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Sieben für einen Zehner

Wenn zwei Bankomaten nichts rausrückten, lag es vielleicht an der Karte.
Die Blumen leuchteten im Licht der knapp über den Häusern stehenden Wintersonne. Daniel zog sich einen Handschuh aus. „Feuerblumen“ hatte sie gelbe Rosen mit rotem Rand manchmal genannt, aus offensichtlichen Gründen. In dem Plastikeimer mit dem gelben Neonschild erinnerten die Blumen an Marzipanverzierung auf Torten von Konditoreien, in die nur alte Ehepaare und Kreative mit Laptops gingen. Eins-fünfzig pro Stück: sechs verglühende Feuerblumen um neun Euro.
„Sieben für einen Zehner“, sagte Daniel.
Er hielt der Verkäuferin sein geöffnetes Portemonnaie entgegen, dessen Geldscheinfach bis auf den Zehner leer war. Sie deutete auf das Foto einer jungen Frau, welches im Seitenfach steckte. Man sah nur die Stirn und die Locken.
„Für die junge Dame?“, fragte die Verkäuferin.
Daniel zog den Zehner heraus und klappte die Geldbörse zu. Er nickte und sah auf seine Armbanduhr. Halb sechs, noch eine halbe Stunde.
„Bitte“, sagte er, den Zehner ausstreckend. „Ich wollte abheben, aber irgendwas stimmt mit der Karte nicht.“
„Ich gebe Ihnen acht Stück, acht Schöne“, sagte die Verkäuferin und nahm ihm den Schein aus der Hand. „Da wird sie sich freuen.“
Daniel schloss die Augen und öffnete sie wieder. Die Verkäuferin wählte acht Rosen aus und legte sie auf einen dunkelblauen Klapptisch. Sie nahm ein paar grüne Blätter ab.
„Stengel anschneiden?“, fragte sie.
„Nein, danke“, sagte Daniel.
Die Verkäuferin rollte Papier ab, wickelte die Rosen darin ein und klebte alles mit Klebestreifen zu. Sie reichte Daniel den Strauß und berührte dabei seine Hand. Daniel verabschiedete sich höflich und sah noch einmal auf die Uhr. Er hatte noch Zeit, trotzdem ging er schnell. Vor dem gußeisernen Tor blieb er stehen, um zu Atem zu kommen. Die Sonne hatte sich hinter der Krone einer Kastanie verschanzt und blitzte durch die Äste. Die Luft roch nach Streusalz und brannte in Mund und Nase.

Foto: Blumen vor einem Blumenladen.

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TI RR I EP

Ti, ruft ein grauer Wurm mit faltigem Sandgesicht
Und eine kahle Drossel schnurrt, sobald ein Buchstabe erlischt

Die Stahlräder des einfahrenden Zuges rollen,
Obwohl der Straßenköter den dumpfen Ton verknurrt

Und hundert Mücken auf den Gleisen schmollen,
Als eine Taube leise Dep ins Blechhorn gurrt

Foto: Schriftzug TI RR I EP. Bei genauerem Hinsehen erkennt man die abgeblätterten Buchstaben und liest: Time, Arr, Dep.

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Rost

Seine Haut war zerknittertes Seidenpapier, vom Kortison ausgedünnt und vom Alter trocken und brüchig. Ich sah auf meine eigene Hand. Die Venen traten blau und dick hervor, wie unterirdische Flüsse. Meine Fingerkuppen strichen seinen Arm hinauf, streiften die spitze Schulter und blieben auf der Brust liegen. Er atmete schwer. Meine Hand hob und senkte sich mit seinem Atem. Jetzt, wo wir hier waren, glaubte ich, dass es gut war – dass er recht gehabt hatte. Trotz des langen Weges. Er sah zufrieden aus. Die Ärztin hatte gesagt, sie könne ihm nur von der Reise abraten, aber abhalten könne sie ihn nicht und dabei hatte sie ihm die Hand auf den Arm gelegt und mir zugenickt. Die Sonne schillerte durch die Bambuswand. Die Tür der Hütte klapperte, vom warmen Februarwind bewegt.
In Wien, im stürmischen Wien, im groben, im sudernden Wien, hatte er oft von den Andamanen geredet. Wir saßen am Abend bei einem Glas Wein zusammen, bei einer zerkratzten Platte von Nat Cole oder Nina Simone und erzählten uns Geschichten aus der Zeit, bevor wir uns kannten. Ich erzählte von meinem Studium in Barcelona, von den Nächten im Eixample Izquierda, von der weinroten Morgensonne am Carrer d’Aragó. Und er erzählte immer von hier, von seiner Zeit auf den Andamanen. Von den Stränden, weiß wie Weizen im Junilicht, vom Geruch gestoßener Koriandersamen, von den Krokodilen, die er nie gesehen hatte, die aber in warnenden Schildern lebten. Damals gab es noch die tauchenden Elefanten, sagte er immer, berüsselte Riesenfische mit Baumstammflossen. Dann legte ich meinen Kopf auf seine Brust und er wickelte meine Brusthaare um seinen Zeigefinger, sodass es zwickte.
Jetzt war ich es, der den weißen Flaum auf seiner Brust kitzelte und damit seine schneeblauen Augen öffnete. Nebelschwaden verschleierten seinen Blick. Er drückte die Lider zu und die rissigen Lippen verdünnten sich zu einer schwarzen Linie, die sein Gesicht verschloss, bevor es sich auffaltete.

