Stadtspaziergang

Von weitem hielt ich es für eine verwundete Taube. Blut hatte das Gefieder verklebt und schwarz gefärbt; die Flügel waren unnatürlich gestellt, bildeten ein deformiertes Zelt, das Kopf, Glieder, Schwanz verbarg. Der Vogel, also was ich dafür nahm, schleppte sich über den Asphalt, zum Straßenrand. Beim Näherkommen war es nur ein Müllsack. Wind hatte ihn aufgebläht und zu einer Kugel geformt, wälzte ihn den Bordstein entlang. Trotzdem machte ich um das „Tier“ einen Bogen, als lauerte unter der Plastikhaut noch die sterbende Kreatur.

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Sand

Bela weinte. Bela lachte. Lieber weinte er. Wenn er traurig war, stellte er sich vor, wie seine Augen aussehen mussten und gefiel sich dabei. Am schönsten an Menschen fand er nicht freundliche Münder, nicht Grübchen, die im matten Winterlicht glänzten, nicht Charme, nicht Witz, nicht dunkles, türkis schimmerndes Haar, sondern ihr ernstes Gesicht. Zuweilen, wenn alle lachten und spielten, lehnte Bela an einem Zaun und hatte die Fantasie, jemand könne sein eigenes ernstes Gesicht bemerken und von der traurigen Schönheit des Anblicks angezogen werden. Aber sie fanden ihn nicht schön, nur seltsam. Sie sahen ihn nicht so, wie er sich.
Er entwickelte einen genauen Blick für Kinder, die ihm ähnelten und liebte es, jene zu bemerken, die wie er abseits saßen und darauf warteten, jemand möge ihre schöne Trauer bemerken. Bela schenkte ihnen die Aufmerksamkeit, von der er meinte, er selbst verdiente sie. Doch sie wollten nicht seine Aufmerksamkeit, sondern die der tobenden Kinder, der wilden Kinder, die einander über die Wiese jagten. Da verstand Bela, dass auch ihn nicht jene bemerken sollten, die wie er waren, sondern jene, die ihn nicht verstanden. Er starrte traurig auf das zerrupfte Spielplatzgras. Dann hob er das Gesicht und ließ den Wind Sand in seine Augen blasen.

Foto: Ein Rabe sitzt auf verrostetem Stacheldraht. Im Hintergrund steht unscharf ein Baum und der Winterhimmel blitzt zwischen den Bäumen hervor..