Prinzipien der Wälzer

Um umfangreiche Werke ist schwer herumzukommen. Sie legen zu einem Thema etwas vor, das alle zwingt, die sich dem Bereich widmen, das Buch zu berücksichtigen. Sehr lange Texte sind unhandlich: kaum ist es möglich, ihre Teile gedanklich gleichzeitig zu vergegenwärtigen und zueinander in ein Verhältnis zu setzen. Diesbezüglich hilft den Texten eine undurchsichtige Gliederung. Wer etwas vorlegen will, sollte entweder zu fein oder zu grob gliedern. Sie sollte alles tun, den Text vor Zähmung zu bewahren. Das betrifft den Inhalt selbst. Die Argumentation darf nicht allzu durchsichtig sein, muss aber den Eindruck erwecken, dicht gewoben und reich an Material zu sein. Viele Anspielungen und versteckte Referenzen können diesen Effekt bewirken. Es reicht übrigens, etwas wie eine Anspielung oder Referenz aussehen zu lassen, oft genügt ein Wort. Die scheinbare Referenz ist schwerer entschlüsselbar als die tatsächliche und deshalb dankbar.

Diese Dinge wären teilweise in kurzen Texten umzusetzen, allerdings tut die Länge ihr Übriges und erleichtert die Aufgabe ungemein. Wenn der Text lang genug ist, kann ihm noch die deutlichste Gliederung und klarste Argumentation wenig anhaben. Das einzige Gift, das dem Text zusetzen könnte ist, als akademische Fleißaufgabe zu erscheinen – dann wäre aller Aufwand umsonst und das dickste Buch würde als ausufernde Arbeit einer Streberin neutralisiert. Es sollte also eher keine Dissertation sein und sich jedenfalls mehr genialisch als pedantisch gerieren. Es bleibt aber dabei: Um ein richtiges Werk vorzulegen, an dem erst einmal vorbei muss, wer etwas zum Thema sagen will, muss es vor allem lang sein.

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Encore III

Aus dem Wiederholungstabu, dem Kraftverlust des sich bloß wiederholenden Denkens, ergibt sich eine Art Druck nach vorne: Ein Zwang zum Nächsten und Anderen. Ist die Wahrheit eines Gedankens – kaum gedacht und schon verglüht, einen Moment lang nur aufgeflammt – seinem Wesen nach flüchtig, kann es nie zur Ruhe kommen. Denken wird so, aufgrund seiner immanenten Dynamik, weiter gedrängt. Dieser Impuls müsste wahrgenommen werden, ohne seinem Gebot sogleich willfährig zu gehorchen. Vielleicht hieße Denken paradox gerade, sich der Bewegung des Denkens zu widersetzen. Auch hier liegt Wahrheit im Abgebrochenen und Abgelenkten, im Umweg und im Stocken.

Allzu fern

Wer weiß, in fernerer Zukunft zu einem Thema sprechen zu müssen, macht sich schon allerhand Gedanken. Jede Lektüre wird irgendwie auf diesen Gegenstand bezogen, Gespräche landen absichtlich oder wie von selbst bei betreffendem Gebiet, vielleicht wird die ein oder andere Notiz gemacht. Auch werden in Gedanken schon erste Formulierungen geprobt, ganze Passagen des Vortrags werden beim Schlendern durch die Straßen als innerer Monolog sich selbst vorgetragen. Mit mancher Entdeckung ist die so sich viel zu früh gedanklich Einstellende sehr zufrieden, manche Notiz erfüllt sie schon mit Vorfreude, über den ein oder anderen Satz ist sie ganz entzückt.

Doch die Notizen verblassen mit der Zeit. Im Nachhinein mag der einst frische Gedanke abgestanden und fade erscheinen. Noch flüchtiger sind die Formulierungen im Kopf, die, so ohne Stift gedacht, schon verloren sind im selben Augenblick. Nach Monaten, wenn schließlich die große Stunde in nahe Zukunft rückt, ist von alledem nichts mehr übrig. Der Vortrag ist auf gewisse Weise bereits erledigt, er reizt nicht mehr. Vielleicht sollten Vorträge entweder recht kurzfristig beschlossen und angesetzt werden oder aber bloß geplant und rechtzeitig abgesagt. Erst so oder so wäre dann vielleicht doch noch etwas vom Denken übrig.