Foto: Verrostete Roller mit andamarischen Kennzeichen.

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Sand

Bela weinte. Bela lachte. Lieber weinte er. Wenn er traurig war, stellte er sich vor, wie seine Augen aussehen mussten und gefiel sich dabei. Am schönsten an Menschen fand er nicht freundliche Münder, nicht Grübchen, die im matten Winterlicht glänzten, nicht Charme, nicht Witz, nicht dunkles, türkis schimmerndes Haar, sondern ihr ernstes Gesicht. Zuweilen, wenn alle lachten und spielten, lehnte Bela an einem Zaun und hatte die Fantasie, jemand könne sein eigenes ernstes Gesicht bemerken und von der traurigen Schönheit des Anblicks angezogen werden. Aber sie fanden ihn nicht schön, nur seltsam. Sie sahen ihn nicht so, wie er sich.
Er entwickelte einen genauen Blick für Kinder, die ihm ähnelten und liebte es, jene zu bemerken, die wie er abseits saßen und darauf warteten, jemand möge ihre schöne Trauer bemerken. Bela schenkte ihnen die Aufmerksamkeit, von der er meinte, er selbst verdiente sie. Doch sie wollten nicht seine Aufmerksamkeit, sondern die der tobenden Kinder, der wilden Kinder, die einander über die Wiese jagten. Da verstand Bela, dass auch ihn nicht jene bemerken sollten, die wie er waren, sondern jene, die ihn nicht verstanden. Er starrte traurig auf das zerrupfte Spielplatzgras. Dann hob er das Gesicht und ließ den Wind Sand in seine Augen blasen.

Foto: Ein Rabe sitzt auf verrostetem Stacheldraht. Im Hintergrund steht unscharf ein Baum und der Winterhimmel blitzt zwischen den Bäumen hervor..

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Schimmern

Die Kette sah aus wie eine Kombination aus einem von einer Katze hochgewürgten Haarknäuel und einem Nierenstein. „Danke“, sagte Clara. „Sie ist sehr … was ist das für ein Stein?“
„Probier sie doch an!“, sagte Tante Hildegard. „Das ist ein Türkis, zwischen dem Kupferdraht. Weil du ja Probleme mit den Zähnen hast.“
Clara hängte sich die Kette um den Hals, der Verschluss ging schlecht zu. „Und jetzt muss ich nicht mehr Zähneputzen?“
„Mach dich ruhig lustig, aber nimm ihn mit nach Sri Lanka.“ Tante Hildegard nahm Claras Hand. „Wunderbar, er passt dir einfach wunderbar. Er hilft auch der Haut und du bekommst besser Luft. Du musst ihn nur manchmal in der Früh in die Sonne legen, um ihn aufzuladen.“
„Wie eine Batterie?“
„Ich hab dich so lieb.“ Tante Hildegard drückte Clara. „Pass auf dich auf. Dass dir nur nichts passiert.“ Sie roch nach Ingwer und Sandelholzräucherstäbchen.

Nach dem Vanillepudding mit Obstsalat beugte sich Hildegard, schon einige Gläser vom süßen Muskateller intus, zu Clara und flüsterte ihr verschwörerisch ins Ohr: „Ich weiß, du glaubst nicht an die Kräfte von dem Stein, aber bitte trage ihn trotzdem Liebes, sonst mache ich mir sorgen um dich. Tu es mir zuliebe. Denk an Samuel.“
Clara zuckte zusammen und rutschte ein Stück von Hildegard weg. „Wie genau, stellst du dir vor, wirkt der Stein?“
„Du musst ihn dir als Energiespeicher denken. Er speichert die Energie der Sonne oder anderer Steine. Jeder Stein ist wie ein Energietransformator und verwandelt die Energie in eine bestimmte Strahlung.“
„Was ist das für eine Strahlung?“
„Das kommt auf den Stein an. Du kannst es fühlen, greif mal, schließ die Augen. Jeder Stein sendet andere Strahlen aus.“
Clara fasste sich an den Hals und Hildegard legte ihre Hand um Claras und drückte sie an den Draht. Das Metall grub sich schmerzhaft in Claras Handflache.
Hildegard sah Clara erwartungsvoll in die Augen. „Fühlst du es? Wie fühlt es sich an Liebes?“
„Kalt und spitz?“
„Der Türkis ist ein kühler Stein, da hast du recht. Fühlst du noch etwas?“
„Meine Hand wird taub.“ Sie befreite sich aus dem Griff der Tante.

