für einen Zehner

Wenn zwei Bankomaten nichts rausrückten, lag es vielleicht an der Karte.
Die Blumen leuchteten im Licht der knapp über den Häusern stehenden Wintersonne. Daniel zog sich einen Handschuh aus. „Feuerblumen“ hatte sie gelbe Rosen mit rotem Rand manchmal genannt, aus offensichtlichen Gründen. In dem Plastikeimer mit dem gelben Neonschild erinnerten die Blumen an Marzipanverzierung auf Torten von Konditoreien, in die nur alte Ehepaare und Kreative mit Laptops gingen. Eins-fünfzig pro Stück: sechs verglühende Feuerblumen um neun Euro.
„Sieben für einen Zehner“, sagte Daniel.
Er hielt der Verkäuferin sein geöffnetes Portemonnaie entgegen, dessen Geldscheinfach bis auf den Zehner leer war. Sie deutete auf das Foto einer jungen Frau, welches im Seitenfach steckte. Man sah nur die Stirn und die Locken.
„Für die junge Dame?“, fragte die Verkäuferin.
Daniel zog den Zehner heraus und klappte die Geldbörse zu. Er nickte und sah auf seine Armbanduhr. Halb sechs, noch eine halbe Stunde.
„Bitte“, sagte er, den Zehner ausstreckend. „Ich wollte abheben, aber irgendwas stimmt mit der Karte nicht.“
„Ich gebe Ihnen acht Stück, acht Schöne“, sagte die Verkäuferin und nahm ihm den Schein aus der Hand. „Da wird sie sich freuen.“
Daniel schloss die Augen und öffnete sie wieder. Die Verkäuferin wählte acht Rosen aus und legte sie auf einen dunkelblauen Klapptisch. Sie nahm ein paar grüne Blätter ab.
„Stengel anschneiden?“, fragte sie.
„Nein, danke“, sagte Daniel.
Die Verkäuferin rollte Papier ab, wickelte die Rosen darin ein und klebte alles mit Klebestreifen zu. Sie reichte Daniel den Strauß und berührte dabei seine Hand. Daniel verabschiedete sich höflich und sah noch einmal auf die Uhr. Er hatte noch Zeit, trotzdem ging er schnell. Vor dem gußeisernen Tor blieb er stehen, um zu Atem zu kommen. Die Sonne hatte sich hinter der Krone einer Kastanie verschanzt und blitzte durch die Äste. Die Luft roch nach Streusalz und brannte in Mund und Nase.

Foto: Blumen vor einem Blumenladen.

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Rost

Seine Haut war zerknittertes Seidenpapier, vom Kortison ausgedünnt und vom Alter trocken und brüchig. Ich sah auf meine eigene Hand. Die Venen traten blau und dick hervor, wie unterirdische Flüsse. Meine Fingerkuppen strichen seinen Arm hinauf, streiften die spitze Schulter und blieben auf der Brust liegen. Er atmete schwer. Meine Hand hob und senkte sich mit seinem Atem. Jetzt, wo wir hier waren, glaubte ich, dass es gut war – dass er recht gehabt hatte. Trotz des langen Weges. Er sah zufrieden aus. Die Ärztin hatte gesagt, sie könne ihm nur von der Reise abraten, aber abhalten könne sie ihn nicht und dabei hatte sie ihm die Hand auf den Arm gelegt und mir zugenickt. Die Sonne schillerte durch die Bambuswand. Die Tür der Hütte klapperte, vom warmen Februarwind bewegt.
In Wien, im stürmischen Wien, im groben, im sudernden Wien, hatte er oft von den Andamanen geredet. Wir saßen am Abend bei einem Glas Wein zusammen, bei einer zerkratzten Platte von Nat Cole oder Nina Simone und erzählten uns Geschichten aus der Zeit, bevor wir uns kannten. Ich erzählte von meinem Studium in Barcelona, von den Nächten im Eixample Izquierda, von der weinroten Morgensonne am Carrer d’Aragó. Und er erzählte immer von hier, von seiner Zeit auf den Andamanen. Von den Stränden, weiß wie Weizen im Junilicht, vom Geruch gestoßener Koriandersamen, von den Krokodilen, die er nie gesehen hatte, die aber in warnenden Schildern lebten. Damals gab es noch die tauchenden Elefanten, sagte er immer, berüsselte Riesenfische mit Baumstammflossen. Dann legte ich meinen Kopf auf seine Brust und er wickelte meine Brusthaare um seinen Zeigefinger, sodass es zwickte.
Jetzt war ich es, der den weißen Flaum auf seiner Brust kitzelte und damit seine schneeblauen Augen öffnete. Nebelschwaden verschleierten seinen Blick. Er drückte die Lider zu und die rissigen Lippen verdünnten sich zu einer schwarzen Linie, die sein Gesicht verschloss, bevor es sich auffaltete.