Denken und Handeln

Theoretikerinnen finden sich häufig der mit vorwurfsvollen Unterton gestellten Frage gegenüber, was denn nun getan werden könne, gegen die Übel der Welt. Es reiche nicht, sich kritische Gedanken zu machen, es müsse etwas angepackt werden, sei es auch noch so unbedeutend. Häufig fühlt die derart Angegriffene sich bemüßigt, mit der Rechtfertigung aufzuwarten, ihr Denken sei doch selbst ein Handeln, sei doch eingebunden in eine Praxis der Theorieproduktion und das wäre doch zumindest nicht nichts. Schließlich diskutiere sie und schreibe Artikel und hielte Vorträge – alles doch höchst praktische Angelegenheiten.

Soviel daran auch sein mag, so stellt diese Rechtfertigung doch eine Art der Verleugnung des Denkens dar. Implizit wird zugegeben, es müsse auch gehandelt werden und Theorie sei minderwertig, mündete sie nicht in Praxis. Dem Denken die Treue halten, würde dagegen bedeuten, auf den Unterschied zwischen Denken und Handeln zu bestehen; darauf, dass Denken im vollen Sinne nur dann Denken ist, wenn es eben nicht auf Praxis verweist, wenn es ein anderes zum Handeln ist, eine eigene Welt ohne Zwang zur Tat. Nicht zuletzt daher rühren die Freude und das Glück, die im Denken bewahrt bleiben – sofern es sich nicht zum Instrument der Lebensverbesserung degradieren lässt – und die auf ein besseres Leben verweisen. Der Bezug von Denken zum Handeln besteht in ihrer Beziehungslosigkeit. Wenn Denken Handeln sein kann, dann nur, indem es keines ist.

Alte Theorie

Die Beschäftigung mit Theorie ist ein bisschen wie das Interpretieren alter Musik. Es wird altes Denken gedacht. Das behandelte theoretische Werk will in seiner eigenen gedanklichen Dynamik mitvollzogen werden. Es verlangt, sich seiner Bewegung denkend zu überlassen. Eine im Kern zutiefst private und einsame Angelegenheit. Auch lässt sich dieses Denken, im Unterschied zum Studium der alten Musik, im Nachhinein nicht als geleistet vorführen. Kein Konzert kann die getane Arbeit öffentlich präsentieren. Der müden Sekundärliteratur, den vorgelesenen Fachvorträgen, die das versuchen, merkt man die Belanglosigkeit an, mit der sie aus dem geleisteten Denken Profit schlagen wollen. Letztlich muss Denken über Theorie bei sich bleiben und es ist gerade das, was seine Allgemeinheit stiftet.

Rettender Diebstahl

Geistiges lebt nicht dank pedantischer Wahrung seines Eigentumstitels fort und verschwindet nicht durch Diebstahl. Im Gegenteil übersteht Gedankliches nur den Lauf der Zeit, indem es von Anderen als die ganz eigene und einzige Wahrheit vertreten wird: also gestohlen. Durch diesen Diebstahl verwandelt es sich und überlebt so den geschichtlichen Wandel der Gesellschaft, während das pedantische Zitieren bloß versteinert aufbewahrt, was schließlich nur noch fürs Museum taugt. Für verbindliches Denken, ja für Wahrheit schlechthin ist also das Plagiat rettend, die Aufnahme in den Kanon wäre der Tod der diese konstituierenden Beweglichkeit.

Wohlgemerkt wäre das gar keine neue Praxis, sondern beschreibt nur, wie Denken seit je sich weitervererbte. Wer Theorie – wie es sich geziemt – rückwärts liest, also sich vom Neuen zum Alten vor tastet, wird es merken: Alles war schon vorher da und doch nie so. Und es vermag eben so nur da zu sein, indem es direkt da ist, nicht als überlieferte Weisheit. Wahrheit sammelt sich nicht an, wird nicht von Generation zu Generation weitergegeben. Sie besteht einzig fort, indem sie vertreten wird.