„Das Taxi kommt in drei Minuten“, sagte Claras Mutter und steckte das Handy ein. „Am besten ihr geht schon runter. Ich habe euch noch Kekse eingepackt und etwas von dem Pürree, da könnt ihr morgen Fischstäbchen dazu machen. Diesmal ist viel übrig geblieben.“ Sie blickte durch die Vorzimmertür ins leere Wohnzimmer.
Tante Hildegard bedankte sich und ließ sich von Onkel Alex in die Felljacke helfen, die sie zusammen mit ihren hennagefärbten Strubbelhaaren wie eine mythische Hirtengöttin aussehen ließ. Alle umarmten sich und als Clara an der Reihe war, sagte Hildegard zu Clara, so dass es alle hören konnten: „Trag den Stein Liebes, sonst geht es dir wie deinem Bruder.“

Foto: Gekachelte Fläche. Türkis. Gewellter Beton. Aschelücken.

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Dock 10

„Was machen wir, wenn die Styx wirklich auftaucht?“, fragte Selma.
„Sie kommt“, antwortete Carla, „am Ende kommt sie immer.“
„In Ordnung.“ Selma drehte den Kopf nach hinten und blickte dann wieder hinaus in den Nebel, der dunkel und schwer über dem Hafen hing. „Aber was machen wir dann?“
„Da gibt‘s nichts zu machen. Wir sitzen hier und lassen den rostigen Kahn an uns vorbei schippern.“ Carla bewegte ihre Hand langsam an ihrem Gesicht vorbei und dann vorbei an Selmas, als wäre ihre Hand die Styx. „Eigentlich schwebt sie … wie ein Geisterschiff … das ist sie ja auch. Sie macht kein Geräusch. Man hört nicht einmal das Wasser gegen den Rumpf plätschern, kein Nebelhorn dröhnen, nur der Nebelscheinwerfer verglüht die Luft.“
„Wieso Verglühen?“
„Metaphorisch sozusagen.“ Carla rollte mit den Augen.
„Ist es das Licht dort vorne?“ Selma zeigte in den Nebel.
„Wenn sie kommt, merkst du es“, sagte Carla. „Das kannst du mir glauben.“
„Wieso nennt man ein Schiff nach einem Fluss?“
„Was?“
„Styx“, sagte Selma, „das ist doch ein Fluss.“
„Das musst du die fragen, die das Schiff gebaut haben.“ Carla tippte etwas in ihr Smartphone. „Es ist nicht nur ein Fluss, sondern anscheinend auch eine Göttin. Die Tochter von Okeanos und Thetys.“
„Wofür ist sie die Göttin?“, fragte Selma.
„Wie meinst du das?“
„Göttinnen sind doch immer für irgendetwas zuständig: Freundschaft, Gerechtigkeit, Liebe.“
„Das steht hier nicht“, sagte Carla. „Konzentrier’ dich lieber auf den Nebel.“ Sie steckte das Telefon ein und richtete die Augen nach vorne.
Die beiden Freundinnen saßen am Pier. Die Beine baumelten über der schroff abfallenden Betonwand, gegen die zu Zeiten, als Dock 10 noch in Betrieb gewesen war, Containerfrachter ihre Bäuche gerammt hatten. Sie rückten näher aneinander als ein kalter Windstoß über den Hafen peitschte und ein Kran heulend krähte.
„Du hast gesagt“, sagte Selma, „ich merke, wenn sie kommt. Wieso soll ich mich dann konzentrieren?“
„Ich muss dir etwas sagen“, sagte Carla ohne sich Selma zuzuwenden. „Es kommt gar kein Schiff.“ Sie senkte den Blick.
Selma schloss ihre Freundin in den Arm. Wasser trübte ihre Sicht, wieder krähten die Kräne und ihr war, als sähe sie im Nebel einen dumpfen wachsenden Schein, als höre sie die schwarze See an den Rumpf der Styx schlagen und als riefe ein Nebelhorn Carlas Namen.

Foto: Hafendock mit der Aufschrift „Dock 10“