Foto: Verrostete Roller mit andamarischen Kennzeichen.

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Dock 10

„Was machen wir, wenn die Styx wirklich auftaucht?“, fragte Selma.
„Sie kommt“, antwortete Carla, „am Ende kommt sie immer.“
„In Ordnung.“ Selma drehte den Kopf nach hinten und blickte dann wieder hinaus in den Nebel, der dunkel und schwer über dem Hafen hing. „Aber was machen wir dann?“
„Da gibt‘s nichts zu machen. Wir sitzen hier und lassen den rostigen Kahn an uns vorbei schippern.“ Carla bewegte ihre Hand langsam an ihrem Gesicht vorbei und dann vorbei an Selmas, als wäre ihre Hand die Styx. „Eigentlich schwebt sie … wie ein Geisterschiff … das ist sie ja auch. Sie macht kein Geräusch. Man hört nicht einmal das Wasser gegen den Rumpf plätschern, kein Nebelhorn dröhnen, nur der Nebelscheinwerfer verglüht die Luft.“
„Wieso Verglühen?“
„Metaphorisch sozusagen.“ Carla rollte mit den Augen.
„Ist es das Licht dort vorne?“ Selma zeigte in den Nebel.
„Wenn sie kommt, merkst du es“, sagte Carla. „Das kannst du mir glauben.“
„Wieso nennt man ein Schiff nach einem Fluss?“
„Was?“
„Styx“, sagte Selma, „das ist doch ein Fluss.“
„Das musst du die fragen, die das Schiff gebaut haben.“ Carla tippte etwas in ihr Smartphone. „Es ist nicht nur ein Fluss, sondern anscheinend auch eine Göttin. Die Tochter von Okeanos und Thetys.“
„Wofür ist sie die Göttin?“, fragte Selma.
„Wie meinst du das?“
„Göttinnen sind doch immer für irgendetwas zuständig: Freundschaft, Gerechtigkeit, Liebe.“
„Das steht hier nicht“, sagte Carla. „Konzentrier’ dich lieber auf den Nebel.“ Sie steckte das Telefon ein und richtete die Augen nach vorne.
Die beiden Freundinnen saßen am Pier. Die Beine baumelten über der schroff abfallenden Betonwand, gegen die zu Zeiten, als Dock 10 noch in Betrieb gewesen war, Containerfrachter ihre Bäuche gerammt hatten. Sie rückten näher aneinander als ein kalter Windstoß über den Hafen peitschte und ein Kran heulend krähte.
„Du hast gesagt“, sagte Selma, „ich merke, wenn sie kommt. Wieso soll ich mich dann konzentrieren?“
„Ich muss dir etwas sagen“, sagte Carla ohne sich Selma zuzuwenden. „Es kommt gar kein Schiff.“ Sie senkte den Blick.
Selma schloss ihre Freundin in den Arm. Wasser trübte ihre Sicht, wieder krähten die Kräne und ihr war, als sähe sie im Nebel einen dumpfen wachsenden Schein, als höre sie die schwarze See an den Rumpf der Styx schlagen und als riefe ein Nebelhorn Carlas Namen.

Foto: Hafendock mit der Aufschrift „Dock 10“